Montag, 13. Juli 2020
Luna -20-
Meine Aufmerksamkeit gilt nun mehr der Umgebung, als den Wolken. Wir haben den Randkanal verlassen und sind wohl schon in einem der Seen des Naturschutzgebietes angekommen. Von Zeit zu Zeit fahren wir an roten und grünen Bojen vorbei. Das eigentliche Ufer des Sees ist nur selten zu sehen. Zumeist wird es von dichtem Schilf verdeckt. Oder eine Weide lässt ihre langen biegsamen Zweige ins Wasser hängen.
Bisher sind wir zwischen den roten und grünen Bojen hindurch gefahren. Auf einmal sehe ich beide an einer Seite der Escargot und dann erschreckt mich ein Rasseln vorne am Boot. Ich schaue vorsichtig über die Bordwand und sehe, wie eine Kette aus einem ‚Bullauge‘ herauskommt. Dann ändert sich das Summen des Motors und die Kette spannt sich. Gleich darauf höre ich hinten bei Maik das gleiche Rasseln.
Ich schaue über das Kabinendach zurück und frage Maik:
„Was machst du?“
„Ich habe hier außerhalb der Fahrrinne geankert. Ich wollte dich etwas beschäftigen und dann etwas zu Mittag machen,“ antwortet er mir.
„Oh, ist schon so viel Zeit vergangen?“ frage ich und krabbele zu der Luke, um in den Salon zu kommen.
Maik steigt auch schon den Niedergang zur Kombüse herunter und kommt mir entgegen.
„Als Hündin, die im Haushalt ihres Besitzers lebt, solltest du ein paar Kommandos kennen,“ meint er augenzwinkernd. „Wir haben sie ja schon geübt, aber Wiederholungen schaden nie!“
In der nächsten halben Stunde führt er mich durch das ganze Repertoire von Hunde-Kommandos. Schließlich meint er:
„So, jetzt mache ich uns etwas zu essen.“
Er geht zurück in die Kombüse und schüttelt Backofen-Frites aus der Tüte auf ein Backblech. Dann mischt er aus Tomatenketchup mit kleingeschnittenem Paprika und Zwiebeln eine Soße und wärmt die letzten zwei Frikadellen auf, die ich gestern geknetet habe. Dazu schneidet er grünen Salat in Streifen, fügt die restliche Paprika hinzu und gibt Joghurt-Salatsoße darüber. Das Ganze vermengt er mit dem Salatbesteck in der Schüssel.
Als alles fertig ist, füllt er zwei Teller. Das Essen auf einem Teller schneidet er klein und stellt den Teller vor mich auf den Boden der Kabine, dann beginnt er zu essen. Nur ab und zu erhasche ich einen Blick von ihm, wenn ich einmal zu ihm hochschaue.
Da es für mich ungewohnt ist, mein Essen wie Beauty mit dem Mund aufzunehmen, ist Maik schon vor mir mit seiner Portion fertig. Er wartet geduldig bis auch ich gegessen habe. Nun beugt er sich zu mir herunter und reinigt mir mit einem Küchentuch den Mund. Trotzdem bleibt bei mir das Gefühl, einen schmutzigen Mund zu haben. Entsprechend enttäuscht schaue ich ihn an.
Er räumt Geschirr und Besteck in die Spüle und feuchtet den Zipfel des Spül-Handtuches an, das da hängt. Damit reinigt er mir den Mund noch einmal und trocknet mich mit einem trockenen Zipfel des Tuches ab. Jetzt ziehe ich mich zufrieden auf die Liegefläche im Salon zurück und beobachte sein weiteres Tun in der Kombüse. Er spült und stellt Geschirr und Besteck in die Schränke zurück, wo sie gegen Herausfallen gesichert sind.
Dann nimmt er eine Karte aus dem Regal, breitet sie auf dem Tisch aus und sagt:
„LUNA, ZU MIR!“
Ich steige, neugierig geworden, von der Liegefläche und nähere mich ihm.
„AUF!“ sagt er jetzt und zeigt auf die ihm gegenüberliegende Bank.
Also steige ich mit den Händen und gestreckten Armen auf die Sitzbank und schaue ihn an. Habe ich das Kommando jetzt richtig interpretiert?
Maik lächelt und deutet auf die Karte.
„Das Naturschutzgebiet hat einen hohen Freizeitwert für die Bevölkerung. Natürlich müssen viele Bestimmungen eingehalten werden, aber ein unberührtes Naturschutzgebiet sähe anders aus. Vielleicht hast du ja schon davon gehört…
Neben dem ‚Haus am See‘ gibt es noch zwei Camping- und Caravanplätze. An einem davon fahren wir gleich vorbei. Dann biegen wir in einen Nebenarm ein, wo ich deine Hilfe brauche. Dort bleiben wir über Nacht. Morgen fahren wir bis zum ‚Haus am See‘, essen da und machen uns dann langsam auf den Rückweg.“
Während er das sagt, zeigt er mir auf der Karte, was er anspricht, und schaut mich dann offen an.
„Okay,“ antworte ich und frage: „Wie kann ich dir helfen?“
„Wenn wir gleich losfahren bist du wieder Andrea und sitzt neben mir. Wir radeln ohne Motor am Campingplatz vorbei. Damit erregen wir bestimmt Aufmerksamkeit - und niemand kann sagen, er hätte eine Motoryacht gesehen. So fahren wir dann auch in den Seitenarm hinein. Dort gehe ich aber mit einer Stange nach vorne und lote die Wassertiefe aus. Du radelst dann alleine und steuerst, wie ich es dir sage.“
„Okay,“ wiederhole ich mich und nicke ihm zu.
Dann hilft er mir den Niedergang zum Achterdeck hoch und kommt nach. Oben drück er einen Knopf und es beginnt wieder zu vibrieren und zu rasseln. Maik schaut hinten über die Bordwand, also schaue auch ich neugierig nach draußen.
Die Kette kommt langsam wieder hoch und bald erkenne ich den Anker im Wasser. Maik dreht sich schnell um und stoppt die Winde, dann dreht er mit einem langen Haken die ‚Ankerflunken‘ herum und sagt zu mir:
„Schaltest du bitte wieder ein?“
Ich drehe mich um und drücke auf den Knopf. Wenige Sekunden später erstirbt das Geräusch der Winde mit einem letzten „KLACK“. Maik schaltet die Winde aus. Jetzt hangelt er sich auf dem Gangbord nach vorne und gibt mir von dort Anweisungen:
„Stell den Fahrthebel auf ‚Neutral‘ und schalte die Elektromotoren ein.“
Dann:
„Jetzt den Fahrthebel ein Tick nach vorn. Halte das Steuer fest und drück den Knopf für die Ankerwinde vorn.“



