Samstag, 9. Januar 2021
IWIPAPA - Stamm der Mutter Erde - 42
Hetu‘u und RA‘A - insbesondere RA‘A - sind ebenfalls geduldige Lehrmeister. Jeden Tag üben sie stundenlang mit mir die Gestik und Mimik, über die man sich tonlos mitteilt. Ich stelle bald fest, dass ich die Gestik und Mimik benutze, ohne darüber nachzudenken. Ich lerne wie ein Kind auf direktem Weg ohne dass mir jemand wortreich erklärt, was die Gesten und die gezeigte Mimik bedeuten. Zuerst ist meine Ausdrucksweise noch nicht besonders gut, aber RA‘A hilft mir. Die Anzahl der Gesten und Mimik weitet sich langsam aus, so dass ich mich bald ganz gut ausdrücken kann.
Die Poki tane des Kahuna bringen uns die Kommandos bei, die wir beherrschen müssen, wenn wir einen Herrn bekommen. Diese Kommandos erfolgen sprachlich, aber auch über Gesten. Dann wird ein Wettbewerb veranstaltet. Wir müssen alle im Wald jagen, sodann leichte Wagen ziehen und andere Tätigkeiten ausführen. Bei diesem Wettbewerb sehe ich erstmals fremde Männer unterschiedlichen Alters als Zuschauer. Sie spornen uns an und sind auch bei der Bewertung dabei.
Nach diesem Wettbewerb werden wir in verschiedene Gruppen eingeteilt. Dann werden wir in der Tätigkeit trainiert, bei der wir während des Wettbewerbs am besten abgeschnitten haben. Eine kleine Gruppe wird zu ausgedehnten Spaziergängen über die Insel mitgenommen, wobei die erlernten Kommandos vertieft werden. Zu dieser Gruppe werde auch ich hinzu genommen. So lerne ich einen Mann zu begleiten und meine Aufmerksamkeit auf seine Gesten zu richten.
Ich lerne dadurch die Insel sehr genau kennen, und doch kommt es mir vor, als entdecke ich täglich neue Gegenden. Dabei auch noch auf den Poki tane zu achten, strengt ziemlich an. Abends bin ich daher oft so müde, dass ich schnell eingeschlafen bin.
Bei diesen Exkursionen ist immer ein anderer der fremden Männer dabei. Ich erinnere mich, dass der hellhäutige Mann, der tatsächlich oft im Haus des Kahuna zu Besuch ist, mir einmal gesagt hat, ich solle mir die Männer anschauen und genau beobachten, um mir meinen späteren Herrn daraus aussuchen zu können – einen, zu dem ich Zutrauen fassen, in den ich mich vielleicht verlieben könnte. Dabei fasse ich manchmal auch den Mut, diesen oder jenen Mann zu necken.
Einem jüngeren Mann mit martialisch aussehender Tätowierung ramme ich dabei so überraschend meine Schulter in seine Kniekehle, dass er umstürzt. Von der Wirkung meines Tuns bin ich selbst so erschrocken, dass ich ihn erst mit aufgerissenen anstarre.
Er hat sich als Erster wieder gefangen und rappelt sich lachend auf. Dass er es mir nicht übel zu nehmen scheint, weckt mich aus der Starre und ich gehe nahe an ihn heran, als er noch auf dem Waldboden sitzt. Ich beginne nun seine Brust abzulecken. Zuerst schiebt er mich schwach weg, dann lässt er es geschehen, bis der Poki tane mich mit einem Kommando zu sich ruft. Nun rappelt sich der junge Mann vollends auf und der Poki tane übernimmt wieder die Führung. Den Rest des Weges suche ich des Öfteren die Nähe des jungen Mannes in unserer Begleitung und reibe ab und zu meine Wange oder meine Schulter an seinem Bein, was dieser mit Streicheln quittiert.
