Dienstag, 13. Oktober 2020
Suìmh Aille -09
„Tá orm a lán a fhoghlaim faoi sin fós! -Darüber muss ich noch viel lernen-!“ meint er.
„Aber ja, du bist ja erst noch der Schüler von Iarla Eamon Ciaraì!“
Am frühen Nachmittag tritt Curadh Ciaraì mit Curadh Murchardh, unserem Leigheas -Heiler-, seinem Mac Léinn, Runa, seiner Doggie und etwa einem Dutzend weiteren Männern ein.
Beide Mic Léinn werden beauftragt, ein Bankett mit den unterschiedlichsten Speisen herzurichten und zu servieren. Den Gästen werden Sitzplätze angeboten, die Curadh Ciaraì so anordnet, dass vor dem Tisch zwischen Foyer und Treppenhaus eine schmale Freifläche bleibt. Anschließend führt Curadh Murchardh Runa durch etwa zwei Dutzend Hundekommandos, die er immer wieder einmal unterbricht, indem Runa Hundespiele oder spezifisches Hundeverhalten vorführen soll.
Ich sitze abseits auf meinen Fersen und ebenfalls schaue Runa bewundernd zu. All das will ich bald auch können. Mein Curadh hilft mir sicher.
Nach etwa einer Stunde beginnen die Mic Léinn das Essen aufzutragen und die Gäste verteilen sich rund um den Tisch. Bradáin stellt uns zwei gefüllte Schalen neben unsere Curadhs auf den Boden. Ich stelle stolz fest, dass die Gäste immer wieder einen Blick auf uns werfen.
Curadh Ciaraì eröffnet das Essen auch jetzt, indem er seine Tasse hebt, zwei Finger hineinsteckt, ein paar Tropfen auf seinen Cloch baile -Heimstein- verspritzt und sagt:
„Tugann nádúr cuimsitheach, léargas ceart dúinn inár dtionscadail. – Allumfassende Natur, schenke uns bei unseren Vorhaben die rechte Einsicht.“
Die Gäste wiederholen stehend die Zeremonie und skandieren dann dreimal den Namen unserer Stadt. Anschließend gibt mein Curadh Bradáin einen Wink. Dieser schaltet irische Musik ein, in einem Rhythmus, der in die Beine geht.
Nachdem mein Curadh Stunden später die Gäste verabschiedet und ihnen Schriftstücke zum Ausfüllen mitgegeben hat, bleibt Curadh Murchardh noch eine Weile bei Eamon sitzen. Sie resümieren den heutigen Tag, während die Mic Léinn die Tafel abräumen und die Küche säubern. Währenddessen unterhalte ich mich leise mit Runa, die den ganzen Tag mit den Curadhs draußen gewesen ist.
Sie sagt, dass die Curadhs den Ort in den social Communities im Internet bekannt gemacht haben. Heute sind acht Petplayer aus ganz Irland da gewesen, vier davon mit ihren Partnerinnen, um zu schauen, welche Entfaltungsmöglichkeiten ihnen Suìmh Aille bietet. Es sind alles Vertreter alter, aussterbender Handwerksberufe, für die ihre Arbeit zugleich zu ihrem Hobby geworden ist. Normalerweise könnten sie in der modernen Industriegesellschaft nicht mehr von ihren Berufen leben. Curadh Ciaraì will es ihnen hier in Suìmh Aille ermöglichen.
Tage später ist mein Rückflugtermin gekommen. Eamon bringt mich mit dem Chevrolet Sedan zum Flughafen nach Dublin zurück. Ich gehe seit heute Morgen wieder auf zwei Beinen, was mir anfangs schwergefallen ist. Er hat mich stützen müssen. Den ganzen Tag über und auch während des Rückfluges bin ich in Gedanken versunken. Es fühlt sich an, als streiten in mir zwei Geister miteinander. Das Herz sagt: ‚Komm schnellstmöglich zurück.‘ Eine Sehnsucht wie ein Gummiband, das gedehnt wird, erzeugt einen Trennungsschmerz. Das Gehirn sagt: ‚Sei froh, dass die Zeit auf vier Beinen vorbei ist! Überlege dir die nächsten Schritte gut!‘
Es ist ja nicht nur das Petplay, das ich ausleben durfte… Ich habe mich bei Curadh Eamon sicher und geborgen gefühlt. Zuneigung ist gewachsen.
