Montag, 22. Juni 2020
Cherie - 40
Dieter dreht sich ein wenig dem Sprecher zu, wodurch seine Bohle einen Schwenk macht. Dieter stoppt die Bewegung sofort und antwortet:
„Eine gute Idee. AIKA und CHERIE kennen den Weg.“
Er bleibt stehen, während Paul ein paar Schritte weitergeht. Jetzt dreht sich Dieter vorsichtig um, damit er uns das Holz auf seiner Schulter nicht vor die Birne knallt. Dann fragt er:
„Ihr kennt euch aus mit Hundekommandos?“
Wir schütteln fast synchron die Köpfe, und ich antworte:
„Das wollten wir ja mit der Zeit bei euch lernen.“
„Okay,“ meint er und sagt: „CHERIE, AIKA, SITZ!“
Lena und Biggi setzen sich prompt auf dem Weg auf ihre Fersen.
„Jetzt könnt ihr die Leinen von den Halsbändern lösen,“ sagt er zu uns. „Klaus, lass Tapsy noch angeleint bis wir die Wiese erreicht haben, die unser Ziel ist.“
Klaus will sich gerade zu Taps hinunter beugen, stoppt aber in der Bewegung und kommt schulterzuckend und lächelnd wieder hoch. Dieter sagt jetzt:
„CHERIE, AIKA, FREI!“
Sofort laufen beide Doggies vom Weg herunter auf den weichen Waldboden. Lena erhebt sich in den Zweifüßler-Stand und reckt sich. Dann geht sie wieder runter in den Vierfüßler-Stand und beginnt zwischen den Bäumen hindurch unserem Weg zu folgen. Biggi macht es nun auch und Taps zieht bellend an der Leine in Richtung Lena.
Paul dreht sich ein wenig und ruft Klaus zu:
„Zieh mit einem kurzen Ruck an der Leine und sag in strengem Tonfall BEI FUSS.“
Klaus beherzigt den Rat. Taps fiept kurz auf und kommt an Klaus‘ Seite. Einige Minuten später läuft sie wieder etwas voraus, Lena immer im Blick, zieht aber nicht mehr an der Leine. Wir bilden nun den Abschluss der kleinen Gruppe. Was mir auffällt ist, dass sowohl Lena als auch Biggi nicht mehr auf Fäusten und Knien laufen, sondern auf Fäusten und Zehenballen. Beide halten ihre Knie fast eine Fußlänge über dem Boden.
Dann biegt Paul in einen Trampelpfad ein, der rechts vom Weg abzweigt. Dieter wartet bis Paul zwischen den Bäumen verschwunden ist, dann betritt auch er den Trampelpfad. Biggi und Lena sind stehengeblieben und beobachten, was die Männer tun. Während sie warten, stehen sie wieder auf Fäusten und Knien. Dann betreten auch sie den Pfad. Taps zieht Klaus hinter den Beiden her. Er stolpert fast. Als wir den Pfad betreten sehen wir, dass es hier in Stufen abwärts geht. Die Stufen werden von Baumwurzeln gebildet, die den Pfad queren. Vorsichtig übersteigen wir die Wurzeln und gelangen so allmählich abwärts. Voraus erkennen wir ein Schilfdickicht, das Paul und Dieter unten am Ende des Pfades etwa Mannsbreit niedergewalzt haben. Dahinter sehe ich fließendes Wasser und das Gluckern des Wassers kommt nun zu den Vogelstimmen, die uns während des ganzen Spazierganges begleitet haben.
Paul und Dieter haben die Bohlen auf den Boden gelegt, so dass sie eine Brücke für uns über den Bach bilden. Mit Bachkieseln festigen sie den Sitz der Bohlen, dann sagt Dieter lächelnd:
„So, ihr könnt rüberkommen.“
Als erste benutzen Lena und Biggi die Brücke auf allen Vieren, dann Klaus mit Tapsy und zum Schluss überqueren wir den Bach.
„Hier kannst du Taps von der Leine lassen,“ sagt Dieter zu Klaus, der das umgehend macht.
Tapsy läuft los. Nach etwa zehn Metern bleibt sie stehen und dreht sich um. Paul nimmt einen Gegenstand aus der Tasche, ruft so etwas wie HOOO und wirft ihn mit Schwung über die Wiese. Die beiden Doggies und Taps laufen nun hinter dem Gegenstand her.
„Kommt, wir gehen auch etwas in die Wiese hinein. Diese Gegend hier nennt man die Große Kyllschleife. Der Fluss – hier mehr noch ein Bach – ändert hier seine Richtung ziemlich extrem: Er fließt fast in die Gegenrichtung. Im Laufe von Jahrmillionen vielleicht, hat er diese Steilwand aus dem Fels gewaschen und hier wo wir stehen Sediment abgelagert,“ erklärt Dieter und zeigt in die Runde.
Die Doggies haben den geworfenen Gegenstand erreicht und scheinen sich nun darum zu streiten. Taps bellt und knurrt im Wechsel, hat das Teil mal in der Schnauze, mal lässt sie es fallen und nähert sich dabei uns mehr und mehr.
Lena und Biggi knurren ebenfalls, wie ich erstaunt feststelle. Dabei verschwinden ihre Köpfe immer wieder im Gras, während ihre Hintern ständig zu sehen sind. Dass Doggies so tief ins Dogplay eintauchen können, befremdet mich etwas.
Paul muss das an meinem Gesichtsausdruck ablesen, denn er sagt:
„Keine Panik, Anita. Wir geben unseren Doggies den Raum ihre Gefühle zeitnah ausleben zu können. Sie sollen sie nicht aus rationalen Gründen unterdrücken, um dann später einer Vertrauensperson zu erzählen, ‘da ist mir das und das passiert, dabei habe ich mich so und so gefühlt‘. Das Hier und Jetzt ist ausschlaggebend! Dass Normalos so etwas nicht verstehen würden, ist uns klar. Darum gehen wir dazu an Orte, wo wir fürs Dogplay unter uns sind!“
„Aber Knurren und Bellen…“
Paul schüttelt lächelnd den Kopf.
„Bellen wirst du CHERIE und AIKA nie hören. Und das Knurren ist unter Hunden als Warnung gemeint. Da wir auf nonverbale Kommunikation wertlegen, also die Gestik und Mimik der Hunde mitsamt der dezenten Lautäußerung, die die Gestik noch unterstreicht – muss das halt sein. Es wird niemals zum Beißen kommen! Verletzungen vermeiden Hunde durch Beschwichtigungsgesten. Nur bei Kampfhunden wurde letzteres durch eine Erziehung arg eingeschränkt. Das gilt jedoch nicht für Doggies, die zu liebenswerten Familienhunden erzogen werden.“
„Erziehen…?“
Meine Stirnfalten werden tiefer.
„Das darfst du dir nicht nach Art der SMler vorstellen,“ beschwichtigt Paul. „Wir erziehen nicht mit der Peitsche. Unser Erziehungsmittel ist nicht die Angst vor der Strafe, der Schmerz, sondern die Motivation durch Lob und Belohnung. ‚Positive Verstärkung‘ nennt die Wissenschaft das.“
„Ah…“
Lena hat sich von Biggi und Taps getrennt und verschwindet hinter ein paar Büschen. Wenige Minuten darauf sehe ich, wie sie sich im Rücken von Paul anpirscht, tief in das Gras gedrückt. Hinter Paul kommt sie hoch und ist mit zwei Schritten an ihm dran. Sie stößt ihn um und alle lachen. In diesem Moment, als Dieters Aufmerksamkeit auf Paul und Lena gerichtet ist, wird auch er von Biggi umgestoßen.



