Mittwoch, 30. September 2020
Lexi -08
„Also war es nicht schlimm, dass ich dich heute Morgen geweckt habe und wie ich das gemacht habe?“
Sie schaut mich schüchtern an. Ich lächele und bestätige:
„Nein, du hast es genau richtig gemacht! Als wärst du in deiner Rolle drin. Wie ein echter Hund!“
„Wenn ich aber etwas tue, was dich in Mitleidenschaft zieht. Sagen wir, indem ich nicht auf dich höre, weil mir der Schalk im Nacken sitzt?“
„Hm, du hast in allem meinen Respekt verdient. Wenn ich nun der Leidtragende eines Spaßes deinerseits geworden bin, sollte ich auch darüber lachen können. Nun bin ich aber auch nur ein Mensch, und mich könnte im ersten Moment der Ärger übermannen. Ich werde versuchen, den Ärger zu bekämpfen. Das gelingt mir am Leichtesten, wenn du mir gegenüber Mitgefühl zeigst.“
Nach einigen stillen Minuten schaut sie mich fragend.
„Wirklich keine Strafe für mein ungezogenes Verhalten?“ fragt sie.
„Nehmen wir an, du spielst nicht nur einen Hund, du wärst einer: Würdest du einen Hund schlagen?“ frage ich zurück.
Sie unterbricht ihr Frühstück, stemmt sich mit den Armen hoch und schüttelt vehement den Kopf.
„Man schlägt kein Tier! Das Vertrauen zwischen Herr und Hund würde zerstört werden.“
„Richtig!“ gebe ich ihr Recht. „Würdest du denn eine andere Strafe wählen? Und wenn ja, welche?“
Unsicher geworden, antwortet Alex‘:
„Ich weiß nicht…“
„Ein Tier verknüpft die Reaktion meinerseits mit der direkt vorher erfolgten Aktion seinerseits. Wenn ich erst später reagiere, weiß das Tier nicht, warum ich so oder so reagiere und es reagiert verstört, wird vielleicht zu einem Angstbeißer. Ungezogenes Verhalten, kann ich also nur sofort ahnden.
Wenn ich zuerst hinter dir herlaufen muss, um etwas wieder zu bekommen, und reagiere erst dann, ist es zu spät. Bist du öfter ungezogen, müsste ich ein Schockhalsband für dich kaufen. Damit kann ich auch aus der Entfernung reagieren.“
Alex‘ schaut mich groß an. Ich schüttele lächelnd den Kopf und nicke ihr aufmunternd zu.
„Nehmen wir an, du bist noch nicht auf Hundekommandos trainiert und konntest deshalb nicht gehorsam sein…-“
Alex‘ merkt auf.
„Hundekommandos trainieren…“ wiederholt sie mich. „Wie geht das?“
„Heute nutzt man in allen Hundeschulen in Deutschland dafür die ‚positive Verstärkung‘, das bedeutet ‚Motivation über Lob und Belohnung‘.“
„Und wenn ich nicht will?“ bleibt sie am Ball.
„Ein echter Hund mag es, wenn man sich um ihn kümmert, ihm Aufmerksamkeit schenkt. Dann ist er glücklich. Das wirkt auch wie eine Belohnung. – Wenn ich dich nun ignorieren würde, weil du keine Kooperation zeigst?“
„Das wäre schlimm!“
„Siehst du. Dich trainieren bedeutet auch, dir Aufmerksamkeit schenken, meine Zeit mit dir teilen…“
„Das stimmt,“ bestätigt sie. „Was kann ich denn unter ‚Lob und Belohnung‘ verstehen?“
„Lob,“ erkläre ich ihr, „kann mit Worten geschehen oder durch Streicheln. Meistens nutzt man beides. Als Belohnung kommen Leckerlies infrage. Dafür müsste ich wissen, was du besonders gerne magst. Oder ich schneide fürs Training extra einen Apfel klein und schiebe dir als Belohnung jeweils ein Stückchen in den Mund.“
„So wie gestern das Lakritzstückchen? Das wäre wunderbar,“ meint sie und reibt ihren Kopf an meiner Schulter. „Du bist ein gutes Herrchen! Kein bisschen nachtragend…“
Ich ziehe die Augenbrauen hoch, lasse das Thema aber auf sich beruhen. Stattdessen meine ich:
„Dann trainiere ich mit dir gleich einmal die Grundkommandos. Du siehst dann, wie so etwas abläuft.“
„Jaa!“ sagt sie und schiebt mir ihre leere Schale zu.