Luna -19-
„Guten Morgen, Luna,“ begrüßt er mich. „Hast du gut geschlafen?“
„An deiner Seite – immer!“ bestätige ich ihm und gebe ihm einen Kuss.
„Wenn du willst, kannst du weiterhin in deiner Rolle bleiben. Dann bist du halt der Bordhund LUNA,“ antwortet er lächelnd.
Das macht mich neugierig. Nicht bloß ein paar Minuten in eine andere Welt eintauchen, sondern eine ganze Zeitlang…
„Geh ruhig schonmal ins Bad und mach dich frisch!“ meint er.
Ich rutsche also von der Liegefläche und gehe in die Nasszelle, mich überall festhaltend. Als ich wenige Minuten später herauskomme, hat er das Bettzeug zusammengelegt.
„Lass die Liegefläche so,“ bitte ich ihn. „Dann komme ich einfacher auf das Sonnendeck.“
„Gern,“ antwortet Maik. „Aber das Bettzeug verstaue ich.“
Er hebt eine der Rückenlehnen an und versenkt das Bettzeug in den Bettkasten darunter.
„Da fällt mir ein: Den Inhalt unserer Reisetaschen könnte ich in den Regalen hier stapeln,“ meint er dann, hebt die Rückenlehne auf der anderen Seite an, holt unsere beiden Reisetaschen hoch und legt den Inhalt sauber nebeneinander in die Regale, die sonst von den Rückenlehnen verdeckt worden wären. Die leeren Taschen legt er wieder zurück und schließt den Bettkasten.
„Dann solltest du aber auch auf allen Vieren bleiben,“ sagt er nun.
Ich nicke und beuge mich hinunter. Maik drückt sich an mir vorbei und geht nach hinten in den Aufenthaltsraum. Er nennt sie ‚Kombüse‘, während er zum Schlafraum ‚Salon‘ sagt. Jetzt beginnt er das Frühstück zu bereiten. Ich nähere mich ihm langsam auf allen Vieren, bleibe aber aus Mangel an Fußraum im Durchgang neben der Nasszelle.
Als der Kaffee fertig ist setzt er sich an den Tisch, auf dem inzwischen alles steht. Er schmiert sich ein Brot mit Quark und Marmelade und beginnt, es in kleine Stücke zu schneiden. Neugierig nähere ich mich ihm und schaue aus dem Gang zwischen der Küchenzeile und der Sitzgruppe zu ihm auf.
„Du möchtest natürlich auch frühstücken,“ sagt er lächelnd.
Er greift sich eins der kleingeschnittenen Stücke Brot und hält es mir hin. Ich schürze die Lippen und nehme es ihm damit aus den Fingern. Während ich kaue, nimmt er eine kleine Thermosflasche vom Tisch, zieht den Verschluss zurück und hält sie mir hin. Ich nehme einen Schluck und schmecke, dass es Kakao ist, mein Lieblingsgetränk. Er hat also speziell für mich etwas zubereitet.
Ich reibe meine Wange an seinem Oberschenkel und schaue noch einmal zu ihm hoch. Er greift auf sein Brettchen und hält mir ein weiteres Stück Brot hin. Auf diese Weise sind wir bestimmt eine halbe Stunde beschäftigt. Dann räumt er alles auf und spült kurz das gebrauchte Geschirr.
„Wir sollten uns langsam auf den Weg machen,“ meint er und geht auf das Achterdeck.
„Als LUNA kann ich aber kaum auf den Sitz neben dir,“ spreche ich ihn an, als er gerade zum Losmachen an Land gehen will.
Ich habe mich an den Niedergang gekniet und stütze mich an der Unterkante der Luke mit den Händen ab.
„Das kommt auf dich drauf an, wie tief du in deine Rolle hinein willst,“ meint er. „Die Mädels in dem Manga laufen ja auch zweibeinig herum und tragen Kleidung, sind also für Beobachter von außen kaum als Hündinnen zu identifizieren.“
„Bis auf die Ohren und Schwänze,“ gebe ich zu bedenken.
„Das könntest du tragen. Menschen, die uns begegnen würden das für irgendeine Mode halten oder ein Kostüm. Das Boot ist schnell vorbei und wir damit aus ihrem Gedächtnis verschwunden.“
„Wenn ich auf allen Vieren bleiben will?“ frage ich erwartungsvoll.
„Den Sitz ausbauen kann ich leider nicht,“ antwortet Maik. „Da sind ja auch die Pedale, das Zahnrad und die Kette. Du könntest dich verletzen, wenn das Boot eine unverhoffte Bewegung macht, durch die Wellen, die ein vergleichbares Boot verursacht.
Du kannst aber über die Liegefläche nach vorne auf das Sonnendeck und dich dort faul von der Sonne bescheinen lassen…“
Ich lächele erwartungsvoll und frage: „Machst du den öfter Pause als gestern und kümmerst dich mehr um deine LUNA?“
Er lächelt zurück, hockt sich hin und gibt mir einen Kuss.
„Versprochen!“ sagt er.
Er löst das Tau hinten und schwingt es aus dem Poller heraus. Dann startet er den Elektromotor und stellt den Fahrthebel auf langsam voraus, so dass das Tau vorne nicht mehr so straff gespannt ist. Danach dreht er das Steuerrad in Richtung Kaimauer. Jetzt gleicht der Elektromotor gerade die Strömung im Kanal aus und das umlaufende Gummi, der ‚Abweiser‘, wird gegen den Beton der Kaimauer gedrückt.
Maik springt von Bord und läuft die wenigen Meter nach vorne, um das Tau auszuhängen. Mit dem ‚Auge‘ des Taus in der Hand kommt er zurückgelaufen und springt an Bord. Dadurch kommt das Boot wohl wenige Millimeter von der Kaimauer frei. Es ruckt. Aber das Steuer drückt das Boot wieder an die Kaimauer zurück. Maik hängt das Tau ein und dreht das Steuerrad in Richtung Kanal. Wir kommen von der Mauer frei und Kai drückt den Fahrthebel weiter nach vorn. Nach wenigen Minuten sind wir in der Kanalmitte und folgen seinem Verlauf in der Landschaft.
Bis jetzt war ja noch Action. Nun sitzt Maik auf seinem Platz und bewegt nur ab und zu das Steuerrad ein wenig. Gelangweilt verlasse ich meinen Platz am Niedergang der Kombüse und ziehe mich weiter in die Kabine zurück.
Langsam steige ich auf die gepolsterte Liegefläche im Salon und beobachte die vorbeiziehende Landschaft durch die Fenster. Währenddessen habe ich mich hingelegt und bin wohl eingenickt. Als ich wieder wach werde zeigt die Uhr, dass eine Stunde vergangen ist.
Ich krabbele nach vorne und öffne die Luke zum Sonnendeck. Dann krabbele ich hinaus und knie mich kurz hin, um Maik zuzuwinken.
„Klettere nicht auf das Kabinendach,“ ermahnt er mich. „Und balanciere auch nicht über das ‚Gangbord‘ nach hinten. Gehe lieber immer durch die Kabine von vorn nach hinten und umgekehrt.“
Ich nicke ihm zu und lege mich in die Sonne. Das Tau vorne liegt ja nun nicht ‚aufgeschossen‘ hier auf dem Sonnendeck, sondern hängt an der Seite des Bootes. Ich relaxe auf dem Rücken liegend und beobachte die Wolken über mir.
Plötzlich klatscht irgendetwas in das Wasser neben mir außerhalb der Bordwand. Verwirrt hebe ich den Kopf. Ich kann aber nur kreisförmige Wellen erkennen, wo etwas ins Wasser gefallen sein muss. Da kommt ein Etwas hoch, das sich als Vogel entpuppt mit blauem Gefieder. Mühsam kommt er vom Wasser frei und steigt hoch in die Luft. Er strebt auf einen Baum zu, wo er sich im Geäst niederlässt. Nun kann ich ihn leider nicht mehr sehen.



Sonntag, 12. Juli 2020
Luna -18-
„Knieschoner habe ich da, aber keine Lederhandschuhe…“
Er hilft mir die Knieschoner anzuziehen. Dann klettere ich im Vierfüßler-Gang auf die Kaimauer und von dort auf den Kiesweg, der beidseitig des Kanals seinem Lauf folgt. Maik verschließt die Kabine und folgt mir auf den Weg.
Wir gehen ein paar Meter den Weg entlang, dann biegt er auf die Grasfläche ab, die landseitig neben dem Weg liegt. Ich folge ihm.
Maik lässt den Lichtkegel der Taschenlampe wandern. Im Licht der Taschenlampe kann man vereinzelt wachsende Büsche und Bäume erkennen. Wir gehen darauf zu.
Nachdem wir uns ein gutes Stück vom Kanal entfernt haben, erfasst der Lichtkegel ein Tier, das zwischen zwei Büschen steht und aufmerksam zu uns herüberschaut. Maik richtet die Taschenlampe voll auf das Tier. Es sieht aus, wie ein Hund. Aber hier, wo weit und breit kein Mensch ist? Ein Streuner vielleicht?
„Wir gehen langsam an dem Tier vorbei,“ entscheidet Maik. „Wir halten aber Abstand!“
Also biegen wir etwas von der Geraden ab und gehen weiter. Das Tier hat ein rotbraunes Fell und plötzlich kann ich ein Junges unter dem Busch erkennen. Nun hilft auch das Mondlicht dabei, mehr zu erkennen.
Maik schüttelt den Kopf.
„Komm, wir gehen zurück! Ich weiß jetzt, was es ist: Eine Fähe mit ihrem Welpen. Sollte sie uns angreifen, um ihr Junges zu schützen, müssten wir die Bootstour abbrechen und einen Arzt aufsuchen.“
„Warum?“ frage ich und mache ein verständnisloses Gesicht.
„Tollwutgefahr!“ sagt er knapp und dreht um.
Ich bleibe kurz verdattert sitzen. Dann laufe ich hinter Maik her und frage ihn:
„Was ist eine Fähe?“
„So nennt man einen weiblichen Fuchs,“ sagt er.
„Eine Füchsin mit ihrem Welpen in freier Natur!“ rufe ich gedämpft aus.
So ein Erlebnis habe ich noch nie gehabt.
„Wäre dir ein Wolf lieber gewesen?“ versetzt Maik.
„Es gibt doch keine Wölfe mehr!“ antworte ich protestierend.
„Sei dir da nicht so sicher,“ meint er. „Es werden immer mal welche entdeckt, seit vor zwanzig Jahren der eiserne Vorhang in Europa niedergerissen wurde. Seit dem Atomunfall in Tschernobyl können es auch verstrahlte Rudel sein. Sie können ebenso die Tollwut übertragen.“
„Ganze Rudel!?“
Ich bin erstaunt und leicht verängstigt.
„Ja, Wölfe sind nun mal Rudeltiere. Aber Rudel haben selten mehr als ein halbes Dutzend Tiere. Wölfe sind scheu. Du könntest allenfalls einzelne Tiere sehen – Kundschafter!“
„Ich wäre jetzt schon lieber an Bord,“ meine ich und drücke mich an Maiks Bein.
Er lacht und meint:
„Keine Angst, wenn da eine Fähe einen Ausflug mit ihrem Welpen macht, wird kein Wolf in der Nähe sein. Sie hätte die Anwesenheit von Wölfen gespürt. Wölfe spüren ebenso die Anwesenheit von Menschen und halten sich versteckt. Wer sich darauf versteht, kann tagsüber allenfalls deren Spuren sehen.“
„Trotzdem…“ antworte ich.
Er streicht mir sanft über das Haar.
„Wir sind ja gleich wieder zurück!“ versucht er mich zu beruhigen.
Und wirklich, kurz darauf habe ich wieder Kies unter den Knien.
„Wir müssen ein Stück zurückgehen,“ meint Maik.
Wenig später taucht unser Boot im Lichtkegel der Taschenlampe auf. Bald darauf klettere ich an Bord und Maik öffnet den Niedergang.
Ich habe mich auf einen der Sitze gesetzt und löse die Knieschoner vom Bein. Sie stören mich beim Aufrechtgehen. Ich gebe sie Maik. Er geht zuerst nach unten. Dann nutze ich den Niedergang. Maik steht wie immer da und passt auf, dass ich keinen Fehltritt mache. Er schließt den Niedergang wieder und macht Licht. Ich wasche mir nun die Hände am Becken, während Maik schon nach vorne geht.
„Ich muss mal,“ sage ich und betrete die Nasszelle zwischen den beiden Räumen der Kabine.
Als ich herauskomme, hat Maik alle Deckenlampen gelöscht und eine kleine ‚Funzel‘ an seinem Bett eingeschaltet. Er liegt schon unter der Decke, also krabbele ich auf die Liegefläche und schlage die Steppdecke über mich. Ich drehe mich zu Maik und schaue ihn an.
„Der Ausflug hat ja nur eine halbe Stunde gedauert…“
„Ooooch,“ macht er und legt mir seinen Arm um die Schultern. „Welches ist Beautys Lieblingsplatz über Nacht? Schläft sie an ihrem Platz in deinem Zimmer oder im Flur?“
Ich lächele.
„Wenn ich morgens aufwache, liegt sie auf dem Rücken neben mir im Bett. Ich streich ihr dann oft über Brust und Bauch und sie blinzelt mich an und scheint zu grinsen,“ erzähle ich ihm.
„Okay,“ sagt er lächelnd. „Dann schläft die Luna des Nachts auch an meine Seite gekuschelt.“
Er beugt sich zu mir herüber und gibt mir einen langen Kuss, der mich atemlos werden lässt.