Cherie - 39
„Musst du unbedingt den großen Scheinwerfer anknipsen?“ fragt sie scherzhaft.
Dann steht auch sie auf. Wir gehen ins Bad auf dieser Etage. Von unten strömt uns der Duft frischen Kaffees entgegen.
Schließlich sind wir fertig und gehen die Treppe hinab ins Wohnzimmer. Unten sitzen die drei Männer schon am Esstisch. Zwei freie Gedecke zeigen uns, wo wir uns setzen dürfen.
„Hallo, guten Morgen,“ begrüßt uns Dieter. „Habt ihr gut geschlafen?“
„Ja, danke, sehr gut,“ antworte ich lächelnd.
Wir treten an den Tisch. Ich will gerade nach Biggi und Lena fragen, da sehe ich beide auf allen Vieren neben ihren ‚Haltern‘ von Tellern essen, die auf dem Boden stehen. Tapsy, ihr Mops, beschäftigt sich zwei Meter entfernt mit seinem Futternapf.
Biggi und Lena haben beide Leggings und einen BH an. Dazu Ballerinas, Knieschoner, Fausthandschuhe und ein Halsband. Räuspernd setze ich mich. Dieter wünscht uns einen guten Appetit und sagt, dass wir gerne zulangen sollen. Wegen der seltsamen Atmosphäre kann ich allerdings nicht viel essen. Natürlich, Dieter hat gestern Nachmittag gesagt, dass er uns heute reales Petplay zeigen möchte und wir haben neugierig eingewilligt, aber gewöhnungsbedürftig ist das Ganze doch.
„Ihr seid Mitglieder der Petplay-Community,“ versucht Dieter die Stille zu durchbrechen. „Ihr habt euch, wie ihr sagt, bisher hauptsächlich dort im Storyblog aufgehalten und die Geschichten auf euch einwirken lassen. Manches Mal ist euch ein Schauer den Rücken herunter gelaufen beim Lesen, und durch meine Geschichten ist dir aufgegangen, dass Petplay nicht unbedingt etwas mit BDSM zu tun haben muss, hast du gesagt, Anita.
Die Neugier darauf Petplay live zu erleben, hat dich gestern hier übernachten lassen…“
„Das stimmt alles,“ meine ich. „Aber es ist doch etwas anderes, darüber zu lesen und es live zu erleben.“
„Gestern hast du an einem Petplay-Event teilgenommen…“
„Das ist richtig. Ich weiß auch nicht, was los ist. Gestern, das war so anders…“
„Die Teilnehmer kamen überwiegend aus der BDSM-Szene. Du sahst deine Ansicht über das Petplay bestätigt. Diese Bestätigung gab dir eine gewisse Sicherheit. Das Neue heute Morgen macht dich unsicher?“
„Ja, so könnte man sagen,“ antworte ich, erleichtert, dass Dieter mich anscheinend versteht.
„Keine Angst, Anita. Niemand verlangt von dir, dass du auf alle Viere gehst! Zwang gibt es bei uns nicht! Erlebe den Tag, bis ihr beide fahren müsst, aus der Perspektive eines unbeteiligten Zuschauers. Fragen, die in deinen Gedanken aufsteigen – stell‘ sie sofort und wenn sie dir noch so absurd erscheinen. Ich bin für alles offen! Auch kannst du später gern die Telefonnummer von Lena oder Biggi haben, um dich mit ihnen auszutauschen, wann immer du das Bedürfnis hast.“
„Okay, gerne,“ erleichtert schaue ich zu den beiden Doggies hinunter, deren Blick zu kreuzen ich bisher vermieden habe.
Beide haben ihre Teller leer. Lena schaut lächelnd zu mir auf und nickt mir freundlich zu.
„So, wir wollen uns für einen Waldspaziergang fertig machen,“ bemerkt Dieter nun.
Paul und auch Dieter beugen sich zu ihren Doggies hinunter und reinigen ihnen den Mund. Die Mops-Dame kommt heran und springt fiepsend an Pauls Arm hoch. Er streichelt sie mit der freien Hand bis er aufsteht. Da lässt sie von ihm ab.
Sie läuft zu ihrem Kissen und bringt einen Kunststoffknochen, den sie vor sich fallen lässt. Dann streckt sie ihren Hintern in die Luft und stupst das Spielzeug mit ihrer Schnauze an. Lena wendet sich ihr zu, beugt ihre Ellbogen so, dass auch ihr Hintern hoch zeigt, und stupst den Knochen mit einer Faust seitlich vielleicht dreißig Zentimeter weg. Taps springt hinzu und stupst den Knochen mit ihrer Schnauze noch etwas weiter weg. Lena macht einen Schritt auf Fäusten und Knieschonern hinterher und stößt den Knochen ein kleines Stück in Biggis Richtung.
Biggi kommt hinzu, geht nun ebenfalls durch Beugen ihrer Ellbogen mit dem Kopf tiefer und stößt den Knochen in die andere Richtung.
Die Männer haben in der Zwischenzeit den Tisch abgeräumt und Dieter sagt nun:
„AIKA, CHERIE, ZU MIR!“
Beide Doggies stoppen das Spiel und laufen zu Dieter. Er leint sie an, während Paul sich Taps schnappt und ebenfalls anleint. Dann hält er uns die Leinen hin.
„Wenn ihr mögt, führt ihr die Doggies und den Hund. Wir wollen uns eben schnell Gummistiefel anziehen und zwei längere Bohlen mitnehmen. Wir hatten schon länger vor, eine provisorische Brücke über die Kyll zu legen. Dies wäre dann der Anfang.“
Ich nehme die Leine mit Lena am anderen Ende etwas zögernd entgegen. Lisa nimmt Biggi grinsend und Klaus darf sich mit Taps zufrieden geben. Paul und Dieter ziehen Gummistiefel an. Dann gehen wir nach draußen.
Vor dem Haus meint Dieter:
„Wartet mal kurz.“
Dieter und Paul gehen um die Hausecke und haben wenig später eine etwa fünf Meter lange faustdicke Bohle über der Schulter liegen. Sie gehen auf die Nadelholzschonung hinter den Häusern zu und Dieter fordert uns auf, ihnen zu folgen.
„Die Häuser werden von Zeit zu Zeit an Feriengäste vermietet und die Fichten hier werden in der Weihnachtszeit als Weihnachtsbäume verkauft,“ erklärt er uns.
„Damit unterhaltet ihr die Häuser?“ frage ich ihn.
„Ja, aber nicht nur die Häuser. Der Gewinn ist unser Lebensunterhalt. Wir sind selbständig,“ antwortet Dieter mir.
„Oh,“ entfährt es mir.
Nach ein paar Minuten betreten wir den Wald auf einem sandigen Weg.
„Ich denke, wir könnten die Doggies hier von der Leine lassen. Was denkst du, Dieter?“ sagt Paul.