Mein Urlaub ist vorbei und ich bin tagsüber wieder im Büro der Werft. Der Alltag hat mich wieder. Nach einer Woche, in der ich mich absichtlich von Eamon ferngehalten habe, steht mein Entschluss fest: Ich werde meine Arbeitsstelle kündigen und ganz nach Irland ziehen.
An diesem Wochenende setze ich mein Kündigungsschreiben auf und übergebe es tags darauf meinem Chef. Er sagt, er bedauert meine Entscheidung, aber er respektiert sie. Nach drei Monaten Kündigungsfrist wäre ich also frei für Irland. Sechs Wochen vor Ende der Kündigungsfrist kündige ich meine kleine Wohnung und ziehe mit kleinem Gepäck in mein früheres Kinderzimmer zu meinen Eltern.
Ich erzähle ihnen viel von Irland und dass, ich bei meinem letzten Urlaub dort einen Landlord kennengelernt habe. Wir hätten uns ineinander verliebt, sage ich meinen Eltern, und dass ich bald zu ihm ziehen will.
Sie wollen meinen späteren Partner kennenlernen. Das schreibe ich Eamon über WhatsApp. Er freut sich über meine Entscheidung und sagt, dass er meine Eltern am übernächsten Wochenende besuchen möchte, um sich ihnen vorzustellen. Ich gebe ihm die Adresse meiner Eltern und bin gespannt, wie er sich ihnen präsentieren wird. Dabei denke ich an meinen ersten Live-Kontakt mit ihm.
Die folgenden Tage helfe ich Mama im Haushalt und versuche den kommenden Sonntag nach irischer Art zu gestalten, damit Mama und Papa einen Eindruck davon bekommen, was sie als Gäste des Méara -Ortsvorstehers- in Irland erwartet.
Während des irischen Brunchs am Vormittag fragt Mama:
„Hat sich Eamon in den letzten Tagen einmal gemeldet? Gefragt, wie es dir geht, ob du an ihn denkst?“
Ich schüttele den Kopf und sage:
„Dann könnten wir unsere Gefühle füreinander nicht mehr unbeeinflusst prüfen.“



Montag, 12. Oktober 2020
Suìmh Aille -08
Bradáin wiederholt die Geste und den Spruch meines Curadhs, dann beginnen sie zu frühstücken. Auch ich senke meinen Mund nun über die Schale.
Nach dem Frühstück bin ich erst einmal mir selbst überlassen. Der Mac Léinn beschäftigt sich mit der Hausarbeit und mein Curadh verlässt das Haus, um im Ort nach dem Rechten zu sehen. Er hat mir erzählt, dass heute einige Besucher kommen werden, um sich anzusehen, welche Zukunftsmöglichkeiten ihnen Suìmh Aille bietet.

*

Ich habe mich auf mein Schaffell neben dem Kamin zurückgezogen und abgewartet, bis im Haus Ruhe eingekehrt ist. Danach erhebe ich mich und schleiche auf allen Vieren durch die Seomrai beo –Wohnhalle- hinüber zu den Räumen gegenüber der Küche, wo hinein der Mac Léinn Bradáin verschwunden ist. In die Räume gegenüber gelange ich, indem ich mich an der Tür strecke, um an die Klinke zu kommen.
Die Tür springt auf. Schnell halte ich sie fest, damit sie nicht mit großem Krach auffliegt. Ich gehe hinein und lehne die Zimmertür hinter mir nur an. Hier befinde ich mich in einem normalen Büroraum. Eine andere Tür führt weiter. Dahinter liegt, wie ich dann sehe, ein Besprechungsraum mit einem großen Tisch und Aktenschränken rundum an den Wänden. Durch die nächste Tür gelange ich in das zur Wohnhalle hin offene Treppenhaus.
Über die Treppe, das weiß ich inzwischen, gelange ich zum einen in den ersten Stock. Dort liegen die Privaträume und Gästezimmer, sowie die Sanitärräume und ein Badeparadies. Zum anderen führt die Treppe auch in den Keller des Hauses, ein für mich noch unbekannter Bereich.