In der Folgezeit habe ich nur noch Augen für den jungen Mann. Zwar begleiten uns auch noch andere während meines Trainings als Begleiterin, aber diese lassen meinen Gefühlen nicht solche Flügel wachsen. Durch Zuhören erfahre ich, dass der junge Mann, dem meine Sehnsucht gilt, Mateo heißt und Sohn eines Kahunas ist, der ein Vaka besitzt, diese traditionellen Auslegerkanus. Auch diese Information macht den jungen Mann für mich attraktiv.
Eines Morgens werden wir geweckt, bekommen unser Frühstück und werden gewaschen, gekämmt und eingecremt. Heute soll der Tag sein, an dem wir in andere Haushalte vermittelt werden, erklären uns die Poki tane die besondere Pflege.
Und wirklich! Am Vormittag kommen die Männer, die wir schon während des Spezialtrainings kennengelernt haben. Sie stehen nebeneinander am Zaun und schauen, was sich im Gehege tut. In ihren Händen halten sie Süßigkeiten.
Wie die anderen vierzehn Wahine schaue auch ich, ob sich unter den Männern am Zaun ein bestimmter befindet. Mein Herz macht einen Sprung, als ich Mateo entdecke. Ich laufe blindlings zu ihm hin und stoße dabei mit einer anderen Wahine zusammen. Will sie mir den Herrn streitig machen? Ein seltsames Gefühl der Leere durchzieht mich… Halt, Herz, jetzt keine Aggression aus Eifersucht! Mateo soll entscheiden!
Die Wahine versucht mich mit der Schulter abzudrängen, aber das lasse ich nicht zu. Unbeirrt laufe ich auf Mateo zu. Der junge Mann lächelt und als wir ihn erreichen übergibt er mir die Süßigkeit, obwohl sie mit senkrecht aufgerichtetem Rücken auf ihren Fersen sitzt und die Fäuste in Schulterhöhe hebt. Das freut mich. Ich habe nur Augen für ihn. Mich hat er gewählt, nicht sie!
Der Poki tane am Tor öffnet es ein Stück weit und Mateo sagt, während er mich anschaut:
„IKA, ZU MIR!“
Erfreut hebe ich die Knie vom Boden und laufe zu ihm, so schnell ich kann. Bei ihm angekommen reibe ich meine Wange an seinem Oberschenkel und schaue erwartungsvoll zu ihm auf. Wir haben in der Schule vieles über die Gestik und Mimik der Männer gelernt. Nicht nur die tonlosen Kommandos über Fingerzeige, sondern auch Kleinigkeiten, wie Hand-, Finger- oder Hüftbewegungen der Männer, die Ausdruck ihrer Gefühle sind. So ist es im Grunde kein Geheimnis, dass eine Wahine die Stimmungen und Wünsche ihres Herrn vorauszuahnen scheint.
Entspannt dreht er sich zum Gehen und sagt:
„IKA, BEI FUSS!“
Ich begleite ihn, an seiner rechten Seite gehend, in den Wald hinein. Bald schlägt er einen Weg ein, den ich noch nicht kenne und eine halbe Stunde darauf erreichen wir eine ähnliche Lichtung wie die, auf der die Schule steht. Auch hier steht ein Fale, großes Haus mit hochgezogenen Giebeln, um das sich mehrere kleine Hütten gruppieren. Im Hintergrund gibt es auch hier einen Garten, in dem Nutzpflanzen wachsen. Er geht ein paar Minuten zwischen den Hütten umher, aus denen hin und wieder Köpfe von Wahine neugierig hervor schauen.
Ich sehe andere Poki tane im Garten und zwischen den Hütten geschäftig umher gehen. Die jungen Männer tragen die hier üblichen Lavalava –Wickelröcke-. Sie erscheinen mir kräftig, fest zupackend, mit fröhlichem Lachen scherzend. Ich schaue zu meinem Herrn auf, als dieser sich einer Hütte nähert. Er ist der schönste von allen!