*

Am Morgen des nächsten Tages werde ich vom ungewohnten Tageslicht wach. Zuhause weckt mich der Wecker, der auf Musik eingestellt ist. Würde ich vom Weckton geweckt, würde der Wecker nicht lange leben. Da die Rollläden herabgelassen sind, ist es da noch stockfinster.
Hier gibt es keinen Wecker, dafür scheint die aufgehende Sonne durch die Gardinen und taucht die Kabine in ein ungewohntes Dämmerlicht.
Maik regt sich noch nicht. Also kuschele ich mich an ihn und schließe noch einmal die Augen. Bald rührt er sich, hebt den Kopf und gähnt. Dann beginnt er zart über meine Brust und Bauch zu streicheln. Ich drehe mich auf den Rücken und schaue in sein lächelndes Gesicht.



Luna -17-
„Okay,“ sagt er und sucht unter der Spüle nach einer Plastikschüssel, die er mit Wasser füllt und vor mir auf den Tisch stellt. Seife und Handtuch legt er daneben. „Dann wird es so gehen.“
Ich nicke und mache einen langen Hals und spitzen Mund. Wieder beugt er sich zu mir herunter und lässt sich nun von mir küssen.
Bald danach essen wir und zwei meiner Frikadellen verschwinden vorerst im Kühlschrank. Die anderen legt er ins Gefrierfach.
Ich lobe ihn für das Essen. Natürlich schmeckt es bei Mama besser. Aber Maik ist ja auch erst 18. Nachdem er alles aufgeräumt und gespült hat, wobei ich abtrocknen darf, sagt er lächelnd:
„Wir sollten weiterfahren, sonst kommen wir nie auf den Seen an.“
Ich nicke und er hilft mir wieder den ‚Niedergang‘ hoch. Auf dem ‚Achterdeck‘ setze ich mich wieder in den Sitz, während Maik die Taue löst und losfährt. Wieder geht es in Fußgängergeschwindigkeit gegen die Strömung im Randkanal dem Naturschutzgebiet entgegen.
Fünf Stunden später und etwa zwanzig Kilometer weiter melde ich mich wieder:
„Maik…, ich habe Hunger.“
Dabei schaue ich ihn mit gesenktem Kopf unter den Augenlidern hervor an. Er schaut zu mir und lacht.
„Ich wollte noch ein oder zwei Stunden weiterfahren bis es zu dämmern beginnt und dann die Escargot für die Nacht fertigmachen. – Aber natürlich, du hast Recht: Wenn ich in mich hinein höre, regt sich da auch der Hunger.
Denkst du, du kannst die Escargot ein paar Minuten in der Kanalmitte halten, so wie jetzt? Dann gehe ich nach unten und mache schnell zwei Hamburger fertig. Rufe mich sofort, wenn uns ein anderes Boot entgegen kommt!“
Maik steht auf und hilft mir, mich auf seinen Sitz zu setzen, damit ich an das Steuerrad komme. Dann geht er nach unten und ich höre es ab und zu klappern. Nach fünf Minuten etwa rufe ich nach ihm:
„Maik, vorne kommt ein Ruderboot…“
Schnell ist er bei mir und steuert unser Kabinenboot an die Kaimauer heran. Im Abstand von einem halben Meter vielleicht, steuert er wieder gerade aus und gibt mir das Steuerrad wieder in die Hand.
„Versuche, das Boot ruhig zu halten,“ sagt er zu mir. „Bleib in dem Abstand zum Ufer, den wir jetzt haben. Ich bin sofort unten fertig.“
Dann ist er wieder in der Kabine. Als das Ruderboot an uns vorbeitreibt – die Männer haben ihre Ruder aus dem Wasser gehoben -, kommt Maik gerade hoch und hat zwei in Küchenpapier eingeschlagene Brötchen mit den Frikadellen, Gurken, Tomate und Ketchup in den Händen. Er übergibt mir eins und winkt den Männern mit der jetzt freien Hand. Die Männer tauchen ihre Ruder wieder ins Wasser und sind bald kleiner geworden.
„Du kannst sehr gut steuern,“ lobt Maik mich. „Ich glaube, ich kann dich öfter alleine lassen.“
Ich schaue ihn mit großen Augen an und meine schüchtern:
„Solange es nur geradeaus geht…“
Er lächelt zurück.
„Das lernst du alles mit der Zeit! Für jetzt hast du Recht: Solange es geradeaus geht, kann ich dich allein lassen, um etwas in der Küche zu tun, zum Beispiel.“
Als es zu dämmern beginnt halten wir nach Pollern auf der Kaimauer Ausschau. Gut zwanzig Minuten später macht Maik das Boot am Ufer fest.
„Hier übernachten wir und fahren morgen weiter,“ sagt er.
Er hilft mir wieder den Niedergang hinunter und fragt mich:
„Magst du noch ein Video schauen, oder bist du schon zu müde?“
„Ich habe doch heute weiter nichts getan, als herum zu sitzen,“ schmolle ich. „Dann schon lieber ein Video. – Oder, wo sind wir hier eigentlich?“
Maik holt eine Karte aus einem Regalfach und breitet sie auf dem Tisch aus. Ich setze mich.
„Wir sind um elf Uhr etwa gestartet,“ sagt er. „Jetzt haben wir halb zehn und eine Stunde haben wir Pause gemacht. Neunundeinhalb Stunden bei durchschnittlich vier Stundenkilometer sind 38 Kilometer.“
Er nimmt einen Zirkel mit zwei Metallspitzen aus einer flachen Schublade und misst damit einen Kilometer am Rand der Karte ab. Dann sticht er an der Brücke, wo wir gestartet sind, in die Karte und bewegt den Zirkel am Kanal entlang über die Karte, indem er ihn dreht und immer wieder neu einsticht. Dabei zählt er, wie oft er das macht. Schließlich zeigt er auf die Karte und sagt:
„Hier sind wir jetzt.“
„Weit und breit ist kein Ort oder ein Bauernhof,“ stelle ich fest. „Aber das Naturschutzgebiet ist ganz in der Nähe und hier liegt das ‚Haus am See‘.
Ich zeige auf die Karte.
„Ja, stimmt,“ bestätigt er meine Feststellung.
„Keine Menschen in der Nähe und kein anderes Boot – da könnte ich doch einmal die LUNA sein…“ sage ich verschmitzt lächelnd und schaue zu ihm auf.
Er faltet die Karte wieder zusammen und legt den Zirkel weg, dann antwortet er lächelnd:
„Okayyy, aber zuerst bauen wir die Betten und machen alles für die Nacht fertig. Dann machen wir einen kleinen Ausflug in die Umgebung.“
Maik geht nach vorne und zieht die Sitzfläche einer Bank vor. Er holt das Bettzeug darunter hervor. Dann hängt er das Rückenpolster aus und legt es auf die Lücke. Dahinter kommt ein Regal zum Vorschein. Nun legt er das Bettzeug auf und zieht es glatt. Dann zieht er sich seine Schuhe aus und verfährt genauso mit dem Bett daneben. Um das Bettzeug festzustecken muss er auf das Bett klettern. Schließlich zieht er sich die Schuhe wieder an und nimmt eine dünne Taschenlampe aus der Schublade, in der auch der Zirkel liegt, den er vorhin gebraucht hat.
Er sichert mich wieder beim Erklimmen des Niedergangs und fragt:
„Hast du eigentlich Knieschoner und Lederhandschuhe, damit du dich nicht verletzt an spitzen Steinen, mit denen man draußen immer rechnen muss?“
Ich schüttele den Kopf.
„Leider nein, mein fürsorgliches Herrchen.“
Ich kann im Dunkeln schemenhaft sehen, dass er grinst. Er geht noch einmal zurück in die Kabine.