Sonntag, 21. Juni 2020
Cherie - 38
„Das Event ist ja früh zu Ende,“ stellt Lisa fest.
Dieter lächelt gequält.
„Was heißt ‚früh‘,“ sagt er. „Dass die Kennenlern-Gespräche bei Essen und Trinken nicht immer den gewünschten Erfolg haben, ist bei der Unterschiedlichkeit der Charaktere und Vielzahl der Neigungsvarianten eigentlich normal. Umso schöner finde ich, dass wir hier nun zu Siebt zusammensitzen, wo wir vorher zu Viert waren.“
„Klaus sagte gerade, dass er von Ihrer Art Petplay zu leben fasziniert ist und Sie ihm versprochen haben, ihm das WIE zu zeigen…“
Dieter schaut Klaus vielsagend an und schaut mir dann gewinnend lächelnd in die Augen.
„Damit wären wir dann schon drei ‚Owner‘. Ich habe auch Paul ‚meine Art Petplay zu leben‘, wie du es nennst, beigebracht. Paul und Lena sind inzwischen ein Paar und Biggi hier ist mit mir befreundet.“
Er weist auf die ältere Servicekraft, die auf der anderen Seite neben Dieter Platz genommen hat.
„Ich mache euch Dreien einen Vorschlag,“ sagt er dann. „Da unsere beiden Gästezimmer frei sind, die Gewinner haben dankend verzichtet, biete ich sie euch an. - Paul ist sicher einverstanden. – Und morgen Vormittag erlebt ihr Lena und Biggi als Doggies. Ihr könnt dabei zuschauen, wie wir mit unseren Doggies umgehen und danach überlegt ihr euch in den nächsten Wochen, was ihr wollt.“
Paul hat freundlich lächelnd genickt, als das Gespräch auf sein Gästezimmer gekommen ist.
„Ich nehme mit Lisa eins und Klaus kann das Andere haben!“ stimme ich neugierig zu.
„Selbstverständlich,“ bestätigt Dieter. „Helft ihr uns beim Aufräumen?“
„Gern,“ bestätige ich lächelnd.
Es dauert fast zwei Stunden, bis alle Gerätschaften und Partymöbel in einem Baucontainer verstaut sind. Die Dämmerung ist hereingebrochen. Wir versammeln uns in Dieters Wohnzimmer, wo wir ihn mit Fragen löchern können. Ich finde es wohltuend, wie er selbst für das scheinbar Unsinnigste offen ist. So wird es spät an diesem Samstag, als wir uns alle in unsere Zimmer zurückziehen.
Bemerkenswert ist mir Lenas Bekenntnis zu ihrer Partnerschaft mit Paul erschienen. Es hat damit begonnen, dass einer aus der Runde – ich glaube, Klaus hat es fallen gelassen – das Wort ‚Liebe‘ ins Gespräch gebracht hat. Paul hat sich eingeschaltet und präzisiert:
„Liebe ist übrigens mehr als die sexuelle Harmonie, für die das Wort heute oft gebraucht wird! Genauso wichtig ist die emotionale Hingezogenheit zum Partner.“
Lena hat sich daraufhin eingeschaltet:
„Ohne die Liebe zum Partner hat der Sex miteinander nicht diese Kraft! Die Liebe verbindet beide auf emotionaler Ebene. Sie macht langmütig, lässt also vieles zu, worüber andere schon längst in Streit geraten wären. Sie lässt einen nicht nach seinem persönlichen Vorteil suchen oder nachtragend werden, sondern versucht das Wohl des Anderen zu vermehren. Sie respektiert den anderen, verurteilt die Lüge, lässt einen ritterlich und ehrenhaft handeln. Die Liebe hält allen Anwürfen von außen stand!“
Während Lena redet, werden meine Augen immer größer. Dann platzt es aus mir heraus:
„Das ist doch alles Theorie! Das ist ein hohes Ideal von der Liebe, die im Alltag nicht lange Bestand hat! Wie willst du deine Ideale denn durch den Alltag retten?“
Paul antwortet für Lena, während sie sich an ihn schmiegt:
„Wir sind alle nur Menschen und keine Halbgötter. Aber wir sind intelligent genug frühzeitig Anzeichen zu erkennen, dass man sich auseinanderlebt und darüber offen zu sprechen. Dann lässt sich gegensteuern. Lena ist das wichtigste Lebewesen auf diesem Planeten für mich! Umgekehrt gilt sicher das Gleiche.“
Er lächelt, während sie sich etwas streckt und ihm einen Kuss auf die Wange drückt. Auch Biggi schaut Paul an und dann zu Dieter.
„Wie will ich nun gegensteuern?“ nimmt er den Faden wieder auf. „Es gibt eine Reihe negativer Einflüsse, die man kennen muss: einmal, wenn wir uns des anderen nicht mehr bewusst sind, wenn uns der andere egal zu werden beginnt. Dann das unstillbare Verlangen nach mehr. Wenn uns der andere nicht mehr genug ist. Oder, wenn das Mitgefühl schwindet und der Selbstsucht Platz macht. Auch die Angst vor der Vergänglichkeit, vor dem Ende des Mitgefühls. Sowie, wenn die Gefühle nicht mehr unser Handeln bestimmt, sondern das körperliche überhandnimmt. Und letztlich, nur noch zu glauben, was man sieht. Wenn also die Rationalität mehr Gewicht bekommt als die Emotionalität. Schließlich die Besserwisserei, die verblendete Selbstüberzeugung, der Fanatismus.
Das muss alles auf den Tisch und besprochen werden, ohne den Anderen mit Vorwürfen zu überhäufen. Dann müssen Lösungen gesucht werden – Verhaltensänderungen nicht nur beim Anderen, sondern auch bei sich selbst.“
„Das ist ein Riesen-Programm! Ich weiß nicht, ob je ein Mensch dazu fähig wäre…“ sage ich.
Wahrscheinlich klingt meine Stimme entmutigt, denn nun sagt Dieter:
„Verliere niemals den Mut! Erinnere dich an das, was dich einmal mit deinem Partner zusammengebracht hat und überlege dir, ob du das wirklich über Bord werfen willst. Außerdem, nichts geschieht von jetzt auf gleich. Alles entwickelt sich – von einer Mücke zu einem Elefanten. Die Mücke lässt sich noch leicht bekämpfen!“
„Okay,“ sage ich und spüre, wie mir die Lider schwer werden.
Ich schaue Lisa an und sage dann:
„Seid ihr uns böse, wenn wir jetzt schlafen gehen wollen?“
„Aber nein, zieht euch ruhig zu zurück und träumt etwas Schönes!“
Ich stehe auf und auch Lisa erhebt sich. Wir gehen die Treppe hoch zum Gästezimmer und wünschen noch einmal eine ‚Gute Nacht‘. Dabei sehen wir, dass auch die Anderen sich erheben und die Gläser in die Küche bringen.