Mateo betritt die Hütte und zeigt mir ein Kissen im Hintergrund. Dazu sagt er:
„IKA, KISSEN!“



Freitag, 8. Januar 2021
IWIPAPA - Stamm der Mutter Erde - 41
Dann zieht er den hellhäutigen Mann in seiner Begleitung von mir weg und entfernt sich. Ich verlege mich aufs Bitten und Betteln, aber niemand kümmert sich um mich. Die vier Frauen folgen den Männern auf allen Vieren zurück ins Haus. Die beiden Jungen sitzen an ihrem Platz und reagieren auf nichts.
Eine Ewigkeit scheint vergangen zu sein, als die Männer wiederkommen. Zwei andere Jungs übernehmen den Platz der Jungs, die nun zurück ins Haus gehen. Sie haben zusammengeflochtene Blätter dabei.
Der dunkelhäutige Mann ist hier wohl der Wortführer. Er stellt sich vor den Käfig und sagt:
„Ab heute heißt du IKA –Fisch-. Wie du einmal geheißen hast, was du in deinem früheren Leben warst, welche Fertigkeiten du erlangt hast, ist nicht von Interesse! Verstanden? Wie heißt du?“
Kleinlaut antworte ich: „IKA.“
„Gut,“ redet er weiter. „Du wirst ab jetzt nur noch reden, wenn ich es dir erlaube! Neugierige Fragen wirst du vergessen müssen! Du wirst gehorchen, anderenfalls wirst du kein Essen erhalten. Natürlich kannst du ‚Lieb Kind‘ machen, bis man dich herauslässt, und dann im Wald verschwinden… Aber der Wald ist gefährlich. Nur Wahine, die hier aufgewachsen sind und sich jahrelang im Wald bewegt haben, kennen sich dort aus. Stellst du dich aber unter meinen Schutz und zeigst Engagement beim Lernen erhältst du die nötige Sorge und Pflege. Ich und meine Poki tane sorgen für dein Wohl und beschützen dich gegen jede Unbill des Lebens hier.“
„Ich will nach Hause!“ sage ich und versuche ihn dabei offen anzublicken.
Er schüttelt lächelnd den Kopf.
„Du bist zuhause,“ stellt er fest. „Dein früheres Leben gibt es nicht mehr!“
Ich höre, was er sagt, kann es aber nicht wirklich akzeptieren. Ich rüttele an den Stäben meines engen Käfigs.
„Schau dir RA’A und HETU’U an!“ sagt er und deutet auf zwei der Frauen, die mich hierher geführt haben. „Sie sind ganz entspannt. Tu es ihnen gleich, dann bekommst du auch etwas zu essen!“
Damit dreht er sich wieder um, lässt einen Laut zwischen Zischen und Pfeifen hören und geht davon. Als er den Laut artikuliert stehen die beiden Frauen auf, die eben noch auf der Seite gelegen und uns beobachtet haben, und laufen ihm auf allen Vieren hinterher. Ich mache große Augen und schaue zu den beiden anderen Frauen hin. Die Eine, LELE, hat mich in der Nacht zu gestern gewärmt.
Der hellhäutige Mann wendet sich nun auch ab und sagt laut: „LELE, RAKA‘U, ZU MIR!“
Nun stehen auch die letzten mir vertrauten Frauen auf und laufen auf allen Vieren zu dem Mann. Bei ihm angekommen, reiben sie ihre Wangen an seinem Oberschenkel. Er beugt sich zu ihnen herab und streicht ihnen durchs Haar. Dabei zeigt er, aber auch die beiden Frauen, einen zufriedenen, frohen Gesichtsausdruck.
„Hallo, Sie!“ rufe ich.
Ich habe Angst, alleingelassen zu werden. Zwar sitzen die beiden Jungen da. Aber ich weiß nicht, was ich von ihnen erwarten kann. Zu LELE habe ich inzwischen Zutrauen gefasst.
Der Mann wendet sich mir zu. Seine Stirn liegt in Falten. Dann aber glättet sie sich wieder und er tritt nahe an den Käfig heran, um sich bei mir auf dem Boden nieder zu lassen. Die beiden Frauen sind ihm gefolgt und lassen sich nun ebenfalls rechts und links neben ihm nieder.