Samstag, 11. Juli 2020
Luna -16-
Das Boot fährt in das Tau und bewegt sich hinten, wo ich sitze von der Kaimauer weg. Er hat sich aber schon das Tau von vorne über die Schulter geworfen und balanciert an der Seite der Kabine zu mir zurück. Jetzt stellt er die Motoren auf langsame Rückwärtsfahrt und steuert wieder an die Kaimauer heran. Dann springt er wieder auf die Kaimauer und geht ein paar Meter zurück zum nächsten Poller, um das Tau dort einzuhängen, das er über die Schulter hängen hat. Mit dem anderen Tauende kommt er zurück, zieht das Tau stramm und macht es ebenfalls an Bord fest.
Dann schaltet er die Elektromotoren aus, schiebt einen Deckel über der Tür nach vorne und öffnet die Tür zur Kabine. Er hält sich rechts und links fest und dreht sich drei Stufen tiefer zu mir um.
„So, jetzt du,“ sagt er. „Aber dreh dich um und komm rückwärts runter. Halte dich rechts und links fest und schau auf die Stufen!“
Die Stufen sind senkrecht untereinander angeordnet wie Regalbretter. Ich stelle meine Füße vorsichtig hinein und bin nun doch froh, dass Maik dabei ist und auf mich achtet. Unten drehe ich mich um und sehe rechts neben dem ‚Niedergang‘ eine Miniküchenzeile und links zwei Bänke mit einem Tisch dazwischen. Hier können vier Personen eng sitzen.
Dann kommt eine Zwischenwand mit Durchgang. Maik setzt sich einen Moment auf den Tisch, so dass ich vorbeikomme. Hinter dem Durchgang sind zwei Couchen an den Wänden eingebaut. Dann kommt wieder so ein Niedergang, über den man wohl nach vorne auf das Sonnendeck kommt.
„Und wo ist die Toilette?“ frage ich Maik.
Er ist mir gefolgt. Jetzt weicht er wieder bis zum Aufenthaltsraum zurück und öffnet links eine Tür.
„Hier hast du die ‚Nasszelle‘,“ sagt er. „Eine Campingtoilette und eine Dusche, nicht sehr geräumig, gebe ich zu…“
„Ah, okay,“ antworte ich und schaue hinein. „Wo ist denn das Waschbecken?“
„Hinten,“ erklärt er mir. „Das ist Wasch- und Spülbecken in einem.“
„Oh,“ meine ich und lächele ihn an. „Sehr spartanisch…“
„Du wirst sehen, das reicht völlig für einen Trip von ein paar Tagen. Du wirst dich schnell daran gewöhnt haben. Platz ist eben Geld und eine Luxusyacht ist die Escargot nicht!“
„Die was?“ frage ich.
„Escargot ist Französisch und bedeutet ‚Schnecke‘. Schnell kommen wir nun wirklich nicht voran. Aber für uns gilt sowieso ‚der Weg ist das Ziel‘! Wir können unterwegs so viel erleben, wenn wir nicht schnell an allem vorbei rauschen, nur das Fahrtziel im Kopf…“
„Da hast du recht!“ bestätige ich ihn und gebe ihm einen Kuss.
Dabei lasse ich mich ihm in die Arme fallen. Er fängt mich souverän auf.
„Wie lässt es sich denn schlafen auf den schmalen Sitzflächen vorne?“ frage ich ihn und schaue zu ihm auf.
„Der Mittelgang wird zugemacht, indem die Sitzfläche einer Couch vorgezogen wird. Dabei klappt die Rückenlehne runter und gibt Fächer mit dem Bettzeug frei,“ erklärt er mir.
Ich bin auf heute Abend gespannt.
„Und was bietet die Küche zu Mittag?“ frage ich ihn.
„Magst du Crêpes oder auch Wraps?“
„Dünne Pfannkuchen?“
„Ja, die kann man mit allem möglichen füllen. Ich verteile Gehacktes auf einer Schale und erhitze es unter Rühren, Zwiebeln kommen hinzu. Dann nehme ich es aus dem Ofen und rühre Ketchup unter. Mais und Kidney-Bohnen kommen hinzu. Zum Schluss schneide ich eine Tomate in Würfel und vermenge sie damit. Dann bestreiche ich zwei Wraps mit Schmand, lege je zwei Salatblätter drauf. Darüber kommt das Fleisch-Gemüse-Gemisch und darüber je zwei Schmelzkäse-Scheiben. Dann rolle ich die Wraps auf und serviere sie auf zwei Teller.“
„Au ja, das mach mal,“ sage ich, zwinkere ihm zu und setze mich auf eine der Bänke im Aufenthaltsraum.
Inzwischen ist es kurz nach dreizehn Uhr. Da bin ich mal gespannt, ob das schmeckt, was er mir da erzählt hat. Er beginnt mit seiner Arbeit und dreht mir dabei den Rücken zu.
Plötzlich dreht er sich um und stellt mir eine Schüssel mit dem Rest Hackfleisch, einem offenen Karton Paniermehl und einem Karton Eier vor die Nase.
„Würdest du bitte Frikadellenmasse herstellen?“ fragt er mich.
„Gerne,“ lächele ich zurück. „Machst du die Frikadellen dazu?“
Er stellt noch ein Schälchen gehackte Zwiebeln dazu.
„Die brate ich jetzt auch. Dann haben wir das Wichtigste schonmal fertig, um Hamburger herzustellen, wenn du zwischendurch welche magst, oder zum Abendessen später.“
„Wunderbar,“ sage ich. Papa ist oft mit uns zu Hamburger-Restaurants gefahren, wenn wir zu Ausflügen in Freizeitparks unterwegs waren. Also bemühe ich mich, so etwas hin zu bekommen.
„Das wären meine ersten eigenen Frikadellen,“ warne ich Maik lächelnd vor.
Und wenige Minuten später brauche ich schon seine Hilfe:
„Maik…“
Ich hebe meine Hände aus einer ziemlich flüssigen Masse und schaue ihn hilfesuchend an. Er lächelt und meint:
„Nicht schlimm, Liebes. Nimm mehr Paniermehl, dann wird die Masse wieder knetbar.“
„Wenn ich den Karton jetzt anfasse…“
Er beugt sich zu mir herunter und gibt mir einen Kuss. Danach schüttet er etwas Paniermehl dazu und lässt mich weiter kneten. Das wiederholt er mehrfach, bis mir die Masse nicht mehr so an den Fingern klebt.
„Das werden jetzt Fleischbrötchen…“ meint er lächelnd dazu.
„Bist du mir böse?“ frage ich unsicher.
Er schüttelt den Kopf und leert den Tisch vor mir.
„Kannst du aufstehen, um deine Hände am Becken zu waschen?“ fragt er dann.
„Ich weiß nicht,“ sage ich. „Ich habe mich bisher immer im Sitzen gewaschen, vom Rolli aus. Ich müsste mich mit einer Hand festhalten.“