*

Am nächsten Morgen werde ich von Geschirrgeklimper wach. Die Sonne schaut über die hohen Bäume des nahen Waldes und taucht das Gästezimmer durch die Vorhänge in ein Dämmerlicht. Ich stehe auf, ziehe die Vorhänge zur Seite und öffne einen Fensterflügel. Schlagartig wird es hell im Zimmer. Nadelholzduft und Vogelstimmen erfüllen die Luft. Lisa regt sich nun auch, setzt sich auf und kneift die Augen zusammen.



Cherie - 37
„Leider nein. Aber das lässt sich leicht googlen,“ antworte ich ihm.
Daraufhin entfernen sich die Vier in Richtung Parkplatz. Ich schaue Biggi vielsagend an. Nach einer Weile schaue ich mich um und erkenne, dass nur noch wir Vier und das Grüppchen, das Lena zusammengebracht hat, anwesend sind. Die anderen haben sich geräuschlos davon gemacht, als das Angebot an Speisen und Getränken allmählich zur Neige gegangen ist.

*

„Hey, ich bin die Lena. Darf ich fragen, ob euch das Event gefallen hat?“ fragt die Servicekraft und setzt sich zu uns.
„Hallo, ich heiße Anita und das ist meine Freundin Lisa. Ehrlich gesagt, wir haben uns etwas anderes versprochen von diesem Nachmittag,“ antworte ich ihr.
Lena schaut interessiert.
„Ward ihr schon einmal irgendwo anders auf einem Event? Wo liegt der Unterschied? Was könnten wir beim nächsten Mal anders, besser machen?“ hakt sie nach.
„Ich weiß es auch nicht,“ bekenne ich. „Nein, wir waren noch auf keinem anderen Event. Wir sind Mitglied auf der Petplay-Community-Seite und praktizierten Petplay bisher mehr als Kopfkino. Aus diesem Grund war der Storyblog unser liebster Aufenthalt.“
„Darf ich fragen, wo für euch die mentale Hürde liegt, Petplay real zu praktizieren?“
„Aus den Beiträgen im Forum und den meisten Stories geht hervor, dass die Leute das Petplay als Ableger des BDSM betrachten – und das liegt uns nun ganz und gar nicht! Sicher, davon lesen kann man. Hier und da läuft einem beim Lesen ein Schauer den Rücken hinunter. Aber eines fehlte lange Zeit völlig: Es ist zu sehr körperbetont! Die Gefühle werden kaum angesprochen. Man schielt zu sehr auf die eigene Lusterfüllung und geht davon aus, dass der Mitspieler dann ebenfalls Lust empfindet. Das mag ja sein, aber die Gefühle werden davon nicht angesprochen. Die Zärtlichkeit bleibt auf der Strecke. Geborgenheit will sich nicht einstellen.
Da fiel mir die Geschichte von Veranstalter dieses Events in die Hände und plötzlich erkannte ich, dass Petplay und BDSM nicht zwingend zusammengehören müssen. Als er dann zu diesem Event eingeladen hat, wollte ich unbedingt hier hin, um das einmal real zu erleben.“

„Und jetzt bist du enttäuscht. Dazu kann ich nur sagen, ob ein Event Spaß macht oder nicht, hängt von den Teilnehmern ab. Der Veranstalter kann nur moderieren und den Service in Gang halten. Die Teilnehmer dagegen geben das wieder, was du auch auf der Seite der Community im Internet festgestellt hast.
Ich mache dir einen Vorschlag: Ich gehe zu Dieter, so heißt der Veranstalter real, und erzähle ihm von euch. Er hat sicher einen Rat parat.“
„Ja, okay,“ stimme ich zu und schaue Lisa dabei an. Sie nickt kaum merklich.
Lena erhebt sich und geht zu dem Tisch in der Nähe der Theke, an dem der Veranstalter gerade mit einem männlichen Teilnehmer des Events spricht. Um uns herum brechen die anderen Teilnehmer des Events nacheinander auf.
Lena spricht kurz mit Dieter, der zu uns herüberschaut und kurz lächelt. Dann spricht er noch einmal mit dem Gast, der sich erhebt und in Lenas Begleitung an unseren Tisch kommt.
„Hallo, ich bin der Klaus. Darf ich fragen, welche Wünsche und Phantasien, Träume und Sehnsüchte Sie antreiben? Was hat Sie zur Teilnahme an diesem Event bewegt?“
„Um es gleich klarzustellen,“ antworte ich bestimmt, „für ein Sexdate sind wir nicht hierhergekommen!“
Der Mann hebt abwehrend die Hände.
„Danach steht mir beim ersten Kennenlernen überhaupt nicht der Sinn! Ich will einzig reden, kennenlernen, spüren, ob Sympathie rüberkommt, oder nicht. Ich bin keiner von der ‚Ohne-Anlauf-Fraktion‘!“
„Okay,“ sage ich. „Das wollte ich nur mal vorausgeschickt haben. Wir zählen uns zu den Katzen, das heißt wir sind eigenständig. Unser Vertrauen zu gewinnen braucht seine Zeit. Dann mögen wir gerne kuscheln und dass sich unser eventueller Owner gefühlvoll mit uns beschäftigt. Schmerzen und unhygienisches mögen wir gar nicht!“
„Ich denke mal, ich stelle mich kurz vor: ich bin 51 und seit drei Jahren geschieden. Ob ich mich nun mit Hündinnen oder Katzen beschäftige, muss ich noch selbst herausfinden. Aber gleich mit zweien? Ich bin nicht sadistisch veranlagt, möchte Sie also nicht als mein Spielzeug benutzen, sondern Ihnen Gelegenheit geben Ihre Gefühle auszuleben. Der Halter eines echten Tieres kümmert sich um das Wohl und die Pflege, dafür ist das Tier ihm gegenüber hingebungsvoll und treu. Beide Seiten tragen also zum Gelingen bei. Genauso verstehe ich eine Pet-Owner-Verbindung.
Genau wie gegenüber einem Tier, übernehme ich auch gegenüber einem Pet Verantwortung. Mir ist bewusst, dass Sie als Frau ihre Selbstverantwortung kaum aufgeben wollen! Aber in der Zeit, in der Ihr Vertrauen wächst – was durchaus Wochen bis Monate dauern kann, das ist mir bewusst – können sie Teile ihrer Verantwortung auf mich übertragen und auch wieder entziehen!“
„Das ist in etwa das, was ich in der Geschichte des Event-Veranstalters gelesen habe. Plappern Sie da etwa etwas nach, oder ist das ihre echte Überzeugung?“ hakt Lisa jetzt nach, bevor ich selbst etwas sagen kann. Das Ganze kommt auch mir etwas seltsam vor.
„Dieter hat auch meinen Herrn, Paul, von seiner Sicht auf das Petplay überzeugt,“ wirft Lena dazwischen.
„Ich muss gestehen,“ antwortet Klaus, „dass das Gesagte eher meinem Gefühl entspricht. Ich selbst habe noch wenig Erfahrung darin ein Pet verantwortungsbewusst zu führen. Ich habe eben mit Dieter gesprochen und er hat mir versprochen, mir zu zeigen wie das unterbewusste Gefühl in bewusstes Tun überführt werden kann. Möchten Sie gleichzeitig mit mir bei Dieter in die Lehre gehen?“
Ich werfe Lisa einen vielsagenden Blick zu. Eigentlich würde ich das Gespräch hier abbrechen wollen. Aber nachdem die letzten vier Eventteilnehmer den Grillplatz verlassen haben, kommen Dieter und Paul mit der älteren Servicekraft auf uns zu.
„Dürfen wir uns setzen?“ fragt Dieter und setzt sich wie selbstverständlich neben Klaus.
Neugierig bleibe ich sitzen. Die Anderen setzen sich ebenfalls.
„Was denken Sie über Petplay allgemein und das Event im Besonderen?“ richtet Dieter seine Frage an mich und Lisa.