Ich halte ihr die Trinkflasche hin und lasse sie einen großen Schluck Kaffee nehmen.
„Bist du satt?“ frage ich noch.
Sie nickt und ich nehme die leere Schale auf. Dabei schaue ich sie an und meine:
„Gestern habe ich über das Ausdrücken von Gefühlen gesprochen. Wie wäre es, wenn du Trauer zeigst, sobald ich mich entferne und Freude, sobald ich wieder zu dir komme?“
Sie macht „Hm…“ und kauert sich hin, um mir danach einen traurigen Blick zu gönnen. Ich lächele und sage:
„Ja, ungefähr so! Das machst du schon gut! Da bin ich gleich gespannt, wie du mich empfängst, wenn ich aus der Küche komme…“
Nun trage ich Geschirr und Besteck in die Küche und spüle es ab. Anschließend gehe ich ins Wohnzimmer zurück. ‚Lexi‘ kauert immer noch da. Als sie mich sieht, kommt sie auf alle Viere hoch, grinst fast von Ohr zu Ohr und beginnt mit dem Hintern zu wackeln. Dadurch verliert sie ihren stabilen Stand und rollt ab auf eine Seite. Dort kommt sie wieder auf die vier Beine und beginnt wieder mit dem Po-wackeln.
Ich lächele sie ebenfalls an und gehe auf sie zu, um sie zu streicheln und zu tätscheln. Dabei lobe ich sie und verlange, dass sie sich ab jetzt immer so verhalten soll.
Da fällt mir ein Fehler ein und sage:
„Oh, ich brauche ja Leckerlies für dich! Ich gehe noch einmal in die Küche zurück und schneide schnell einen Apfel in kleine Stücke.“
Mich umdrehend gehe ich, wie angesagt, in die Küche zurück und nehme einen Apfel aus dem Obstkorb, um ihn kleinzuschneiden. Dabei sehe ich ‚Lexi‘ in der Küchentür stehen. Sie ist mir neugierig gefolgt.



Dienstag, 29. September 2020
Lexi -07
Alex‘ hat aufmerksam zugehört und meint nun:
„Puh, das ist eine ganze Menge!“
„Keine Angst,“ muntere ich sie auf und streichele über ihr Haar. „Das kommt so nach und nach!
Die Zunge eines Hundes zum Beispiel ist ein vielseitiges Werkzeug. Da ein Hund keine Hände hat verformt er sie zum Trinken wie einen Löffel. Aber da gibt es noch mehr: Die Hündin hat ihre Welpen nach der Geburt mit der Zunge gesäubert. Später fordern die Welpen ihre Mutter auf Nahrung hervor zu würgen, indem sie die Schnauze lecken.
Der erwachsene Hund im menschlichen Haushalt nutzt nun diese Gesten, um dem Menschen seine Zuneigung zu zeigen. Nun liegt der Mund des Menschen so weit über dem Boden, dass der Hund den Menschen anspringen muss. Wenn man ihm das verbietet, leckt er als Ersatzhandlung die Hand.