Luna -15-
„Hallo, Andrea. Ich wünsche euch ein paar wunderschöne Tage mit unserer Penichette!“
Er gibt mir die Hand und umarmt Maik.
„Pass‘ gut auf sie auf!“ ermahnt er ihm. Dann folgt er uns langsam.
Ich folge Maik, der längere Schritte macht, auf das Boot zu. Als ich es in der Nähe der Kaimauer allmählich überblicken kann, frage ich Maik:
„Wo ist denn vorne?“
Er dreht sich um und lächelt.
„Du meinst, hinten ist ein Boot flach – der sogenannte Heckspiegel – und vorne läuft das Boot spitz zu? Eine Penichette nicht. Hinten ist da, wo die zwei Sitze sind. Bei Regen lässt sich darüber ein Faltdach spannen. Die Kabine befindet sich im Mittelteil, wie du siehst und das Sonnendeck befindet sich vorne.“
„Ah,“ kommentiere ich seine Erklärung.
Ich steuere meinen Rolli also nach hinten, dorthin, wo ich zwei Sitze erkenne. Maik stellt sich mit einem Fuß auf das Boot und mit dem anderen auf die Kaimauer.
„Du kannst ruhig aufstehen,“ sagt er. „Ich helfe dir an Bord.“
Ich stehe also auf und mache einen Schritt auf ihn zu. Er hält mich fest. Dann fast er mit einer Hand unter meine Oberschenkel und trägt mich an Bord. Dort setzt er mich in einen der Schalensitze und geht noch einmal zurück. Sein Vater gibt ihm meine Reisetasche, die er in die Kabine trägt. Während sich sein Vater von uns verabschiedet, schiebt er meinen Rolli zusammen und schnallt in so zusammengeschoben vor den Sitzen auf dem Kabinendach fest.
Er stellt sich nun vor den anderen Sitz und öffnet ein Kästchen vor sich mit einem Schlüssel. Dann zieht er einen Hebel ganz zurück und wieder eine Winzigkeit nach vorn. Ich höre es einmal klicken. Jetzt drückt er einen Knopf unter dem Deckel des Kästchens und es ertönt ein leises Summen, verbunden mit leichtem Plätschern draußen im Wasser. Er dreht das Steuerrad vor sich von der Kaimauer weg. Das Tau mit dem das Boot hinten festgemacht ist wird locker.
Maik springt auf die Kaimauer, geht schnell zum Poller und löst dort das Tau. Er bringt es an Bord. Dann dreht er das Steuerrad wieder in Richtung Kaimauer und balanciert neben den Kabinenaufbauten nach vorne. Dort angekommen löst er das Tau von dem kleinen Poller an Bord und schwingt es aus dem Poller an Land. Er ‚schießt es auf‘ wie er mir später sagt, das heißt, er legt es in runden Schlingen sorgfältig auf das Deck vorne.
Jetzt treibt das Boot langsam von der Kaimauer weg. Er balanciert auf dem gleichen Weg zurück, sich an einer Stange, dem sogenannten ‚Handlauf‘, an der Kante der Kabinenaufbauten festhaltend. Jetzt gibt er dem Boot eine Richtung, die es wohl eine Weile in der Mitte des Kanals hält, und ‚schießt das Tau zwischen den Sitzen auf‘, mit dem das Boot hinten festgemacht war.
Dann erst setzt er sich in seinen Sitz links neben mir und schiebt den Fahrthebel einen Klick weiter vor. Das Boot wird davon nicht merklich schneller. Er öffnet eine Klappe neben sich und zieht zwei Dinger in signalrot daraus hervor.
„Das sind Schwimmkragen,“ erklärt er mir und hängt sich einen um den Hals.
Dann legt er sich einen Gurt um die Taille und klickt ihn vorne fest.
„Leg ihn dir genauso an!“ meint er. „Das ist nur zur Sicherheit.“
Ich hänge mir den Schwimmkragen auch um den Hals und befestige den Gurt.
„Der sitzt ziemlich locker,“ mache ich ihn aufmerksam.
Er zeigt mir so etwas wie eine Ratsche.
„Zieh ihn dir daran enger,“ schlägt Maik mir vor. „Aber nicht zu eng,“ setzt er lächelnd nach.
„Wie funktioniert das?“ will ich wissen.
„Wenn der Kragen mit Wasser in Berührung kommt, löst sich eine Kalktablette auf. Dadurch wird ein Schlagbolzen frei, der eine Gaspatrone öffnet. Das Gas strömt in den Kragen. Der bläht sich auf und hält deinen Kopf über Wasser. Dadurch ist der Kragen auch ohnmachtssicher,“ erklärt mir Maik.
„Was sind das hier für Pedale?“ will ich weiter wissen.
Vor den Schalensitzen befinden sich nämlich Pedale. Das Ganze sieht aus wie zwei bequeme Heimtrainer. Er lächelt und meint:
„Wenn das Lithium-Batteriepack vorne unter Deck leer sein sollte, können wir auf Pedalantrieb umschalten. Oder wir schalten die beiden E-Motoren aus und strampeln, wenn du magst?“
Ich schaue ihn mit großen Augen an.
„Hm,“ ist das Einzige, was mir dazu einfällt.
„Ich mag auch nicht gerne gegen die Strömung strampeln,“ antwortet er mir lächelnd. „Dann zieht die Landschaft zu langsam an uns vorbei – obwohl Papa da eine schöne Übersetzung eingebaut hat. Auf der Rückfahrt können wir das gerne machen – auch wenn ich alleine in die Pedale trete!“
„Okay,“ meine ich dazu. „Und wie sieht es in der Kabine aus?“
„Gleich hier befindet sich der Aufenthaltsraum,“ sagt er und zeigt auf die niedrige Tür vor meinem Sitz. „Weiter vorne liegt der Schlafraum, und von da kommst du durch genauso eine Tür nach vorne auf das Sonnendeck.“
„Wie weit fahren wir heute?“
„Alle vier Kilometer gibt es Poller zum Festmachen. Das heißt, ungefähr jede Stunde können wir uns entscheiden zu Pausieren oder zu Übernachten. Später im Naturschutzgebiet haben wir die Möglichkeit zu ankern, wo es uns gefällt, oder einen der zehn Liegeplätze am ‚Haus am See‘ zu belegen. – Das kostet aber eine Gebühr, weil sonst für die Gäste zu wenig Festmacher da sind.“
„Oh, ich hätte gerade Lust mir das Boot von innen anzusehen…“ meine ich.
„Ich verstehe deine Neugier,“ sagt er. „Ich möchte aber gerne beim ersten Benutzen des Niedergangs dabei sein, um dich eventuell auffangen zu können, falls du strauchelst. Auch, wenn ein Motorboot vorbeifährt könnte es passieren, dass du den Halt verlierst. Ich möchte nicht, dass du dir eine Beule holst. – Lass uns in einer knappen Stunde festmachen. Dann gehen wir zusammen durch das Boot.“
„In Ordnung,“ sage ich.
Ich füge mich, obwohl ich seine Fürsorge für übertrieben halte.
Nach etwas mehr als einer Dreiviertel-Stunde sehe ich tatsächlich eine kleine Reihe von Pollern auf der Kaimauer. Maik schaltet die Motoren zurück und steuert das Boot an die Kaimauer heran. Dann rubbelt die umlaufende Gummileiste unserer Penichette an der stählernen Kante der Kaimauer entlang. Zwischen zwei Pollern schaltet Maik noch etwas zurück und springt aus dem Boot. Er hat sich das Tau zwischen unseren Sitzen genommen und läuft die wenigen Meter nach vorn, um es auf den Poller zu hängen und dann an Bord festzumachen.



Freitag, 10. Juli 2020
Luna -14-
„Hey Liebes,“ antwortet Maik und legt seinen Arm um mich. „Es heißt ‚Spaß ist Spaß und Ernst ist Ernst‘. Ein Spiel muss Beiden Spaß machen! Einen ständigen Machtkampf führen, wer von uns beiden nun das „Alphatier“ ist, dich ständig bezwingen zu müssen, das liegt mir nicht! Wenn so etwas vorkommt, zeige ich dir mein Missfallen schon! Nur eben nicht durch anbrüllen und schlagen, sondern eher nonverbal durch einen traurigen Gesichtsausdruck und indem ich dich kurze Zeit ignoriere, dir meine Zuwendung entziehe!“
„Das empfinde ich als die schlimmere Variante!“ stelle ich traurig fest und kuschele mich an ihn.
„Denk an den Charakter der LUNA!“ antwortet er. „Sie ist verspielt, mag es aber in der Familie zu leben. Sie wird also aufhören zu zicken, wenn sie spürt, dass ihr Herrchen über ihr Verhalten traurig ist.“
„Ich denke daran!“ verspreche ich Maik, zu ihm aufschauend.
„Junge Hunde versuchen – wie junge Menschen auch – ihre Grenzen auszutesten,“ sagt Maik. „Das fordert das Alphatier des Rudels heraus. Es zeigt gebremste Aggression – eine deutliche Warnung! Dann folgt das Beschwichtigungssignal des Jüngeren oder ein gebremster Angriff des Alphatiers: Ein Zwicken, kein Beißen, kein Verletzen. Das reicht eigentlich aus, die Ordnung im Rudel wiederherzustellen.
Übertragen auf unser Rollenspiel heißt das: Wirst du übermütig oder widerspenstig, erfolgt meinerseits eine verbale Warnung und Leckerlis werden gestrichen. Ich korrigiere geduldig. Du hast die Chance, dich wieder angepasst zu verhalten, Wohlverhalten zu zeigen. Im gegenteiligen Fall entziehe ich dir eben kurze Zeit meine Zuwendung.“
Wir sitzen einige Minuten still nebeneinander. Irgendwo muss ich ihm Recht geben. Ein Spiel soll beiden Mitspielern Spaß machen. Ich darf den Bogen nicht überspannen – und ich will Maik auch nicht enttäuschen. Ich habe ihn liebgewonnen!
Schließlich macht er weiter.
„Will ich, dass du nur mit den Vorderpfoten irgendwo drauf steigst, sage ich AUF und lege dabei die Hand irgendwo drauf, genau wie bei dem Kommando HOPP. So kann ich dir zum Beispiel in aller Ruhe die Zähne putzen…“
„Die Zähne putzen?“ frage ich ihn belustigt.
„Das war nur ein Beispiel. Der Herr pflegt ja schließlich seinen Hund. Ich kann dich dann zum Beisiel auch kämmen, eincremen, oder was auch immer.“
„Ahso,“ kommentiere ich seine Aussage, immer noch belustigt.
„Das gegenteilige Kommando heißt dann natürlich AB,“ sagt er nun. „Dann gehst du wieder auf alle Viere.“
Ich gehe auf alle Viere vor meiner Zweisitzer-Couch und spiele noch einmal alles mit ihm durch, denn es ist wieder Zeit für ihn nachhause zu gehen.