Zwar kenne ich auch den Hauswirtschaftstrakt noch nicht, der dem Bürotrakt gegenüberliegt, aber dort ist Bradáin -Lachs- noch zugange. Also entscheide ich mich, über die Treppe nach unten zu gehen. Dort liegt der Keller mit den Vorratslagern, auf Irisch das ‚Urlár Stórais‘. Um auf allen Vieren am besten die Stufen zu bewältigen, mache ich langsam und halte mich leicht schräg.
Unten angekommen, gehen sogleich die Wandlampen in Form von Kerzen an. Mein Herz rutscht in die Hose, aber dann sehe ich den Bewegungsmelder. Das Gerät ist doch sehr nützlich!
Hier befinde ich mich in einer Garderobe. Ich versuche vergeblich, die Tür gleich in der Nähe zu öffnen. Sie muss verschlossen sein. Wenn ich mich an der Tür umwende, habe ich einen langen und breiten Gang vor mir. Neugierig gehe ich in ihn hinein. An den Gangwänden beiderseits liegen weitere Türen. Ich öffne sie nacheinander und blicke in Räume voller Regale, in denen sich die unterschiedlichsten Gegenstände befinden. Zumeist handelt es sich um Lebensmittel, aber auch Werkzeug und Gerätschaften befinden sich hier.
Bald habe ich genug gesehen und gehe wieder zur Treppe zurück. Die niedrige Temperatur hier unten lässt mich frösteln. So führt mich mein erster Weg in der Wohnhalle wieder zu meinem Schaffell neben dem Kamin zurück. Die Funktion der verschlossenen Tür werde ich sicher irgendwann auch noch erfahren.
Irgendwann, ich bin wohl eingedöst, schreckt mich der Mac Léinn auf mit der Frage:
„An bhfuil ocras ort -Bist du hungrig-?“
Ich schaue ihn an, gähne und werfe den Kopf in den Nacken. Er lacht und sagt:
„Ansin teacht go dtí an chistin. Rinne mé rud éigin le hithe dúinn -Dann komm in die Küche. Ich habe uns etwas zu essen gemacht-.“
Neugierig erhebe ich mich und folge ihm in die Küche. Er hält mir die Tür auf. Ich erkenne hier zwei Küchenzeilen an den Längswänden, unterbrochen von einem riesigen Ungetüm von emailliertem Herd und einem kleinen Essplatz. Beidseitig führen Türen in weitere Räume. Bradáin setzt sich auf den Hocker an den niedrigen Tisch und stellt mir meine gefüllte Schale neben sich.
Mich der Schale nähernd, werfe ich einen prüfenden Blick hinein. Es sind Reste vom Frühstück, genau das Gleiche was er auch vor sich stehen hat. Möglicherweise hat er sich heute Morgen in den Mengen verschätzt. Das wird er mit der Zeit noch lernen!
Die erste Zeit verbringen wir schweigend nebeneinander mit Essen. Schließlich hält er es wohl nicht mehr aus. Er fragt:
„Cad a spreagann duine i ndáiríre ligean air féin gur ainmhí é? -Was motiviert eine Person tatsächlich dazu, sich als Tier auszugeben-?“
„Hm,“ mache ich und schlucke den Bissen hinunter.
Dann setze ich mich bequem auf den Fußboden, die Beine angewinkelt und schaue ihn an.
„Es gibt Menschen, die in sich ein Tier fühlen. Wegen dem rationalen Alltag um uns herum und den Menschen, die das nicht verstehen, lassen diese Menschen ihr inneres Tier nur ab und zu an die Oberfläche, – oder wie hier – nur in einer Umgebung, in der sie sich sicher und geborgen fühlen können.
Was fühlen diese Menschen in ihrem Inneren? Das ist schwer zu erklären: Zum einen sagt man, Tiere sind ‚Gefühlsmenschen‘. Sie leben ihre Gefühle sofort und spontan aus, warten damit nicht bis sie allein sind. Zum anderen sind Tiere keine ‚niederen Lebewesen‘! Sie stehen als Teil der Natur mit uns auf gleicher Stufe. Hunde und Katzen zum Beispiel sind Familienmitglieder des Menschen geworden.“



Sonntag, 11. Oktober 2020
Suìmh Aille -07
Nach einigen schweigsamen Minuten beginnt Runa erneut:
„Selbst der ärmste Mann ist in seinem Haus, in der Nähe seines Cloch bhaile, der Alleinherrscher, der Mittler zwischen der Natur und den Menschen. Er genießt den Respekt der Anderen, solange er sich seiner Verantwortung gewachsen zeigt.“
Ich nicke lächelnd.