Samstag, 20. Juni 2020
Cherie - 36
„Ich arbeite seit Jahren in einer großen Fabrik in Köln am Band,“ berichtet Klaus. „Zuhause hatte meine Ex das Regiment. Allerdings ging die Beziehung vor drei Jahren in die Brüche. Seitdem versuche ich, mich neu aufzustellen. Über das BDSM bin ich zum Petplay gekommen. Bin also noch ganz neu und fand das Angebot hier so interessant, dass ich es mir einmal anschauen wollte.“
„Das tut mir dann leid, dass du auf Anhieb nicht die Richtige für dich gefunden hast. Aber das kann ja noch kommen,“ versuche ich ihn zu trösten. „Aber sag, in einer großen Fabrik in Köln am Band… Das erinnert mich an etwas.“
„Ja?“
„Ich habe bei Ford Köln meine Ausbildung gemacht und bin danach ins Hauptwerk ans Band gekommen. Nicht direkt ans Band,“ präzisiere ich, „sondern in eine Werkstatt neben dem Band. Dort sollte ich Kleinserien von Ersatzteilen für das Band herstellen unter Zeitvorgabe. Zusätzlich saß mir der Meister ständig im Nacken. Ich habe es nur ein halbes Jahr dort ausgehalten. Gebuckelt habe ich im Elternhaus genug. Das brauche ich nicht auch noch auf der Arbeit! Heute habe ich verstanden, dass der Meister wohl Druck von oben auszuhalten hatte, und diesen nach unten weitergegeben hat… Ich bin allerdings anders gestrickt: Aufgrund meiner kindlichen Erfahrungen war ich nun nicht mehr bereit zu buckeln. Lieber steh ich mit geradem Rücken da und biete den Meinen eine Stütze, Schutz und Sicherheit. Auch ich habe ins BDSM hineingerochen und festgestellt, dass das nichts für mich ist.
Etwas anderes - stell dir mal vor, du stehst einem Rudel Doggies vor, wärst der Rudelführer. Wie würdest du mit den Doggies deines Rudels umgehen?“
„Nun,“ beginnt Klaus bedächtig, “als Rudelführer läge mir einerseits auch das Wohl des Rudels am Herzen, andererseits müsste ich aber auch darauf achten, stets Rudelführer zu bleiben. Es wird sicher öfter zu Rangkämpfen kommen…“
„Und du wirst das Rudel führen, wie der Name schon sagt…“
„Natürlich, aber Führen ist dann nicht Selbstzweck, sondern die Verantwortung für das Wohl des Rudels steht im Vordergrund.“
„Richtig, Klaus. Kannst du dir denken, warum ich dich gefragt hab?“
„Hast du eine Rudel Doggies?“ fragt er mit einem lauernden Gesichtsausdruck.
„Nein,“ antworte ich mit vielleicht etwas zuviel Schärfe in der Stimme. „Im Übrigen halte ich Sex für die schönste NEBENSACHE der Welt. Männer, deren Gehirn vorne in der Hose sitzt, kann ich nicht gebrauchen!“
Etwas versöhnlicher ergänze ich: „Du sprachst eben von verantwortungsbewusstem Führen mit Blick auf das Wohl der Doggie. Wie wäre es, wenn du die Seite wechselst? Werde Owner, jedoch nicht sexorientiert, sondern gefühlvoll und einfühlsam. Sieh in deiner Doggie kein Spielzeug deiner Lust, sondern ein Lebewesen mit Gefühlen, das sich dir anvertraut. Vertrauen ist ein hohes Gut! Und Verantwortung ist eine große Aufgabe!“
„Hmmm,“ brummt er. „Du meinst?“
„Ja,“ sage ich. „Setz dich erst einmal her.“
Ich weise auf einen freigewordenen Tisch in der Nähe und stelle zwei Gläser darauf. Dann setze ich mich über Eck und rufe:
„AIKA, ZU MIR!“
Biggi hat den letzten Teil der Unterhaltung mitbekommen und kommt nun heran. Zwischen mir und Klaus geht sie auf alle Viere und schaut zu mir auf. Ich nehme mein Glas, setze es ihr an den Mund und lasse sie einen Schluck trinken. Dann lege ich ihr meine Hand auf die Schultern und sage zu Klaus:
„Verstehe dich als Owner nicht als Domsad, sondern kümmere dich, sorge, pflege, trage die Verantwortung, so dass dein mögliches späteres Doggie sich bei dir sicher und geborgen fühlt.“
Klaus nickt.
„Das hat was,“ meint er dazu.
„Vertrete nicht bloß deine Interessen gegenüber der Umwelt. Mach dir auch ihre Interessen zu eigen und vertrete auch sie! Das nennt man ‚Verantwortung übernehmen‘.“
„Ich…“ beginnt Klaus, als Lena hinzutritt.
„Dieter, darf ich kurz unterbrechen?“
„Ja, was hast du denn?“
„Ich habe mich dahinten mit zwei Frauen unterhalten –Pets-. Sie sind ziemlich desillusioniert…“
„Probleme mit dem Event? Ideen, es zu verbessern beim nächsten Mal?“
„Nein, es geht um die Owner, die sie hier kennengelernt haben. Sie haben hier andere Charaktere erwartet als die üblichen, weil sie von deinem Roman fasziniert waren.“
„Hm, ein Roman ist ein Roman. Er beschreibt ein idealisiertes Leben. Klar, ich stehe voll dahinter. Aber es müssen sich auch noch andere finden, denen der Roman Denkanstöße gibt, um sie ins reale Leben zu überführen wie bei uns.“
Ich drehe mich zu Klaus um.
„Wäre das nicht etwas für dich?“
„Ich kenne deinen Roman nicht! Wie soll ich mich ihnen gegenüber denn verhalten? Was erwarten sie von mir? Eigentlich wollte ich zuhause eine Weile darüber nachdenken! Wenn wir in Kontakt bleiben könnten für die vielen Fragen, fände ich das gut.“
„Denk einfach daran: Du bist kein Domsad, aber du bist der Rudelführer, du sagst wo es lang geht, aber nicht mit Blick auf deinen persönlichen Lustgewinn, sondern mit Blick auf ihr Wohl, auf das Wohl des Rudels! Damit dürftest du punkten. Denk einfach an das, was ich dir gesagt hab.“
Ich nicke ihm aufmunternd zu. Klaus steht mit zweifelndem Gesicht auf. Er lässt sich von Lena zu den beiden Frauen führen. Gespannt schaue ich hinter ihm her.
In diesem Moment treten die beiden Pärchen an mich heran, die als Sieger aus dem Parcours-Lauf hervor gegangen sind. Einer der ‚Owner‘ spricht mich an.
„Hey, habt ihr hier auch ein Spielzimmer?“
Ich schaue ihn groß an und schüttele nach einer Gedankenpause den Kopf.
„Nein, der Herr. Wir praktizieren hier Petplay und kein Sadomaso…“
Der Mann dreht sich schulterzuckend zu dem Anderen um, dann wendet er sich wieder mir zu.
„Dann verzichten wir gerne auf die Übernachtung. Kennen Sie einen Club in der Nähe?“