*

Wochen später hat Maik sein Abschlusszeugnis bekommen und eine Sause mit seinen Kumpels gemacht. Am nächsten Tag verbringt er die meiste Zeit im Bett. Am Abend kommt er doch noch zu mir. Aber man merkt ihm die Nachwirkungen der Sause noch an. Ich bemuttere ihn und er lässt es zu. Ich freue mich, ihm auf diese Weise ein wenig seiner Fürsorge für mich zurückgeben zu können.
Jetzt haben wir sechs Wochen Ferien. Danach wird er auf einem Berufskolleg sein Abitur machen. Vielleicht mache ich das Gleiche, wenn ich in zwei Jahren ebenfalls mein Abschlusszeugnis bekomme – bis auf die Sause. Darauf verzichte ich gerne!
Nach einer Woche fragt er Mam und Paps, ob sie es erlauben, dass ich für ein paar Tage mit ihm weg fahre. Papa macht ein besorgtes Gesicht.
„Papaa, bitteee…“ ziehe ich die Worte in die Länge und schaue ihn in bekannter Manier von unten herauf an.
„Ihr ward noch nie über Nacht alleine,“ gibt er zu bedenken.
„Papa! Ich nehme die Pille!“ gebe ich entrüstet zurück.
Maik schaltet sich ein. Er verspricht:
„Ich achte auf Andrea, Herr Weiler! Ich passe auch auf, dass sie die Pille nicht vergisst!“
„Manfred…“ sagt Mama da gedehnt.
„Also gut,“ lenkt Papa ein. „Denkt daran: Schule und Ausbildung sollen in eurem Alter an erster Stelle stehen!“
„Es wird schon nichts passieren, Papa!“ versichere ich noch einmal.
Maik will mir nicht sagen, was er vorhat. Ich bin auf den Ausflug gespannt wie ein Flitzebogen. Denn er hätte meine Eltern nicht gefragt, wenn wir in der Nähe bleiben und ich bei ihm im Zimmer übernachten soll. Seine Eltern müssen ihm zum Abschluss der Realschule etwas geschenkt haben, an dem ich teilhaben darf.
In der vierten Woche der Sommerferien holt er mich schon am Vormittag zuhause ab. Ich habe eine Reisetasche mit allem gepackt, was man so für eine Woche Urlaub brauchen könnte. Die nehme ich nun auf den Schoß und folge Maik durch den Ort. Er schlägt den Weg Richtung ‚Busch‘ ein.
Unterwegs reden wir über alles Mögliche, nur wenn ich das Gespräch auf das Ziel unseres Spaziergangs lenken will, blockt er lächelnd ab. Was für Möglichkeiten bietet denn der Weg, den wir gehen? Eine große Reise zusammen mit mir kann es nicht werden. Dann wären wir zu ihm nachhause gegangen und sein Vater hätte uns zum Hauptbahnhof in der Großstadt gefahren, wo ich vorher gewohnt habe. Im ‚Busch‘ ist nichts, wo man eine Woche mit Übernachtung bleiben könnte…
Wir gehen an Maiks magischem Ort, dem Zwillingsbaum, vorbei weiter auf den ‚Busch‘ zu. Dazu müssen wir eine Brücke überqueren, die den Randkanal überspannt. Links davon liegt die schräge Fläche, die sogenannte Slipanlage, neben der der Schuppen des örtlichen Sportvereins steht. Dort sind die Kanus der Kanuten-Abteilung untergebracht. Rechts der Brücke befindet sich eine senkrechte Betonmauer mit einer stählernen Leiter in einer Nische und mehreren Pollern auf der Mauerkrone. Ich erkenne das Auto von Maiks Eltern am Straßenrand.
Als wir das Auto erreichen steigt Maiks Vater aus. Jetzt sehe ich, dass hinter dem Auto ein leerer Bootsanhänger festgemacht ist. Drüben an den Pollern erkenne ich die Aufbauten irgendeines Bootes.
„Maik…“ sage ich und mache große Augen.
Da unterbricht mich schon Maiks Vater. Er lächelt mich an.



Luna -13-
„Wenn du im Schwimmbad bist, ist die Schwerkraft weitgehend aufgehoben. Die Gelenke werden entlastet… Kannst du eigentlich schwimmen?“
„Nein, ich habe leider nie schwimmen gelernt. Als das in der Grundschule angeboten wurde, war ich als Rollstuhlfahrerin davon befreit. Niemand hat sich den Gedanken gemacht, wie du jetzt gerade. – Andererseits: Mein Papa arbeitet in der Binnenschifffahrt und kann auch nicht schwimmen…“
„Was??“ ruft Maik erstaunt aus und lacht über das ganze Gesicht.
„Ja,“ lächele ich zurück. „Er sagt, so tief ist der Fluss nicht. Sollte das Schiff wirklich mal untergehen, dann geht er einfach ein Deck höher und ist schon wieder auf dem Trockenen…“
„Aber – sieh es mal von der Therapieseite her. Schwimmen entlastet die Gelenke. Das kann dir jeder Arzt bestätigen! Der Rolli wird zwar immer dein wichtigstes Hilfsmittel bleiben, aber regelmäßiges Schwimmen tut dir bestimmt gut.“
„Du magst recht haben, aber ob Papa dem zustimmt? Er hat immer so viel Angst, dass mir etwas passieren könnte…“
„Er kann dich nicht dein Leben lang in Watte packen, Maus! Außerdem bin ich stets in deiner Nähe! Ich lasse dich keine Sekunde aus den Augen!“
Maik ist so süß! Ich lasse mich überreden und mache nun zweimal in der Woche Sport. An einem Nachmittag bin ich im Handballtraining der Behindertensportgruppe. An dem anderen Nachmittag gehe ich mit Maik in das Hallenbad neben dem Sportplatz. Zuhause erzähle ich nichts davon, um Mam und Paps nicht zu beunruhigen.
Maik nimmt mich im Hallenbad aus dem Rolli und trägt mich die Treppe hinunter ins Wasser. Dabei halte ich mich an Maiks Hals fest. Im Wasser lässt er mich los und hält mich mit den Händen unter dem Bauch an der Wasseroberfläche. Ich halte mich weiter an seinem Hals und er zieht mich dann durch das Wasser. Die Unsicherheit lässt mich anfangs kichern. Dadurch bekomme ich Wasser in den Mund und ich muss spucken. Er hält inne und geht mit mir an den Rand.
„Halte dich am Rand fest,“ meint er.
Zögernd lasse ich ihn los und kralle mich an den Rand.
„Versuche dich jetzt einmal hinzustellen!“
Ich berühre mit den Füßen den Boden und richte mich auf. Das Wasser ist hier nur ein Meter zwanzig tief. Es reicht mir bis zu Brust.
„Spürst du, dass du im Wasser leichter bist? Deine Hüftgelenke sind nicht so beansprucht wie an Land?“
„Ja,“ bestätige ich seine Annahme.
„Warte hier,“ meint er nun, „ich hole beim Bademeister ein Schwimmbrett.“
Dann stößt er sich vom Beckenboden ab und schwingt sich aus dem Becken. Bald darauf kommt er mit einem ovalen Brett zurück. Er kommt wieder zu mir ins Becken, legt das Brett auf das Wasser und schiebt sich mit dem Oberkörper darauf. Mit ein paar Schwimmzügen ist er neben mir.
„Siehst du, das Brett trägt dich. Leg dich mal drauf!“
Ich lasse den Beckenrand los und er drückt das Brett unter Wasser. Ich fasse es oben und er hilft mir mich darauf zu legen. Dann zieht er mich wieder eine Runde durch das Wasser. Dann sagt er:
„Mach jetzt mal Schwimmbewegungen mit den Beinen wie ein Frosch.“
Ich versuche es. Maik korrigiert mich geduldig. Danach soll ich mich höher auf das Brett ziehen und die Armbewegungen machen. Auch jetzt ist er sehr geduldig mit mir. Bis zum Turnier habe ich es geschafft, auch leidlich schwimmen zu können.