Es wird Abend, als die Curadhi zurückkehren. Wir haben gegen Mittag einen kleinen Imbiss zu uns genommen, den die Mic Léinn bereitet haben. Runa begrüßt ihren Curadh freudig lächelnd mit wiegenden Hüften. Ich bleibe etwas im Hintergrund, um die Begrüßung miterleben zu können.
Curadh Murchadh nickt ihr mit einem zärtlichen Blick zu und streicht ihr über den Kopf. Dabei sagt er:
„Ich bin ja wieder da, Runa.“
Curadh Ciaraì schaut lächelnd in meine Richtung und ruft dann die Mic Léinn herbei. Er gibt ihnen die Anweisung, das Dinnéar -Abendessen- vorzubereiten. Bis das Essen fertig ist, versenkt Curadh Ciaraì einen mitgebrachten Stein in einer Aussparung der Tischplatte.
Eine halbe Stunde später sitzen die Curadhi und ihre Mic Léinn bei Tisch, während wir uns neben ihnen auf den Bodenkissen niedergelassen haben und aus den Schalen essen. Um unseren Durst zu stillen, halten uns die Herren eine Flasche mit dem Getränk hin. Sie besitzt ein Mundstück, so dass man daran saugen kann.

*

Nach dem Abendessen in Curadh Ciaraìs Teach –Haus- begleite ich meinen Curadh in sein Haus, das auch mir als Cóiriocht –Unterkunft- dient.
Beim Betreten des Teach stelle ich fest, dass der Vorraum hier größer ist. Neben den Sitzgelegenheiten gibt es hier noch ein Schreibpult mit einem Laptop. Eine seitliche Tür führt in die Othar Charr –Arztpraxis-. Der Boden besteht aus Marmor, der mir gar nicht kalt vorkommt. Auch mein Curadh legt einen Stein, den er aus seiner Gürteltasche holt, in die Aussparung der Tafel -Tabla bia- im Wohnraum -Seomrai beo-.
Anschließend strebt er zu der Treppe ins Obergeschoß. Ich folge ihm. Oben angekommen, hängt er seine Straßenkleidung an die Garderobe im Gang, der den Schlafbereich von Toilette, Bad und Wellnessbereich trennt. Er lächelt mich an und zieht mich mit sich ins Schlafzimmer. Die Obergeschosse der Häuser hier kenne ich noch nicht. Darum verharre ich kurz in der geöffneten Tür. Ich kann nicht anders, als mich in einem Traum aus Tausendundeiner Nacht zu wähnen.
Den Raum nimmt ein Doppelbett fast völlig ein. Man kann außen komplett herumgehen. Halb durchsichtige Vorhänge um ein Massivholz-Bettgestell, Kerzen an den Wänden und ein Kaminfeuer, beides elektrisch betrieben, zaubern eine heimelige Atmosphäre. Mein Curadh öffnet eine Tür. Dahinter befindet sich ein Ankleidezimmer mit Stangen, Regalen und Schubläden – ein begehbarer Kleiderschrank.
Als ich mich auf nackten Füßen dem Himmelbett nähere, liegt er schon drinnen. Er sieht mich kommen und hält mir den Vorhang auf. Bald darauf wandern seine Finger zärtlich über meinen Körper.

*

Nach dem Abendessen verabschieden sich die beiden Curadhs herzlich voneinander. Curadh Ciaraì lässt den Mic Léinn die Wahl, wer in einem Arzthaushalt leben und lernen möchte und wer eher in der Verwaltung seine Zukunft sieht. Sie sollen sich also aufteilen. Einer von ihnen soll Curadh Murchardh nachhause begleiten.
Anschließend führt Curadh Ciaraì uns in die Privaträume im oberen Stockwerk. Jeder von uns bekommt sein eigenes Schlafzimmer zugewiesen. Mein Curadh zeigt dann noch Toilette, Bad und Wellnessbereich. Ich bin über den schlichten Luxus überrascht. Danach wünscht er uns eine Gute Nacht.