Nochmal zurück zum Trinken aus dem Napf: Du kannst deine Zunge nicht so verformen wie ein Hund. Mit viel Training klappt es irgendwann ein wenig, aber das reicht bestimmt nicht, um deinen Durst zu stillen. Deshalb habe ich dafür so eine Trinkflasche mit Mundstück, wie sie Radrennfahrer benutzen. Mach dir also keinen Knoten in die Zunge!“
Beim letzten Satz grinse ich leicht und streichele über ihre Flanke. Lexi ist auf die Couch geklettert, während ich geredet habe und hat ihren Kopf auf meinen Oberschenkel abgelegt. Jetzt schaue ich zur Uhr und frage sie:
„Es ist ja schon nach zehn Uhr und immer noch hell! Willst du nicht allmählich zum Übernachten runter in deine Wohnung gehen?“
Alex‘ hebt den Kopf und schaut ebenfalls zur Uhr.
„Ooooch,“ dehnt sie die Antwort. „Muss das sein?“
„Denk an Toscha!“ gebe ich ihr ein Beispiel. „Sie hat die Nächte auch immer draußen verbracht.“
„Das stimmt,“ gibt Alex‘ mit Enttäuschung in der Stimme zurück. „Aber alle Hunde, die ich hier kennengelernt habe, leben bei ihrer Familie in der Wohnung…“
Sie schaut mich mit traurigen Augen an. Ich lenke ein:
„Gut, die Hunde legen sich abends in ihr Hundebett, ein Körbchen, Kissen, Matratze, was auch immer. Du hast ja schon einmal bei mir auf dem Gästebett übernachtet. Ich bau dir das wieder auf, da bist du mir auch nahe wie ein Hund.“
Ich stehe auf und sie stellt sich auf, um mir zuzuschauen. Nachdem ich fertig bin, krabbelt sie neben der Couch auf ihr Gästebett und ich bin wenig später eingeschlafen.

*


Am Morgen danach wache ich auf, weil ein feuchter Waschlappen durch mein Gesicht gezogen wird, wie ich im Halbschlaf annehme.
Ich öffne die Augen und mache eine schwache Abwehrbewegung mit der Hand, die aber gestoppt wird, weil sich irgendetwas über mir auf der Couch befindet. Es ist Alex‘. Sie steht vierbeinig über mir und beugt sich gerade wieder zu mir herunter, spitzbübisch lächelnd, um mir über Wange und Nase zu lecken.
Jetzt erkennt sie, dass ich wach bin, und macht „Wuff!“ Sie steigt von der Couch und läuft auf allen Vieren zur Küchentür. Dort dreht sie sich halb um und schaut zu mir zurück.
Ich habe mich aufgesetzt und trockne mein Gesicht an der Bettdecke. Dann stehe ich auf und gehe erst einmal ins Bad, um mich frisch zu machen. Alex‘ ist in der Tür zum Badezimmer aufgetaucht und schaut mir interessiert zu. Danach macht sie die Tür frei und lässt mich heraus. Während ich noch im Schlafanzug bin, hat sie inzwischen eine kurze Hose, Strümpfe, Schuhe und ein Tshirt angezogen. Auf allen Vieren krabbelt sie zum Küchenschrank und schaut von dort zu mir herüber. Wieder höre ich ein „Wuff!“
„Okay!“ sage ich lächelnd. „Ist ja schon gut. Ich beeile mich ja schon!“
Ich mache Rührei und schneide zwei Brötchen auf. Wieder schneide ich ihre Portion in kleine Stücke und fülle damit ihre Schale.
„Magst du Kaffee oder Tee zum Frühstück?“ frage ich.
Sie sagt kurz „Kaffee“ und ich brühe etwa ein Liter des Getränkes auf. Die Hälfte davon gebe ich in ihre Plastikflasche, und bringe dann alles an den Esstisch.