*

Bei unseren Treffen in meinem Zimmer haben wir begonnen über das Anime-Manga INUMIMI zu sprechen. Maik sagte mir, dass das nicht so ganz zu dem passt, was ich real spiele. In dem Manga geht es um drei Hunde, die zu Menschen werden und sich nun in der Menschenwelt zurechtfinden müssen.
Wenn ich aber auf allen Vieren mit Beauty spiele vergesse ich die Menschenwelt um mich herum und ich werde zu dem Tier, das ich in meiner Phantasie bin – die Corgie-Hündin LUNA aus dem Manga. Ich gehe also den umgekehrten Weg.
Aber er meint es nicht böse. Er will mir nur einen ‚Spiegel vorhalten‘ sagt er und würde gerne eine Rolle in meinem Spiel übernehmen, und zwar den des Herrchens.
Dann erklärt er mir, wie er sich die Ausgestaltung seiner Rolle vorstellt. Je mehr ich ihm zuhöre, desto neugieriger bin ich darauf, das mit ihm einmal durchzuspielen. Er sagt, dass sein Onkel in Süddeutschland Hunde züchtet und er in den Ferien schon oft beim Hundetraining dabei war. Sie würden keinen Zwang anwenden, keine Hilfsmittel verwenden, die Schmerzen verursachen, sondern mit viel Geduld, Lob und Belohnung die jungen Hunde motivieren.
Ich habe mir einige Hundekommandos erklären lassen und sie dann mit ihm durchgespielt. Das ist lustig gewesen! Beim nächsten Treffen hat er mir weitere Hundekommandos erklärt:
„Das nächste Kommando nun,“ sagt er, „heißt BLEIB. Wenn du also mit SITZ oder PLATZ einen Platz eingenommen hast, sage ich BLEIB. Dann gehe ich weg und tue etwas. Bleibst du wirklich an deinem Platz ohne aufzustehen und herumzulaufen, dann erhältst du, wenn ich zu dir zurückkomme, wieder eine Belohnung. Stehst du aber zwischendurch auf, wirst du dafür nicht bestraft. Du bist für mich ein fühlendes Wesen und dir sind vielleicht die Glieder eingeschlafen… Wenn ich also zu dir zurückkomme und du begrüßt mich stehend, dann hörst du einfach wieder das Kommando zum Hinsetzen oder Hinlegen und ich übe das Ganze noch einmal. Du wirst mich dabei schon informieren - verbal oder nonverbal - dass dir die Glieder eingeschlafen sind oder dir langweilig wurde oder was auch immer los ist.“
„Hm, und wenn ich den Schalk im Nacken habe und bloß herumzicke?“ frage ich ihn lächelnd.
„Wenn ich mir fortgesetzt Mühe gebe und du ständig etwas anderes machst? In gewissem Rahmen lasse ich das durchgehen, aber irgendwann muss ich mir dann schon sagen, dir fehlt es an Engagement, deine Rolle auszufüllen. – Und mich fragen, ob ich wohl der Richtige für dich bin…“
Ich mache ein enttäuschtes Gesicht.
„Du magst dann nichts mehr von mir wissen wollen?“ frage ich.



Donnerstag, 9. Juli 2020
Luna -12-
Über diese Phase seid ihr, Beauty und LUNA ja schon hinaus. Das nächste Kommando wäre dann ZU MIR. Wenn mehrere Hunde anwesend sind, also entweder BEAUTY, ZU MIR oder LUNA, ZU MIR.“
„Hmhm,“ brumme ich, „und wie bringst du uns dazu zu dir zu kommen?“
„Ich zeige euch ein Leckerlie, etwas das ihr sehr gern mögt. Wenn ihr zu mir kommt, um das Leckerlie abzuholen, sage ich jedesmal ZU MIR – bis das ohne Leckerlie funktioniert.“
„Aha,“ kommentiere ich seine Erklärung. „Das hört sich sehr interessant an und ich bin neugierig auf solch ein Rollenspiel mit dir.“
Für heute verabschiedet er sich von mir und in der darauffolgenden Nacht habe ich einen entsprechenden Traum, indem Maik mein Herrchen ist und er seine liebe Not mit mir beim Kommandotraining hat.

*

Dann ist der Tag des Turniers gekommen. Maik kommt zu uns. Wir fahren in Papas Auto zum Sportplatz. Die Straßen sind mit Plakaten regelrecht tapeziert. Bestimmt an jeder dritten Straßenlaterne hängt eins. Wir betreten das Gelände des Sportplatzes. Großes Gedränge lässt uns nur langsam vorankommen. Ich begleite Maik zu der Umkleide. Meine Eltern folgen uns mit Beauty.
An der Tür wende ich kurz meinen Rollstuhl und winke Mam und Paps nochmal zu. Maik hält mir die Tür auf und drinnen trenne ich mich für kurze Zeit mit einer innigen Umarmung von ihm.
Der Vorsitzende des Sportvereins eröffnet das Turnier. Wir bestreiten das erste Spiel gegen die Damenmannschaft des Sportvereins, die auf geliehenen Rollstühlen gegen uns antritt. Während des Spiels vergesse ich alles Alltägliche.
Ich bin voll auf das Spiel fokussiert. Man spürt, dass die gegnerische Mannschaft nicht gewohnt ist sich im Rollstuhl zu bewegen. Das kann ich mehrmals zu meinem Vorteil ausnutzen. Ich schenke mir und den anderen nichts und schließlich liegen wir uns jubelnd in den Armen.
Dann ziehen wir uns an den Spielfeldrand zurück, denn jetzt spielen die Männer gegeneinander. Schließlich endet deren Spiel in einem Unentschieden. Anschließend meldet sich der Vorsitzende des Sportvereins noch einmal über die Stadion-Lautsprecher.
„Liebe Sportfreunde und Mitbürger!“ verkündet er. „Ich darf ihnen einige Besonderheiten des Turniers bekanntgeben: Da es sich um ein Freundschaftsturnier handelt, spielen nun die Herren gegen die Damen in beiden Kategorien. Zum Abschluss des Turniers spielen dann die Siegermannschaften gegeneinander. Der Tag soll bei gemütlichem Zusammensein im Saal unserer Gaststätte ausklingen. Dazu sind alle herzlich eingeladen!“
Wie angekündigt sehen wir nun ein Spiel ohne Rollstühle, in dem die Damenmannschaft des örtlichen Sportvereins gegen die Herrenmannschaft antritt. Im nächsten Spiel müssen wir gegen die Herrenmannschaft der Behindertensportgruppe antreten und den Abschluss bildet ein Spiel, das die beiden höchstplatzierten Mannschaften gegeneinander bestreiten. Alle Spiele haben zweimal zwanzig Minuten gedauert, so dass das Turnier mit Pausen fünf Stunden gedauert hat.
Nachdem wir uns umgezogen und frisch gemacht haben, rolle ich vor die Tür der Umkleide. Maik erwartet mich dort.
„Deine Eltern sind wohl schon im Saal,“ sagt er, nachdem wir uns kurz in den Arm genommen haben.
Ich ziehe die Stirn kraus.
„Unser Auto steht nicht mehr draußen?“
„Doch,“ meint er. „Aber ich sehe sie nicht. Sie hätten doch sonst sicher hier auf dich gewartet…“
„Stimmt,“ sage ich. „Nicht schlimm. Du begleitest mich ja zum Saal!“
Ich nicke lächelnd und wir spazieren die Hauptstraße in Richtung Innenstadt zu der Gaststätte hinter der der angemietete Saal liegt.
Vor dem Eingang des Saales treffen wir auf ein Ehepaar etwa im Alter von Mam und Paps. Sie begrüßen Maik herzlich und wenden sich dann zu mir. Bevor sie etwas sagen können stellt Maik mich ihnen vor.
„Mama, Papa, das ist Andrea!“
„Ah, du bist Maiks Freundin,“ sagt Frau Haller zu mir.
Sie lächelt freundlich und reicht mir die Hand. Wir begrüßen uns. Dann sagt sie:
„Kommt, wir suchen uns schonmal einen Tisch drinnen!“
Damit dreht sie sich um und betritt den Saal. Ich rolle hinter ihr her. Maik und sein Vater flankieren mich. Frau Haller hat bald einen Tisch gefunden. Ich sage schnell:
„Wir brauchen noch zwei Stühle!“
Maik beruhigt mich:
„Wir rücken die Stühle zusammen. Ich hole noch einen und du bleibst ja auf deinem Rolli.“
Ich nicke und er spricht mit einer Kellnerin. Sie führt ihn in einen Nebenraum, aus dem er kurz darauf mit einem Stuhl in den Händen zurückkommt. Herr Haller hat die Stühle inzwischen im Kreis um den Tisch zusammen geschoben, so dass mein Rolli und der weitere Stuhl zusätzlich an den Tisch passen. Herr und Frau Haller bestellen etwas zu trinken und ich nicke Maik zu, als er mich anschaut und noch zwei Portionen Pommes frites dazu bestellt.
Kaum haben wir unsere Bestellung am Tisch, treten Mam und Paps an unseren Tisch. An Paps Seite geht Beauty und schaut neugierig in die Runde. Unsere beiden Elternpaare begrüßen sich freundlich und Herr Haller bietet meinen Eltern an, sich dazu zu setzen.
„Wir waren noch Gassi mit Beauty,“ sagt Papa zu mir, während er sich setzt.
Sofort ist eine Kellnerin zur Stelle und fragt Mam und Paps nach ihrer Bestellung. Als sie fort ist, sagt Herr Haller:
„Andrea ist sehr sportlich!“
Papa nickt lächelnd und antwortet:
„Wir sind auch sehr stolz auf sie.“
Es entwickelt sich ein freundliches, dennoch reserviertes Gespräch zwischen den Erwachsenen.