Das Gästezimmer, das Eamon mir zugewiesen hat, beherbergt ein großes Bett, reichlich Raum drumherum und eine Reihe von Truhen rundum an den Wänden, sowie Regale über den Truhen. Das Bett ist ein breites Einzelbett mit Massivholzgestell. Die seitlichen Bretter sind geteilt. Es sieht aus, als ob hier ein Zusatzbett untergeschoben ist. Elektrisch betriebene Kerzen an den Wänden, zaubern eine romantische Atmosphäre.
Ich krabbele auf allen Vieren ins Bett, schlage die Decke über mich und bin bald darauf eingeschlafen. Die Kerzen sind in der Einschlafphase dunkler geworden und bald ausgegangen.
Am nächsten Morgen brennen die Kerzen beim Aufwachen schon wieder. Demnach ist auch draußen die Nacht dem Tageslicht gewichen. Trotzdem bleibe ich abwartend im Bett liegen.
Kurze Zeit später steckt der Hausherr seinen Kopf zur Zimmertür herein. Er sieht, dass ich wach bin und lächelt mich an.
„Komm, Eithne, wir wollen gehen frühstücken,“ fordert er mich fröhlich auf.
Also schlage ich die Decke zurück und krabbele aus dem Bett. Ich denke mir, dass ich die nächsten Tage bis zu meinem Rückflug im Vierfüßler-Gang bleiben werde.
Leicht schräg gehend folge ich meinem Curadh die Treppe hinunter in die Wohnhalle, nachdem er mich im Bad frisch gemacht hat. Da ich im Augenblick rund um die Uhr Pfotenhandschuhe trage, kann ich nicht mehr selbst Hand an mich legen. Aber Eamon macht das schon ganz gut.
Unten angekommen setzt er sich an den niedrigen Tisch. Dort steht schon alles für das Frühstück bereit.
„Bradáin -Lachs-!“ ruft Curadh Ciaraì, und der junge Mann, der unseren Haushalt führt kommt aus dem Hauswirtschaftsraum näher.
Ich nehme mir vor, dass ich im Haus irgendwann einmal auf Erkundungstour gehen muss.
„Setze dich nieder, bitte!“ sagt Eamon nun.
Der junge Mann nimmt einen Hocker und setzt sich an die Ecke des Tisches, während ich mich auf der anderen Seite Eamons niedergelassen habe.
Mein Curadh schneidet mir etwas von den Lebensmitteln auf dem Tisch klein und füllt damit eine Schale schwerem Glas. Dann füllt er die Tasse des Mac Léinn Bradáin und seine eigene aus der Teekanne. Eamon hebt seine Tasse an, tunkt zwei Finger hinein und verspritzt ein paar Tropfen auf den Stein in der Tischplatte, der seit gestern dort in einem Moosbett in einer Vertiefung liegt. Dabei spricht er die irischen Worte:
„Nádúr uilechuimsitheach, beannaigh ár n-aoi agus inniu -Allumfassende Natur, segne unseren Gast und den heutigen Tag-!“



Samstag, 10. Oktober 2020
Suìmh Aille -06
„Das ist die Philosophie, die für dich hinter Allem steht, Eamon? Ich möchte lernen, mich in dieser Weise einzubringen!“ sage ich begeistert.

*

Zurück im Landhaus eröffnet mir Master Eamon:
„Wir werden umziehen in den nächsten Tagen nach Suìmh Aille! Die Arbeiten sind abgeschlossen. Die Geräte und Gerüste werden sein abgebaut. Leben wir dort erst einmal, mit der Zeit sich einfinden werden weitere Petplayer dort…“
Gesagt, getan. Vier Tage später führt Master Eamon mit seinem offenen Oldtimer bei strahlendem Sonnenschein einen LKW mit dem Hausrat, den ein Ortsvorsteher braucht, nach Suìmh Aille. Die Männer räumen eins dieser eiförmigen Häuser in der Ortsmitte ein. Es liegt am Rande des Platzes mit dem keltischen Lebensbaum aus Basalt.