Sie setzt sich zu meinen Füßen an den Tisch, schaut prüfend zu mir hoch und fragt:
„Habe ich eigentlich alles richtig gemacht, heute Morgen?“
Ich nicke und antworte ihr:
„Ich muss feststellen, du hast gut behalten, was ich gestern Abend noch zur Gestik der Hunde sagte… Zumindest was den Gebrauch der Zunge angeht!“
Dabei grinse ich und streichele über ihre Wange. Sofort dreht sie den Kopf, aber ich nehme die Hand weg, bevor sie darüber lecken kann. Wir frühstücken weiter. Nach kurzer Zeit fragt sie mich weiter:
„Und was machen wir heute?“
„Wenn du magst, kannst du den ganzen Tag in deiner Rolle bleiben. Wenn du dich wie ein Hund verhältst, neugierig und lernbegierig bist, schaffe ich dir eine Atmosphäre der Sicherheit und Geborgenheit. Ich fühle mich für dein Wohl verantwortlich. Es kommt nur darauf an, dass dir die Rolle Spaß macht. Lachen ist nicht verboten! Du kannst in der Rolle auch selbständig agieren, so wie heute Morgen beim Aufwachen. Schließlich bist du ja kein Roboter, der nur auf Befehl reagiert!“



Montag, 28. September 2020
Lexi -06
„Also Ball zwischen den Vorderpfoten, die Stellung ‚PLATZ‘ eingenommen und den Hals und Kopf auf den Ball gelegt?“ frage ich präzisierend.
„Ja, genauso!“ meint sie.
„Die Geste ist eindeutig. Sie bedeutet ‚MEINS‘. Wenn du die gleiche Stellung einnimmst und ich nähere mich dir, hast du zwei Möglichkeiten der Reaktion: Erstens, du knurrst. Damit warnst du mich davor, dir das Spielzeug abzunehmen. Du hältst den Besitzanspruch aufrecht! Oder Zweitens, du stehst hinten auf, bleibst aber vorne tief unten. Du streckst als quasi den Hintern in die Luft. Diese Geste nennt man die Spielverbeugung. In dieser Situation wäre es eine Spielaufforderung an mich. Das bedeutet, du müsstest den Ball freigeben, entweder damit ich danach greifen kann, oder indem du den Ball wegstößt und es zu einem ‚Nachlaufen‘ kommt.“
„Okay, aber wie knurre ich?“
„Versuche einmal beim Einatmen ein Schnarchgeräusch zu erzeugen und beim Ausatmen ein rollendes ‚R‘. Dann irgendwie ein Mittelding zwischen beidem…“
Sie knurrt mich nun an, als ich einen Schritt auf sie zu mache. Ich lächele und mache einen weiteren Schritt. Nun kommt sie mit ihrem Hintern hoch. Noch ein Schritt näher und sie kommt auch vorne hoch. Dabei stößt sie den Ball weg, der nun allerdings unter die Couch rollt und dort steckenbleibt.
Ich strecke die Hand aus und streiche ihr durchs Haar.
„Das war für den Anfang sehr gut, Alex‘ – oder besser: ‚Lexi‘. Als Hund solltest du ja ‚Lexi‘ heißen.“
Ich beuge mich zu der Couch hinunter und hebe sie an, damit ‚Lexi‘ den Ball mit einer Pfote anstoßen und darunter hervorholen kann. Sie nimmt das Angebot wahr und stößt den Ball unter der Couch hervor. Ich stelle die Couch wieder hin und versuche nun ihr den Ball abzujagen, was mir nicht recht gelingen will. Das reizt uns beide zum Lachen.
Schließlich habe ich ihn doch mit dem Fuß gestoppt und mich hinunter gebeugt, um ihn aufzunehmen. Dafür muss ich zwei Rempler von Lexi inkaufnehmen.
Danach setze ich mich auf die Couch und nehme ein Lakritzstück einer bekannten Firma in die Hand und zeige Lexi beides, das Lakritzstück und den Ball. Sie macht unschlüssig einen Schritt auf mich zu. Ich werfe den Ball in eine Zimmerecke, wo er vom Schrank abprallt und einen halben Meter rollt.
Anschließend sage ich „HOL!“ und drehe die Hand mit dem Lakritz, so dass sie es nicht mehr sieht. Noch einmal sage ich:
„Na, Lexi. HOL den Ball!“
Sie läuft dorthin und treibt den Ball mit kurzen Pfotenstößen in meine Richtung, bis er mir vor die Füße rollt.