*

Eines Tages fragt Maik beiläufig in einem Gespräch:
„Liebes, du kannst deine Beine doch bewegen, bist nicht gelähmt…“
Ich nicke und schaue ihn erwartungsvoll an. Was bewegt ihn jetzt wohl?



Luna -11-
Beauty meldet sich nun mit japsendem leisem Gebell und geht in die Spielverbeugung. Maik lässt mich sanft auf seine Oberschenkel ab und versucht sie mit der Hand zu erreichen, doch sie weicht gerade so weit zurück, dass sie eben außerhalb der Reichweite seiner Hand ist.
„Beauty will spielen,“ meint er. „Sie möchte Aufmerksamkeit.“
„Ja,“ antworte ich zwinkernd. „Es ist nicht leicht, sich um zwei Hündinnen gleichermaßen zu kümmern…“
Er steht auf und ich krabbele von der Decke, um mich daneben im Gras niederzulassen. Während er die Decke zusammenfaltet und in der Tasche verstaut, schaue ich ihm im Gras sitzend zu. Dann hilft er mir auf und fasst mich unter den Achseln, dass ich kaum auftreten muss. So bringt er mich die zwei Meter zu meinem Rolli, ohne dass ich Probleme mit dem unebenen Boden bekomme. Ich setze mich hinein und schnalle mich fest.
„Schaust du mal hinten in die Tasche? Da ist ein Ei drin für Beauty,“ bitte ich Maik.
Er öffnet die Tasche an meiner Rückenlehne und nimmt das Plastikspielzeug für Beauty heraus. Er gibt es mir und schiebt mit etwas Mühe den Rolli über die Wiese auf die Straße hoch. Beauty beobachtet genau, was wir machen.
Oben auf der Straße sage ich zu Maik:
„Geh ein paar Meter weg, so dass ich dir das Ei zuwerfen kann. Gib dir keine große Mühe beim Fangen oder Zurückwerfen. Wenn das Ei auf den Boden fällt, freut sich Beauty!“
Wir spielen auf der Straße Fangen. Beauty freut sich. Sie läuft bellend von Einem zum Anderen und apportiert das Spielzeug, sobald es im Feld oder auf der anderen Seite auf der Wiese landet. Schließlich ist Beauty ausgepowert. In der Ferne sehen wir Radfahrer, die auf uns zu kommen. Also beenden wir das Spiel. Ich schiebe das Ei wieder in die Tasche zurück. Dann machen wir uns langsam auf den Heimweg.
Als die Radfahrer beinahe heran sind, sage ich:
„BEAUTY, BEI FUSS!“
Beauty kommt zu mir, so dass ich sie wieder an die Leine nehmen kann. Dann warten wir bis die Radfahrer vorbeigefahren sind und spazieren langsam zurück.

*

Maik besucht mich oft. Neben dem Hören der Musik will er viel über mein Anime-Faible wissen. Ich habe ihm ja schon von dem Anime-Manga INUMIMI erzählt, in dem drei Familienhunde sich in Mädchen verwandeln und nun als Mädchen sich in der Menschenwelt zurechtfinden müssen.
„Du spielst eins der Mädchen, und zwar die LUNA, gerne nach,“ sagt er dazu. „Dabei stellst du dich aber auf die Stufe von Beauty. Du spielst also eigentlich keinen Hund, der sich in ein Mädchen verwandelt hat, sondern ein Mädchen, das sich in eine Hündin verwandelt hat. So kannst du dann mit Beauty spielen und ihre Spielzeuge mit verwenden.“
Ich nicke.
„Ja, so ist es wohl.“
„Du hast außerdem gesagt, dass dir die LUNA von den Dreien am besten gefällt, weil sie in der Lernphase ist. Sie ist sehr verspielt und mag es, die Welt zu entdecken. Dabei muss sie aber noch ihre Grenzen kennenlernen. So hast du sie mir beschrieben, und dass sie froh ist, ein Teil der Familie zu sein.“
„Genau deshalb mag ich die Luna,“ bestätige ich.
„Daraus lässt sich sehr gut ein Rollenspiel entwickeln, indem ich einen Platz einnehme, und dass wir immer dann spielen können, wenn wir alleine sind und entspannen – den Alltag kurz hinter uns lassen wollen.“
„Ja…?“ dehne ich.
Maik hat mich neugierig gemacht.
„Du spielst wie immer die junge Corgi-Hündin LUNA und ich spiele deinen Herrn. Beauty kann gern mitspielen – wie bisher!“
„Oh ja,“ rufe ich aus, um dann in normaler Lautstärke fortzufahren: „Wie stellst du dir denn deine Rolle als Herr vor? Was ist deine Aufgabe?“
„Nun, du sagtest selbst, Menschen behandeln Hunde oft wie ihre Kinder. Sie geben ihnen Zuneigung und Aufmerksamkeit, beschäftigen sich mit ihnen, kümmern sich um sie, sorgen für sie, pflegen sie. Das wären dann meine Aufgaben in dem Rollenspiel.“
„Aber LUNA muss noch viel lernen und sie testet gern ihre Grenzen aus. Einfach wird es mit ihr nicht,“ meine ich zu ihm, augenzwinkernd.
„LUNA kann sich die Gestik und Mimik der Hunde von Beauty abschauen,“ antwortet er mir lächelnd. „Die Hundekommandos bringe ich dir schon bei – und Beauty kann sie sich wieder bei dir abschauen.“
„Hm,“ mache ich. „Und wenn ich einmal keine Lust habe und ‚rumzicke‘?“
„Dann bekommst du eben kein Lob, keine Belohnung. Dann erkennst du sicher an meinem Verhalten, dass ich enttäuscht bin,“ sagt er.
Ich schaue ihn an, um irgendeine Regung in seinem Gesicht zu erkennen und deuten zu können. Aber es scheint ihm ernst zu sein.
„Wie trainierst du denn mit mir die Hundekommandos?“ frage ich und schaue zu Boden.
„Das kenne ich von meinem Onkel in Süddeutschland. Er hat auch Hunde auf seinem Hof. Die Kleinen lernen die Hundesprache von ihren Müttern. Beim Training der Hundekommandos hat Onkel Hans eine unendliche Geduld. Er sagt, er nutzt die Methode ‚Positive Verstärkung‘, das heißt, er motiviert die jungen Hunde durch Lob und Belohnung. Wenn sie dann nicht mehr zu motivieren sind und ‚rumzicken‘, wie du es nennst, bricht er das Training ab und spielt mit ihnen bis sie ausgepowert sind. Dann lässt er sie ausruhen und nach einem Schläfchen wiederholt er kurz das Gelernte, um darauf aufbauend weiter zu machen.“
„Ah, das ist interessant,“ sage ich. „Wie beginnt denn so ein Training?“
„Junge Hunde reagieren noch nicht auf einen Namen. Wir brauchen aber ein Codewort über das sie erkennen, dass sie gemeint sind. Wir wollen, dass sie aufmerksam werden. Also suchen wir uns einen Namen für sie aus und sagen ihn oft in ihrer Nähe. Heben sie daraufhin aufmerksam den Kopf und schauen den Trainer an, bekommen sie eine Belohnung und werden gelobt. Sie verstehen zwar nicht, was wir sagen, aber sie hören am Tonfall, dass wir froh über ihre Reaktion sind.