Mehrere Stunden später, als die Männer fertig sind und der LKW den Ort verlassen hat, führt Master Eamon mich in das Haus.
Wir betreten nach Öffnen der Haustür einen Vorraum, eine Garderobe mit Sitzgelegenheit. Der Tisch hat in etwa die Höhe von Couchtischen. Rundum sind Hocker gruppiert und im Wechsel Kissen im gleichen Bezugsstoff und –muster. Eine jetzt einladend offenstehende zweiflügelige Tür mit Glaseinsätzen lässt mich in die Seomrai beo –Wohnhalle- blicken, die im Zentrum des Hauses liegt. Um sie herum liegen die Wirtschaftsräume und mir gegenüber führt eine Treppe in das obere Stockwerk mit den Schlafräumen. Im Keller befinden sich die Vorraträume, wie mir Master Eamon erklärt hat.
Ab sofort muss ich ihn irisch mit Curadh –Herr/Meister- anreden. Er sagt, dass er sich mit einem Freund aus Kindertagen treffen wird. Dieser Curadh hat Medizin studiert und altirische Heilkunde. Daher möchte er ungern als Dochtuir –Arzt- betitelt werden. Leigheas –Heiler- trifft es besser, seiner Meinung nach.
Curadh Murchardh, der Leigheas, ist in Begleitung einer irischen Doggie. Er nennt sie Runa -zauberhaft-. Mir hat mein Curadh den Namen Eithne -berauschend- als Doggie gegeben. Beide Curadhi warten auf junge Männer, ihre Mic Léinn -Schüler/Studenten-. Sie sollen in Zukunft den Haushalt und das Büro übernehmen. Am Nachmittag treffen die Beiden ein und werden von den Curadhi gleich in ihre Pflichten eingewiesen.
Anschließend lassen uns die Curadhi allein. Sie wollen eine Wanderung in die Umgebung machen. Ihnen geht es darum, bei einer meditativen Wanderung Clocha bhaile –Heimsteine- für ihre Häuser und für Suìmh Aille zu finden. Den Heimstein für Suìmh Aille wollen sie dann teilen lassen. Der größte Brocken soll ein Steinmetz in den Lebensbaum –Crann na beatha- kunstvoll integrieren. Der kleinere Teil wird in den Boden des großen Versammlungsraumes –seomrai cruinniú- eingelassen. Die Heimsteine für die beiden Häuser werden einen Ehrenplatz in den Seomrai beo bekommen. So hat es mir Curadh Eamon erklärt.
Die Zeit, in der beide Curadhi –Herren- unterwegs sind, soll ich zusammen mit Runa –zauberhaft-, Curadh Murchadhs Doggie verbringen. Nachdem wir es uns gemütlich gemacht haben, erzählt mir Runa, dass um den Heimstein sehr viel Aufhebens gemacht wurde. Sie erklärt mir:
„Die Curadhi machen Spaziergänge in der Umgebung von Suìmh Aille, während sie über die Natur nachdenken – sie meditieren. Irgendwann fällt ihnen dabei ein Stein auf, der eine Besonderheit in seiner Umgebung aufweist…
Man sagt, nicht der Mensch findet einen Stein, sondern der Stein sucht sich seinen Menschen. Die Natur hat dabei ‚ihre Finger im Spiel‘. Der Cloch bhaile ist unser Bindeglied zur Natur und Mittelpunkt verschiedener Zeremonien. So schwören sie in Gegenwart des Cloch bhaile von Suìmh Aille unserer Stadt ihre Treue. Sie ehren unsere Stadt und die Natur um uns herum, indem sie sie für die nachfolgende Generation erhalten. Sie halten der Familie die Treue, indem sie dem Wort des Vaters folgen. Sie ehren den Gastgeber, wenn sie ein fremdes Haus betreten, indem sie in Frieden kommen. Der Cloch bhaile nimmt auf diese Weise eine herausragende Stellung im Leben ein aus Respekt vor der uns umgebenden Natur.“
„Was doch die Aufgabe der Naturschutzorganisationen sein soll, ist somit auch euer Lebensinhalt?“ frage ich.