Cherie - 35
Zurück auf unserem Grundstück informiere ich die Leute darüber und während sie zurückströmen stellen wir uns an die Tische unter denen Körbeweise Brötchen stehen. Sie müssen aufgeschnitten werden. Dieter schlägt das Fass an und beginnt die ersten Gläser zu füllen.

*

Mein Name ist Anita. Ich bin schon ein paar Jahre auf der Seite der Petplay-Community angemeldet. Dort habe ich mich Feli genannt, eine Abkürzung von Felitae, und genauso unnahbar wie eine Katze gebe ich mich auch, wenn ich per Persönlicher Nachricht Avancen anderer männlicher Community-Mitglieder bekomme. Deren Nachrichten sind vielfach so flach, dass man denken könnte, ihr Gehirn ist ihnen in die Hose gerutscht.
Irgendwann habe ich meiner Freundin Lisa davon erzählt und sie hat sich ebenfalls auf der Seite angemeldet. Unser liebster Aufenthalt dort ist der Story-Blog. Sehr interessant, was für Geschichten sich die Leute ausdenken! Aber ich könnte mir nie vorstellen, Petplay real zu leben…
Irgendwann lese ich eine Geschichte, die mich fesselt. Es geht dort um eine Frau, die in die Rolle der Hündin eines Mannes schlüpft. Das allein lässt mir einen Schauer den Rücken hinunterlaufen, heißt das doch, man gibt zumindest zeitweise seine Selbständigkeit auf und lässt sich vertrauensvoll führen. Gut, dass es sich um ein Märchen, um reine Phantasie handelt!
Der Verlauf der Story beginnt mich jedoch zunehmend zu faszinieren. Bisher bin ich der Meinung gewesen, Petplay sei ein Ableger des BDSM, und die Herren benutzen die Frauen als Spielzeug ihrer sexuellen Lust. Sie zitieren sie zu sich, gebrauchen sie wie einen Gegenstand und schicken sie weg, um sie bald wieder zu sich zu rufen. Das Spiel geht so lange bis sie ihrer überdrüssig werden oder sie eine andere Frau gesehen haben und ihr Jagdtrieb wiedererwacht ist.
Die Story handelt jedoch von einem Mann, dem sich die Frau zwar hingibt, aber er benutzt sie nicht. Stattdessen kümmert er sich um sie. Er ermuntert sie, ihre Emotionen zu leben und bedient ihre Gefühle. Er sorgt sich um ihr Wohl und pflegt sie, als wäre sie das Tier, das sie spielt. Auch aus dem Blickwinkel der Frau finde ich dieses Verhalten himmlisch
Als ich mit Lisa über die Geschichte spreche, macht sie mich darauf aufmerksam, dass das nur die eine Seite ist. Daneben bestimmt der Mann über die Frau und sie braucht ein gehöriges Maß an Vertrauen ihm zu gehorchen, weiß sie doch nicht wohin das führt. Hat er wirklich immer ihr Wohl im Auge? Oder nutzt er sie nicht doch letztlich aus?
Ich bin schon etwas tiefer in der Geschichte drin, und antworte ihr:
„Zu einer lockeren bis festeren Beziehung gehören immer zwei. Das ist im normalen Alltag genauso. So wie ich die Geschichte verstehe, lässt er der Frau – seiner Doggie – ihre Eigenarten. Ein Hinausschieben von Grenzen, ein Überwinden von mentalen Hürden findet nicht statt. Das unterscheidet diese Geschichte vom BDSM. Ich sehe ein Gleichgewicht der Protagonisten.“
Lisa brummt zweifelnd. Also schreibe ich einen Beitrag unter die Geschichte. Ich lobe die beschriebene Gewaltfreiheit und bekenne, dass ich bisher dachte Petplay sei nur mit sadomasochistischen Praktiken denkbar.
Der Autor bedankt sich kurz darauf in einem weiteren persönlich gehaltenen Beitrag für meine Rückmeldung und sagt, dass er mit seinen Ansichten zum Thema hinter der Geschichte steht, was mich sehr für ihn einnimmt.
Monate später bietet der Autor in einem Beitrag einen Petplay-Nachmittag für alle interessierten Singles an. Um das Kennenlernen untereinander zu fördern sollen die Pets sich ihre Owner auswählen, mit denen sie die Aktivitäten und Spiele durchlaufen möchten. Das finde ich so interessant, dass ich Lisa überrede mit mir zu der Location in die Eifel zu fahren. Ich nehme mir fest vor, das Angebot an Ownern auf Herz und Nieren zu prüfen. Dabei kann Lisa mir eine große Hilfe sein.
Im Verlaufe des Nachmittages müssen wir allerdings feststellen, dass wohl außer den Veranstaltern alle anderen Männer sadomasochistischen Praktiken anhängen und im Übrigen nur an dem Einen interessiert sind. Wir stehen auf, lassen sie sitzen und setzen uns etwas abseits der Leute, um fertig zu essen und dann zu fahren. Das hat die jüngere der beiden Servicekräfte wohl bemerkt, denn sie kommt auf uns zu, setzt sich und fragt nach unseren Eindrücken während des Events.

*

Einer der männlichen Doggies, ein etwa gleichaltriger Mann, steht von seinem Platz auf, wo er sich mit seiner Ownerin eine ganze Zeit unterhalten hat und kommt zu mir.
„Was kann ich Ihnen Gutes tun?“ frage ich.
Ich denke, er möchte für sich und seine Begleitung, die er hier kennengelernt hat, etwas zu essen bestellen. Er schaut mich mit zweifelnder Miene an.
„Sagen Sie mal,“ setzt er an. „Sind hier alle Frauen so – teuer?“
Ich ziehe die Augenbrauen zusammen und frage zurück:
„Wie meinen Sie das?“
„Nun ja, der Nachmittag war interessant. Ich habe die Frau eben gefragt, ob es eine Fortsetzung geben könnte. Sie wohnt in Köln – genau wie ich…“
„Das sind doch die besten Voraussetzungen für ein gemeinsames Faible!“ stelle ich fest.
„Wissen Sie, was sie geantwortet hat? Für 400 Euro pro Monat könnten wir uns gerne an einem Nachmittag pro Woche bei ihr treffen. Dann könnte ich mich ganz ins Dogspace fallen lassen…“
Ich schaue mein Gegenüber enttäuscht an.
„Das hätte ich nicht gedacht, dass hier einige ein Geschäft aus dem Faible machen. Mir würde so etwas nie in den Sinn kommen!“ entgegne ich ihm.
„Würden Sie mich als ihr Doggie trainieren?“ fragt mein Gegenüber hoffnungsvoll.
Ich lächele ihn an und strecke ihm die Hand hin. Er nimmt sie und schüttelt sie kurz.
„Ich heiße Dieter,“ stelle ich mich vor.
„Ich bin der Klaus,“ sagt mein Gegenüber.
„Ich bin allerdings hetero,“ dämpfe ich seine Erwartungen, „ich kann mit einem männlichen Doggie wenig anfangen. Es geht ja doch nicht bloß um das Kommandieren und Gehorchen. Es entstehen Sympathien zwischen Herr und Doggie. Im Idealfall wird mehr daraus. - Wie bist du eigentlich zum Dogplay gekommen?“