Ich lächele und gebe ihr das Lakritz, weil sie den Hals danach lang macht. Trotzdem sage ich:
„Hier im Zimmer kannst du so etwas machen. Sollten wir einmal draußen spielen, wäre es gut, wenn du das Teil mit dem Mund aufnimmst und mir bringst, zwischen deine Zähne geklemmt. Dann bekommst du das Lakritz oder irgendein anderes Leckerlie im Austausch gegen das Spielzeug!“
„Achso,“ meint sie dazu.
„Du hast sicher bei Toscha, damals als sie noch lebte, beobachtet, dass sie verschiedene Gesten immer wieder einmal gezeigt hat. Damit sprechen die Hunde zu uns! Wenn du nun als Lexi eine Hündin spielst, solltest du dich möglichst genauso verhalten,“ meine ich zu ihr und erkläre: „Da wir gerade gespielt haben…
Eine der häufigsten Gesten ist wohl die Spielverbeugung: Nehmen wir als Ausgangsposition an, du stehst aufrecht. Dann beugst du deine Ellbogen. Dein Oberkörper kommt in Bodennähe, dein Hintern bleibt oben. Das hat je nach Situation verschiedene Bedeutungen. Entweder heißt es ganz einfach ‚Komm, spiel mit mir!‘ oder du willst auf diese Art eine angespannte Situation entschärfen. Dann heißt es ‚Ich tu dir nichts! Ich will bloß spielen!‘.“
„Ah,“ sagt Alex‘ nun. „Aber da gibt es bestimmt noch eine Reihe anderer Gesten?!“
Ich schüttele kurz den Kopf und sage:
„Klar, gibt es da eine Menge Gesten, die aber auch je nach Situation anders bewertet werden müssen. Man muss immer den Hund in der Situation als Gesamtheit betrachten. Aber das kommt alles mit der Zeit. Noch ist kein Meister vom Himmel gefallen.
Hunde gehen Kämpfen aus dem Weg. Dazu zeigen sie sogenannte Beschwichtigungssignale. Dennoch sind es meist charakterstarke Persönlichkeiten, die auf ihr Eigentum beharren und dann schonmal drohen können.
Neben den Gesten nutzen sie auch ihre Mimik, die sie meist einsetzen, um ihre Gefühle auszudrücken. Gefühle zeigen sie übrigens spontan zeitnah und ehrlich. Droht der Hund, schaut er zum Beispiel starr geradeaus denjenigen an, dem er droht. Zeigt er dagegen einen liebevollen Blick, entspannt sich sein Gesicht.
Aber auch hier musst du schon den ganzen Hund betrachten: Freut sich der Hund, ist er oft ganz außer sich, springt herum und wedelt mit dem Schwanz. Du hast aber keinen Schwanz. Da musst du dich an Hunden orientieren, die keinen langen Schwanz haben: Die wackeln ersatzweise mit dem Hintern.
Ist der Hund traurig, legt er sich meist ab und schaut einen mit einem ganz traurigen Blick von unten herauf an…“



Sonntag, 27. September 2020
Lexi -05
„Nun bin ich auch nur ein Mensch,“ schwäche ich etwas ab. „Aber wir hängen den Spruch bei mir im Wohnzimmer auf! So kannst du mich jederzeit daran erinnern.“
„Das ist ein Wort!“ sagt Alex‘ und hakt sich bei mir ein.
In unserem Wohnblock angekommen, betreten wir meine Wohnung. Alex‘ schaut mich erwartungsvoll an. Ich leere die Tüte von Raiffeisen auf dem Esstisch und frage sie:
„Du kannst es nicht erwarten?“
„Na, hör mal!“ meint sie. „Soll ich mir die Sachen im Regal anschauen?“
Ich muss spontan breit grinsen und sage:
„Okay, dann geh zuerst einmal in den Vierfüßler-Stand.“
Sie geht in die Hocke, beugt sich vor und setzt die Hände vor die Knie auf den Boden. Ich nehme Halsband und Pfotenschuhe und hocke mich vor Alex‘. Das Halsband ist schnell angelegt. Nun sage ich probeweise „GIB PFÖTCHEN!“
Alex‘ streckt mir die rechte Hand hin.