„Ja, wir sehen es als falsch an, alles den Anderen zu überlassen. Jeder Einzelne kann etwas tun! Wir beuten die natürlichen Ressourcen nicht aus Profitgier oder Ignoranz aus – ‚Nach mir die Sintflut’ -, sondern wir verstehen es so, dass die Erde uns geborgt wurde. Und Geliehenes, das du irgendwann zurückgeben musst, wirst du doch pfleglich behandeln?!“ sagt Runa.
„Hm, ja, da hast du recht…“ gebe ich zu.
Neugierig frage ich Runa nach der Bedeutung des einzelnen Stuhles am Tisch. Sie sagt:
„Nach unserer Philosophie hat ein Stuhl eine besondere Bedeutung. Er ist in privaten Haushalten eher selten zu finden und ist gewöhnlich für besondere Gäste reserviert, etwa für den Méara –Ortsvorsteher- und die Comhairli –Ratsherren-. Sie sitzen darauf höher und können die anderen Anwesenden überblicken. Normalerweise sitzen die Curadhi auf den Hockern und damit in Bodennähe. Sie wollen ‚bodenständig‘ bleiben.“



Freitag, 9. Oktober 2020
Suìmh Aille -05
Endlich kann ich nach Irland reisen. Ich fliege von Hamburg nach Dublin. Wieder habe ich mir Bedenkzeit ausbedungen. Eamon ist gerne darauf eingegangen. Also werde ich meinen zweiwöchigen Urlaub bei ihm verbringen und dann erst einmal wieder zurückfliegen.
Er holt mich am Flughafen mit einem weinroten viertürigen Oldtimer ab. Es soll ein Chevrolet Sedan von 1930 sein, erklärt er mir stolz auf meine Nachfrage hin. Ich bin gespannt, wie viele Oldtimer sonst noch in seiner Garage stehen und welches Anwesen mich wohl erwartet.
Inklusive einer Pause fahren wir fünf Stunden durch eine hügelige grasbewachsene, nicht enden wollende Landschaft. Am Ziel lenkt Eamon den Oldtimer durch ein offenstehendes schmiedeeisernes Tor auf ein Landhaus zu. Er hält an einem Nebengebäude mit großem Tor, durch das sicher früher Kutschen gefahren sein müssen.
Danach trägt er mir den Koffer die Außentreppe zum Eingang des Landhauses hoch. Als er die Eingangstüre aufgeschlossen und den Flügel knarzend aufgestoßen hat, stehen wir in der Halle des Hauses. Im hinteren Bereich führen zwei halbrunde Freitreppen rechts und links herum ins Obergeschoß hoch. Darunter führt eine gläserne Doppeltür in einen Wohnraum, aus dem uns jetzt eine Gestalt in schwarzem Anzug und Glatze entgegenkommt.
„Good afternoon, Master Ciaraì,“ begrüßt er den Hausherrn. „Do you have had a good journey?“
„Yes, thank you, James,“ antwortet Eamon. „We will show this Lady her room.“
„Okay,“ sagt James, der inzwischen herangekommen ist. Er übernimmt meinen Koffer. Dann gehen wir zu dritt in die obere Etage.
An einem langen Gang liegen dort rechts und links die Räume der Herrschaft und der Gäste, wie ich feststelle. Eamon öffnet zuerst das Gästezimmer, in dem ich die Woche verbringe, während meiner Bedenkzeit. Dann öffnet er eine Tür nach der Anderen und lässt mich einen Blick in die Räume werfen. So weiß ich auch, hinter welcher Tür ich das Bad finde, das alt und doch luxuriös eingerichtet ist.
Schließlich gehen die Männer wieder hinunter. Ich mache mich etwas frisch und begutachte dabei die Einrichtung meines Zimmers und des Bades aus der Nähe. Unten finde ich Eamon in einem Ohrensessel versunken und Tee trinkend neben dem Kamin, in dem ein kleines Feuer brennt. Er weist mir lächelnd mit einer Handbewegung den Platz in einem weiteren Sessel zu.
„Nun,“ meint er und blinzelt mir zu. „Wie gefällt das Anwesen dir?“
„Wow,“ ist das einzige, was ich herausbringe, nachdem ich Platz genommen habe. Vom Fenster meines Gästezimmers konnte ich einen kleinen Park hinter dem Haus überblicken. Nach kurzer Bedenkzeit ergänze ich: „Um dieses Anwesen herum sollen sich mit der Zeit andere Petplayer ansiedeln?“
Eamon schüttelt den Kopf.