Freitag, 19. Juni 2020
Cherie - 34
Bald haben wir die Kreditzusage im Briefkasten und Paul beauftragt Dieter mit den Baufirmen in Kontakt zu treten. Die Verträge kommen per Post und werden von Paul unterschrieben zurückgeschickt. In den nächsten drei Monaten fährt Paul regelmäßig an den Wochenenden in die Eifel um den Baufortschritt zu beobachten. Schließlich steht unser Haus neben Dieter‘s und wir feiern Richtfest mit den Mitarbeitern der Baufirmen. Dann ist das Dach gedeckt und die Solarpaneele angebracht und Dieter fragt, ob wir den Einzug mit einem Petplay-Event feiern wollen. Dadurch wird die Location bekannt und wir bekommen Kontakt mit noch mehr Petplayern.
Ich bin begeistert und auch Paul bekommt leuchtende Augen, als er zustimmt. Ein Wochenende ist schnell bestimmt und der Termin in der Internet-Community bekannt gemacht. Dieter sagt, er hätte etwas Besonderes vor. Entsprechend gespannt erwarten wir den Termin.

*

Es ist ein warmer sonniger Tag als wir zu dem Petplay-Event in die Eifel fahren. Der Parkplatz vor unseren beiden Häusern ist vollgestellt mit Autos. Dieter kommt uns entgegen und begrüßt uns. An seiner Seite steht Biggi auf zwei Beinen. Beide haben blaue Latzhosen, ein kariertes Arbeitshemd und eine Schirmmütze an.
„Hallo, da seid ihr ja,“ sagt Paul lächelnd und Biggi legt zur Begrüßung ihre Wange an Meine.
Ich umarme sie und Dieter führt uns ins Haus, während unsere Mopsdame Taps aufgeregt um uns herumtänzelt. Drinnen öffnet er die Gästetoilette und zeigt auf einen kleinen Textilienstapel.
„Zieht euch eben um,“ meint er.
Aus dem Wohnzimmer höre ich Stimmengewirr. Biggi trennt sich von uns und geht zu den Leuten, die dort sitzen, um Getränke zu servieren. Wir betreten die Gästetoilette einzeln und ziehen uns die gleiche Arbeitskleidung an, die Biggi und Dieter tragen. Jetzt sehen wir aus, als würden wir auf einem Hof arbeiten. Unsere Alltagskleidung trägt Paul mit Dieter ins Gästezimmer nach oben, während ich mich zu Biggi geselle und ihr helfe. Dabei sehe ich unter den Leuten im Wohnzimmer auch ein paar Frauen. Alle haben sie szenetypische Kleidung in Lack, Leder oder Latex an. Durch die Fensterwand zur Terrasse hinaus kann ich erkennen, dass der Rasen mit einem halbhohen Gitter zur ‚Weide‘ umfunktioniert wurde. Als ich genauer hinsehe kann ich erkennen, dass die Weide in mehrere Abteile unterteilt ist. Auf dieser Weide befinden sich „Vierbeiner“ beiderlei Geschlechts in allen Aufmachungen aus Lack, Leder, Latex und auch Kunstfell.
„Sag mal,“ frage ich Biggi in einer ruhigen Minute, „wie läuft das Event eigentlich ab? Das Programm kommt mir etwas seltsam vor.“
Biggi erklärt mir lächelnd:
„Du hast in den Bekanntmachungen sicher gelesen, dass möglichst nur Singles geladen sind. Nachkontrollieren lässt sich das ja nicht, aber Dieter hofft, so eine besondere Atmosphäre zu schaffen. Hier im Wohnzimmer siehst du die ‚Owner‘ und draußen tummeln sich die ‚Pets‘. Dieter hat sie je nach Art in verschiedene Gehege gesteckt. Später sollen sich die Owner die Pets anschauen dürfen. Dann ertönt irgendwann eine Glocke. Die Pets, die sich die Owner ja auch anschauen konnten, kommen dann an die Gitter und suchen sich ihre Owner aus. Das funktioniert genauso wie die Damenwahl in der Tanzschule.
Dann gehen alle hinüber auf euer Grundstück. Dort ist ein Parcours aufgebaut. Die Pet-Owner-Teams sollen den Parcours nacheinander durchlaufen und die Aufgaben erfüllen. Wir stoppen die Zeit. Dieter und Paul haben in der Zwischenzeit die Gehege hier abgebaut und Tische, Bänke, sowie einen Grillplatz errichtet. Die besten zwei Teams erhalten eine Übernachtung in den beiden Gästezimmern als Gewinn.
Dieter hofft, dass unter den Leuten einige sind, die DS praktizieren ohne SM-Anteile, also so wie wir. So ließen sich Freundschaften begründen.“
Ich höre aufmerksam zu und nicke am Schluss von Biggis Rede. Während wir mit dem Servieren der Getränke beschäftigt sind, läuft Tapsy von einem zum anderen Gast, beschnuppert und begrüßt sie, und holt sich hier und da Streicheleinheiten ab.
„Das wäre schön,“ bestätige ich Biggi.
Ich sehe, dass Dieter in Begleitung von Paul draußen an die Gehege tritt und mit den Pets spricht. Kurz darauf betreten sie die Terrasse und kommen ins Wohnzimmer.
„Hallo,“ sagt Dieter. „Ich möchte mich noch einmal für euer zahlreiches Erscheinen bedanken. Hiermit ist die Veranstaltung eröffnet! Wir werden jetzt alle nach draußen zu den Pets gehen. Dort verteilt ihr euch bitte vor die Gehege der Ponys, Doggies, Kittys, Pigs. Je nachdem welche Art von Pets euch zusagt. Dann schaut ihr euch das Angebot in den Gehegen an. Die Pets werden ebenso das Angebot an Ownern interessiert betrachten. Auf ein Glockensignal hin kommen sie an den Zaun zu dem Owner, den sie sich für das nachfolgende Agility als Teampartner ausgesucht haben. Die Teams gehen dann hinüber zu den Parcours, wo sie weitere Anweisungen von Paul hier“ – er zeigt auf meinen Herrn – „erhalten.“
Die Leute stehen auf und drängen durch die Terrassentür nach draußen. Am Gitter verteilen sie sich vor den verschiedenen Gehegen, die durch Schilder gekennzeichnet sind. Aber auch an den Kostümen der Pets lässt sich erkennen, welcher Art sie angehören.
Etwa zehn Minuten später hat sich das Hin-und-Her-Gewusel gelegt. Jetzt ertönt eine Glocke über einen Lautsprecher und auch das Gewusel auf dem Gras legt sich. Männlein und Weiblein halten sich in etwa die Waage, wie ich sehen kann. Die Pets kommen an das Gitter zu den Ownern. Ich kann beobachten, dass einige aus der Gruppe der Owner einen Schritt zurück machen. Auf diese Weise dauert es eine gute halbe Stunde bis sich alle Teams gebildet haben. Dieter lässt dazu das jeweilige Pet zu dem Owner aus der Umzäunung.
Nach und nach gehen die Teams hinüber auf unser Grundstück. Dort sollen wir unverzüglich mit der Wertung auf dem Parcours beginnen, hat Dieter gesagt. Wir sollen nicht warten bis alle Teilnehmer bei uns sind. Es bringt Spaß und viel Lachen von Seiten der Zuschauer.
Als nach zwei Stunden alle Teams den Parcours durchlaufen haben, bringe ich die Wertungs-Ergebnisse zu Paul und kann sehen, dass die Gitter am Rand zusammengestellt und stattdessen Partytische und –bänke aufgestellt worden sind. Der Grill glimmt auch schon und erste Würste brutzeln.