„Du musst eine Faust machen,“ meine ich, und ziehe ihr den Pfotenschuh über.
Anschließend schließe ich den Klettverschluss. Mit dem zweiten Pfotenschuh verfahre ich genauso. Dann sage ich:
„Mach mal ein paar Schritte.“
Wieder krabbelt sie eine kleine Runde im Wohnzimmer und hebt dabei im Bear Crawl die Knie vom Boden ab.
„Das sieht doch schonmal ganz gut aus,“ meine ich. „Bleib ruhig in der Stellung bis du runter in deine Wohnung gehst heute Abend. Ich mache uns eben das Abendessen.“
„Was ist, wenn ich stehe?“ fragt sie. „Muss ich dann so stehen wie jetzt?“
Ich schaue sie prüfend an und meine:
„Hm, wenn du dich bewegst, nimm den Bear Crawl dafür! Wenn du stehst, setze ruhig auch deine Knie ab. Zum Sitzen setz dich mit dem Hintern zusätzlich auf deine Fersen. Das dürfte am wenigsten anstrengend sein.“
Dann lasse ich sie stehen und gehe in die Küche, um dort Mini-Frikadellen, Kartoffel-Spalten und Schnittbohnen zu kochen. Alex‘ schaut mir dabei von der Küchentür aus zu. Nachdem alles fertig ist, nehme ich eine flache Glasschale aus dem Schrank. Das schwere Teil ist nicht sehr hoch, aber hat einen größeren Durchmesser. Da müsste sie mit ihrem Gesicht hineinpassen.
Meine Portion richte ich auf einem Teller an. Ihre Portion zerteile ich in der Schale zu mundgerechten Stücken. Nun bringe ich beides an den Esstisch. Ihre Schale stelle ich neben mich auf den Boden, und beginne zu essen. Alex‘ schaut ihre Schale misstrauisch an, um mich danach mit gekräuselter Stirn anzublicken.
„Ich dachte, du fütterst mich…“ meint sie.
Ich ziehe eine Augenbraue hoch, nicke und sage:
„Das mache ich bestimmt ab und zu! Aber normalerweise solltest du selbst essen.“
„Mit den Pfotenschuhen klappt das aber nicht!“ stellt sie fest.
„Tjaaa,“ ziehe ich in die Länge. „Dann wirst du die Sachen mit den Lippen herausangeln müssen…“
Alex‘ brummt etwas, beugt sich aber dann über die Schale und beginnt zu essen. Schließlich ist sie sogar vor mir mit ihrer Portion fertig. Sie schaut mich erwartungsvoll an.
„Okay, okay!“ sage ich nun lächelnd, stehe auf und hole aus der Tiefkühltruhe in der Küche ein paar schokoladenüberzogene Milcheiswürfel, mit denen ich sie nun füttere.
Danach bringe ich Geschirr und Besteck in die Küche, um es kurz abzuspülen und zum Trocknen in den Korb zu stellen. Zurück im Wohnzimmer werfe ich ihr den Ball zu und lege den Quietscheknochen auf den Couchtisch. Alex‘ stoppt den Ball, hält ihn zwischen den Vorderpfoten und schaut mich an, als ob sie etwas von mir erwartet.
Lächelnd frage ich sie:
„Was hätte Toscha in dieser Situation jetzt gemacht?“
Sie überlegt eine Zeitlang und sagt dann:
„Er hätte sich auf das Spielzeug gelegt…“



Samstag, 26. September 2020
Lexi -04
„Ich schaue gern einmal im Lager nach!“ bietet sie an und nimmt mir das Halsband aus der Hand.
Nun ist sie erst einmal für ein paar Minuten verschwunden. In dieser Zeit lasse ich Alex‘ Hundeschuhe der Größe XXL anprobieren. Sie sind eigentlich dazu gedacht, dass Hunde nicht den Verband um eine verletzte Pfote mit den Zähnen aufknibbeln.