„Haus mit Park ein Hotel wird. Das Nebengebäude zum Automuseum wird. James das Anwesen wird bewirtschaften und mir zahlen eine jährliche Pacht. Wir an die Küste ziehen werden. Diesen Ort ich dir auch noch zeigen werde!“
Wie versprochen, machen wir am nächsten Tag, einem Sonntag, einen Trip an die wilde Küste Irlands. James hat uns nach dem späten und üppigen Frühstück einen großen Picknickkorb mitgegeben. Unterwegs überholen und uns ständig Fahrzeuge, die in die heutige Zeit passen. Eamon ist jedoch nicht aus der Ruhe zu bringen. Er zeigt mir den Tacho, auf dem knapp dreißig Meilen pro Stunde angezeigt werden.
Endlich haben wir unser Ziel erreicht. Wir steigen aus. Eamon hält mir die Beifahrertür auf und trägt den Picknickkorb. Ich höre das Meer rauschen, kann es aber nicht sehen. Also müssen wir uns bestimmt an einer Stelle mit felsiger Steilküste befinden.
Vor uns sehe ich ein paar Steinhaufen in der Form von Bienenkörben. Dazwischen stehen Kräne und anderes Baugerät. Eamon hat mir erklärt, dass ein Filmteam aus den USA hier das Kloster Skellig Michael nachgebaut hat, das draußen auf der gleichnamigen Insel liegt, um ungestört arbeiten zu können. Die Kulissen haben aus Styropor bestanden. Nach dem Rückzug des Filmteams hat er die Kulissen vermessen und dann entfernen lassen. Danach hat er ein großes Loch in den Felsen bohren lassen und die ‚Unterwelt‘ von Suìmh Aille aufgegebaut. Mit dem Abraum lässt er nun die Kulissen in dauerhaftem Stein darüber errichten. Die bienenkorbartigen Gebäude erhalten innen bewohnbare Räume.
„Dies Suìmh Aille wird sein,“ stellt mir Eamon die Baustelle vor und geht zu der mit Schieferplatten belegten ‚Hauptstraße‘. Sie wird zwischen den Bauwerken breiter. Dort steht mittendrin eine Skulptur, die mich an einen Baumstumpf erinnert.
„Was stellt das dar?“ frage ich und zeige auf die Skulptur.
„Jede Kultur auf der Erde etwas hat, woran man erkennt sie,“ erklärt Mister Ciaraì. „Auf der Osterinsel es die Steinfiguren sind. Hier es der keltische Lebensbaum ist. Allerdings er nur noch als Stumpf existiert nach 1400 Jahren Christentum und Kapitalismus.“
„Ah, damit meinst du ‚Machet euch die Erde untertan‘ und dessen negativen Folgeerscheinungen…“ sinniere ich.
„Ja, das ist!“ antwortet er.
Wir gehen langsam zurück zum Auto. Eamon macht eine umfassende Geste in die Landschaft hinaus. „Suìmh Aille ein Verwaltungs- und Wohnort wird sein. Im Umland gearbeitet wird. Hier Farmen und Werkstätten werden entstehen, damit Suìmh Aille autonom kann werden. Wir werden produzieren fast alles, was wir werden brauchen. Dann wir können zurückzahlen die Finanzhilfe und später Projekte können starten für die Rettung der Natur.“
Eamon hat den Picknickkorb geöffnet, während er spricht. Nun Picknicken wir bei offenen Türen im Auto.
„Was kann ich dazu beitragen?“ frage ich Eamon direkt. Die Frage schwebt schon eine ganze Weile im Raum…
Eamon schaut mir direkt in die Augen.
„Der Mensch Pflanzen und Tiere beschützt und damit die Lebensqualität erhält auf dem Planeten. In gleicher Art im Kleinen der Mann die Frau, bzw. sein Pet, beschützt und eine Atmosphäre der Geborgenheit schafft. Dafür die Frau, oder sein Pet, dem Mann eine Atmosphäre der Entspannung schafft. Vertrauen und Zuneigung wachsen und die Frau ihren Liebesherrn finden kann, für die er bis ans Ende der Welt wird gehen!“