„Du weißt, dass dir verboten wurde zu reden!“ sagt er.
Sein Gesicht zeigt dabei keinen strengen, sondern eher milden Ausdruck.
„Ich weiß,“ antworte ich und schaue zu Boden. „Aber ich weiß mich noch nicht anders auszudrücken. - Ich verspreche auch, nicht neugierig zu sein! – Aber wenn LELE geht, fühle ich mich einsam…“
Der Mann lacht kurz und streckt seine Hand durch die Stäbe. Er beginnt, mir über die Wange zu streicheln. Ich wende meinen Kopf und drücke meine Lippen in seine Handfläche.
„LELE und RAKA‘U werden zusammen mit mir täglich ein paar Stunden hier sein. Freunde dich aber ruhig auch mit RA’A und HETU’U an. Die beiden wohnen hier und sind daher ständig in deiner Nähe. – Noch eins: Niemand will dir hier etwas Schlimmes antun! Deine sexuelle Selbstbestimmung bleibt weitgehend erhalten. Das war einmal anders, aber heute darfst du weitgehend selbst entscheiden, mit welchem Mann du Sex hast.
In diesem Haus bringt man dir alles bei, was du für dein weiteres Leben auf dieser Insel wissen musst. Eine Rückkehr in dein früheres Leben ist nicht möglich! Sein also lernbegierig, gehorche und schaue dir von RA’A und HETU’U ab, was sie dir zeigen!“
Ich höre ihm zu und genieße sein Streicheln. Als er jetzt endet, schaue ich ihn sehnsüchtig fragend an.
„Du möchtest etwas sagen? Gut, du darfst jetzt sprechen!“ sagt der Mann nun.
„Herr, ich darf ablehnen, mit jemandem Sex zu haben?“ frage ich gedehnt und schaue ihn zweifelnd an.
„Ja,“ antwortet der Mann mit sanfter Stimme. „Hier im Haus stehst du unter dem Schutz des Hausherrn. Der Zweck deines Aufenthaltes hier ist es, zu lernen. Kann man dir nichts mehr beibringen, kommst du in den Haushalt eines anderen Mannes, wo du den Rest deines Lebens wohnen wirst. Irgendwann wirst du fremde Männer sehen, die dem Unterricht folgen. Es sind Interessenten. Aus diesen Männern such dir einen aus, aber lass dir Zeit dabei! Schau dir die Männer genau an: Wie sie sich bewegen, ihr Mienenspiel, wann sie lachen, in welcher Situation sie ärgerlich werden… Dazu darfst du sie ruhig neckisch herausfordern!“
Er streicht mir noch einmal durchs Haar, dann erhebt er sich und entfernt sich in Richtung des Weges, auf dem LELE und die anderen mich hierher geführt haben. Bald danach ist er im Wald verschwunden. Schließlich lege ich mich wieder auf die Decke und döse vor mich hin. Mein Hunger wird immer stärker.

*

Der Kahuna hat meinen Lehrplan erstellt, den dann die Jungs, die hier Poki tane heißen, ausgeführt haben. Regelmäßig lässt sich der Kahuna über meine Fortschritte unterrichten, und die der anderen Frauen, die noch hinzu gekommen sind. LELE und RAKA‘U bringen im Durchschnitt jeden Tag eine weitere Frau aus dem Wald zur Schule. Es sind auch schonmal zwei. Genauso kommt es vor, dass sie ein oder zwei Tage keine Frau aus dem Wald bringen. Diese Frauen sind viel sensibler als ich, habe ich das Gefühl. Sie können sich jedenfalls viel besser als ich verständigen ohne zu sprechen. Im Wald muss man sich wohl still verhalten.



Donnerstag, 7. Januar 2021
IWIPAPA - Stamm der Mutter Erde - 40
Sie trägt ein Outfit aus netzförmig geflochtenen Lederschnüren, an dem kleine Taschen befestigt sind. Nun richtet sie sich auf den Knien auf und nimmt Stücke getrockneten Fisches und Beeren aus den Taschen. In einer Tasche hat sie sogar eine kleine Flasche aus Ton, die sie öffnet und mir daraus zu trinken anbietet. So frühstücken wir erst einmal ausgiebig auf der taufeuchten Wiese.