Das führt auch dazu, dass Alex‘ auf andere Gedanken kommt und sich keine Scham in ihr bilden kann, wegen dem kurzen Gespräch mit der Verkäuferin, die kurze Zeit darauf zurückkommt und ein Halsband in Originalverpackung in der der Hand trägt, das sie mir nun mit fragendem Blick aushändigt.
Ich prüfe es kurz und nehme es aus der Verpackung, um es Alex‘ anzulegen. Diesmal passt das Halsband. Die Verkäuferin hat uns in der Zwischenzeit allein gelassen.
„Mir fällt noch etwas ein,“ sage ich und ziehe Alex‘ hinüber zum Hundespielzeug.
Hier schaut sie sich etwas unschlüssig um. Dann zuckt sie die Schultern und fragt:
„Mit sowas spielen Hunde hier in Deutschland?“
„Oh,“ meine ich. „Da gibt es auch Sportgerät, das man für Hunde zweckentfremden kann! Du hast Recht, einiges hier ist Kitsch. Aber hatte euer Toscha denn kein Spielzeug?“
„Toscha wurde draußen im Zwinger gehalten,“ erklärt Alex‘. „Ab und zu ging sie mit uns spazieren. Dann hoben wir Stöckchen vom Boden auf, die sie gern apportierte.“
„Okay, also ein Zwinger- oder gar Käfighund bist du bei mir nicht!“ treffe ich eine Feststellung. „Du darfst dich frei in der Wohnung bewegen bis ein Kommando von mir kommt. Darauf solltest du dann schon hören, denn ich trage für dich die Verantwortung.“
„Aha,“ meint Alex‘. „Du trägt die Verantwortung für mich?“
„Wenn du es mir nicht zu schwer machst…“ grenze ich es lächelnd ein.
Wir haben uns für einen Knotenball und einen quietschenden Gummiknochen entschieden.
„Okay,“ sage ich nun. „Dann können wir zur Kasse gehen.“
Alex‘ trägt das Spielzeug zur Kasse, während ich Halsband und Pfotenschuhe in Händen halte. Die Verkäuferin steht nun hinter dem Kassentresen und schaut uns entgegen. Wir legen ihr die Sachen hin, und sie nimmt das Lesegerät in die Hand. Dann stutzt sie allerdings und schaut uns an.
„Geht das zusammen, oder getrennt?“ fragt sie.
„Ich zahle alles!“ antworte ich. „Sie ist der Hund…“
Als wir danach das Geschäft mit einer Tüte verlassen haben, fragt Alex‘ mich:
„Musste das sein?“
„Was?“ frage ich zwinkernd.
„Na, dass ich der Hund sei…“
„So ist es aber doch…“ sage ich, nehme sie dann aber in den Arm und ziehe sie nahe an mich heran.
„Die Frau wird heute Abend beim Abendessen was zu erzählen haben…“ ergänze ich, spitzbübisch grinsend.
Unterwegs nachhause sage ich ihr:
„Die Verbindung Hund/Herrchen ist keine Einbahnstraße! Nicht ich gebe vor, was Sache ist und du gehorchst, sondern auch du bist spontan gefühlsmäßig aktiv und ich muss irgendwie darauf reagieren. Ich habe dazu einen Spruch bei Google gefunden…“
Ich hole mein Handy hervor und suche in der Gallerie, dann zeige ich ihr den Spruch:

„Sie ist deine Freundin, dein Partner,
Dein Verteidiger, dein Hund.
Du bist ihr Leben, ihre Liebe,
Ihr Führer. Sie wird zu dir gehören,
Treu und wahrhaft, bis zum letzten Schlag
Ihres Herzens. Du schuldest es ihr,
Einer solchen Hingabe würdig zu sein.“

„Das ist ein hoher Anspruch!“ meint sie und schaut mich zweifelnd an.