Schließlich stupst sie mich an und deutet mit einer Hand auf den Wald. Sie macht auf allen Vieren einen Schritt auf die dichte Vegetation zu und wendet sich dann wieder nach mir um. Wieder deutet sie auf den Wald. Also stehe ich auf und folge ihr.
Immer wieder muss ich mich bücken, um unter den Ästen hindurch zu kriechen, damit ich ihr folgen kann. Schließlich bin ich es leid und gehe ebenfalls auf Hände und Knie. Ich imitiere den Gang meiner Führerin und frage mich schon die ganze Zeit, warum sie kein Wort spricht. Trotzdem sind ihre Mimik und ihre Gesten so beredt, dass ich sie wunderbar verstehe unterwegs. Sie achtet sehr auf mich und warnt mich rechtzeitig vor Gefahren. Dennoch wird mein Informationsbedürfnis mit der Zeit so groß, dass ich einfach stehen bleibe und mich hinsetze.
Sie wendet sich wieder einmal zu mir um, und kommt zu mir zurück. Dann stupst sie mich an und weist mit der Hand tiefer in den Wald hinein. Ich schüttele den Kopf, lege meine Hand auf mein Herz und sage: „Mary.“
Dann weise ich auf sie und frage: „Wer bist du?“
Sie steht stumm auf allen Vieren vor mir. In ihrem Gesicht arbeitet es. Also stelle ich mich wieder vor, indem ich auf mich zeige und meinen Namen nenne. Dann zeige ich auf sie und mache ein fragendes Gesicht. Plötzlich sagt sie:
„LELE.“
Aha, meine Führerin heißt also Lele. Ich will fragen, wohin sie mich führt. Da höre ich Rascheln im Laub, das den Waldboden bedeckt. Kurz darauf stoßen drei weitere Frauen auf allen Vieren zu uns. Das verwirrt mich. Wo bin ich denn hier gelandet? Gehen hier alle Menschen auf allen Vieren? Sicher, das scheint die effektivste Fortbewegung in dieser dichten Vegetation zu sein. Ich empfinde es aber trotzdem als ungewöhnlich. Ich könnte mir nicht vorstellen, dauerhaft auf allen Vieren zu gehen. Dann würde ich lieber dem Wald fernbleiben, oder nur kurzfristig zum Sammeln von Früchten hinein zu gehen.
Die Vier begrüßen sich herzlich, dann nehmen sie mich in ihre Mitte. Nun bin ich gezwungen weiter zu gehen. Lele bleibt an der Spitze, eine setzt sich hinter mich und treibt mich mit Stupsern immer wieder vorwärts und die beiden anderen bleiben dicht an meinen Seiten.
Ich habe keine andere Wahl, als ihnen auf allen Vieren zu folgen. Nach einigen Stunden, in denen sie mir verschiedene Pflanzen gezeigt und dann den Kopf schüttelnd mich davon weg gedrängt haben, machen wir Rast. Auch die Anderen haben Proviant dabei, den wir uns teilen. Hinzu kommen frisch gepflückte Früchte. So zeigen sie mir giftige Pflanzen und solche, die man essen kann. Viele der essbaren Früchte sind mir vom Markt in unserem Dorf und der Küche in meinem Internat bekannt.
Genauso machen es meine vier Begleiterinnen, sobald wir ein Tier im Wald entdecken. Darüber vergeht der Tag. Als die Dämmerung anbricht erreichen wir eine Lichtung im Wald, auf der eine Hütte im traditionellen Baustil mit hochgezogenen Giebeln, steht. Auch sehe ich einen Garten mit verschiedenen Kulturpflanzen.
Meine Begleiterinnen führen mich auf das Haus zu. Es steht auf Pfählen. Der größte Raum unter dem Haus bildet ein eingezäuntes Gehege. Werden hier auch Nutztiere gehalten?
Ich habe mir den ganzen Tag über Gedanken gemacht, ob die Frauen die einzigen Menschen auf dieser Insel sind. Vielleicht sind es Schiffbrüchige? Dann aber denke ich darüber nach, dass ich doch von Männern entführt worden bin. Jedenfalls hat mich ein Junge während der Reise regelmäßig verpflegt. Sonst habe ich niemand zu Gesicht bekommen. Auch hat mich niemand angefasst. Dann wache ich hier auf und treffe am zweiten Tag vier Frauen, die sich noch dazu wie Tiere auf allen Vieren fortbewegen. Jetzt, als es langsam dunkel wird, ist das Haus ihr Ziel. Das können sie unmöglich selbst errichtet haben.
Sie führen mich in das Gehege und nehmen einen Stapel Matten und Decken aus einer Ecke, die sie auf dem Boden ausbreiten. Dann geben sie mir zu verstehen, dass wir hier schlafen sollen. Sie legen sich an den Eingang des Geheges und decken sich zu. Nach einem Seufzer mache ich es ihnen nach, gespannt darauf, was mir wohl der nächste Tag bringt.
Lele gibt mir noch ein Betthupferl, eine Kleinigkeit zu essen, bevor ich einschlafe.
Am nächsten Morgen habe ich leichte Kopfschmerzen. Ich drehe mich unter der Decke und halte die Augen noch eine Weile geschlossen. Ich mag noch nicht aufstehen und stelle mich schlafend, weil ich Geräusche um mich herum wahrnehme. Meine Begleiterinnen scheinen die Matten und Decken wieder in die Ecke zu räumen. Ich nehme mir vor, es ihnen gleich nach zu machen, wenn die Kopfschmerzen abgeklungen sind.
Aber die Geräusche wollen nicht enden. Neugierig blinzele ich, um mich zu orientieren. Schlagartig bin ich hellwach und stemme mich hoch. Die Kopfschmerzen scheinen durch meine plötzliche Aktion stärker zu werden. Ich schüttele den Kopf. Was ich sehe, lässt Furcht in mir aufsteigen.
Ich liege in einem engen Käfig, den man über mich gestülpt hat, während ich geschlafen habe. Unter der Decke bin ich nackt. Meine Kleidung hat im Wald zwar arg gelitten, aber ich habe immerhin eigenen Stoff an meinem Körper gehabt, der mir jetzt fehlt. Unwillkürlich ziehe ich die Decke höher, wodurch meine Füße frei wurden.
Die Frauen sitzen zusammen und frühstücken. Ich selbst werde von zwei Jungen durch die Stäbe meines Käfigs beobachtet. Sie sitzen auf dem Boden neben dem Käfig.
Ich versuche aufzustehen, aber mir gelingt es nicht viel höher zu kommen, als in den Vierfüßler-Gang, in dem ich mich gestern schon den ganzen Tag durch das Unterholz des Waldes bewegt habe. Die Beiden schauen sich an, dann steht einer der Beiden auf und geht auf einen schrägen Stamm zu, in den Stufen hinein geschlagen wurden. Über die Treppe verschwindet er im Haus und kurz darauf kommt er in Begleitung von zwei älteren Männer zurück.
Die Männer betreten das Gehege und lassen das Tor hinter sich offen. Sie tragen einen Wickelrock, wie er heute noch von vielen Ureinwohnern auf den Inseln und im Inneren meiner Heimat getragen wird. Einer der Beiden ist von heller, sonnengebräunter Haut, der andere hat die gleiche dunkle Hautfarbe wie auch ich.
Der Letzere beugt sich herunter und greift meine Fußgelenke. Ich versuche mich zu befreien, komme aber nicht los. Dafür überschütte ich den Mann mit einer Schimpfkanonade. Er lässt los, erhebt sich wieder und beginnt zu sprechen:
„Inu –Hund-,“ sagt er nur.
Mir fällt ein, dass ich am rechten Fußgelenk eine Tätowierung trage, den Abdruck einer Hundepfote.