Cherie - 33
„Und das kann jeder machen?“
Ich mache große Augen.
„Nein! Dazu sind gewisse Hygiene-Standards einzuhalten. Das sollte nur ein Arzt machen – oder ein Piercing-Studio. Letzteres solltest du dir vorher aber genau anschauen!“
„Und Paul…“ frage ich lauernd.
‚Wenn die Frau das alles mit sich machen lässt, was leistet dann der Mann?‘ frage ich mich in Gedanken.
„Paul kümmerte sich während der Prozedur rührend um mich – und scheint sich seitdem noch mehr mit mir verbunden zu fühlen,“ schwärmt Lena. „Bildlich gesprochen räumt er mir sämtliche spitzen Steine aus dem Weg. Manchmal fühle ich mich wie in Watte gepackt – und das mag ich gar nicht!“
Ich muss lachen.
„Wie zeigst du ihm denn, dass du nicht so umsorgt sein willst?“
Jetzt lacht auch Lena.
„Ich bin für ihn kein Spielzeug, wie du weißt. Ich zeige ihm deutlich, dass ich ein eigenständiges Lebewesen bin! Manche würden das vielleicht zickig nennen, aber ich bleibe spielerisch liebevoll. So hat er keinen Grund genervt oder gar böse auf mich zu sein. Er hat schon ein paar blaue Flecken davon getragen…“
Ich muss grinsen.
„Sag mal, hast du dich in der letzten Zeit eigentlich mal wieder mit Dieter getroffen?“ fühlt sie mir nach einer Gedankenpause auf den Zahn.
„Ja,“ bestätige ich. „Wir haben uns letztes Wochenende zu einer Session bei ihm getroffen.“
„Ah, und wie war es?“ hakt sie nach.
„Interessant! So ganz anders als ich Sessions mit Doms bisher kennen gelernt habe.“
„Das ist Pauls und Dieters Merkmal,“ stellt Lena fest. „Wie hat dir das Wochenende gefallen?“
„Ich denke, ich gehe wieder hin – vielleicht sogar regelmäßig…“ resümiere ich.
„Oh, das ist schön!“ ruft meine Gesprächspartnerin begeistert aus. „Dann treffen wir uns bestimmt häufiger!“
„Ich bin dort allerdings mit gemischten Gefühlen weggefahren,“ sage ich nun ehrlicherweise.
„Warum?“ fragt sie zurück.
Ihre Stimme klingt verhalten, leicht traurig.
„Es ging um den Heimtierausweis. Er sprach ihn an für den Fall, dass wir zusammenkommen würden, und dass wir dafür einen Arzt aus der Szene aufsuchen würden.“
„Aber das ist doch sehr verantwortungsbewusst gedacht!“
„Ja, so wie du es mir jetzt erklärt hast. Aber ich sah da plötzlich wieder diese Doktorspiele mit meinem früheren Dom und seinem Freund vor meinen Augen. Da war die ganze Atmosphäre zerstört.“
„Hm, der Dom, mit dem du auf dem Event in Hamburg warst?“
„Nein, nicht Klaus! Einer vor ihm…“
„Ahso… Aber bei Dieter brauchst du die Befürchtungen nicht haben! Da gibt es kein MMF. Er respektiert deine Gefühle genauso wie Paul.“
„Danke dir, Liebes!“ sage ich.
Große Erleichterung schwingt in meiner Stimme mit.
Lenas Stimme vibriert wie nur bei einer lächelnden Person. Sie antwortet mit sanfter, leiser Stimme:
„Wenn du magst, nenn mich ebenfalls CHERIE. Hast du auch schon einen Hundenamen von Dieter bekommen?“
„Ja, AIKA hat er mich genannt.“
„Ein schöner Name, AIKA. Also, dann treffen wir uns sicher bald einmal zu Viert bei Dieter. Hier bei uns wäre Petplay nur eingeschränkt möglich…“
„Das werden wir sicher!“ antworte ich bestimmt.
Ich trenne das Gespräch. Eine große Erleichterung hat mich erfasst. Die emotionale Leere ist verpufft. Das hätte Dieter oder Paul nicht schaffen können. Dazu ist der Kontakt zu Lena sehr wichtig gewesen!

*

„Hi, Lena,“ begrüßt mich Paul, als er von der Arbeit kommt. „Ich war auf dem Heimweg noch schnell auf der Bank. Wir könnten uns endlich ein neues und größeres Auto leisten – oder aber solch ein Nur-Dach-Haus auf Dieters Grundstück in der Eifel…“
„Zumindest ein jüngeres Auto wäre schon schön,“ erwidere ich ihm nach dem innigen Begrüßungskuss. „Aber das können wir uns bestimmt immer noch leisten – dann eben etwas später. Ein Umzug in die Eifel fände ich besser. Das Geld reicht aber sicher nicht, um das Haus komplett zu bezahlen?“
„Nein, aber ein Drittel könnten wir als Eigenkapital in einen Abzahlungsvertrag einbringen bei der Sparkasse.“
„Sprich darüber mit Dieter, Liebling! Wir sollten dafür nicht unsere Bank wählen, sondern seine, weil sie bei ihm in der Nähe liegt. Dann haben wir es nicht so weit, wenn wir dort wohnen.“
„Das mache ich!“ verspricht er mir.
Am Wochenende ruft Paul dann Dieter an und der verspricht Paul, einen Termin bei seiner Bank zu vereinbaren. Vier Wochen nach diesem Gespräch fahren wir schon Donnerstagnachmittag los und sind in der Abenddämmerung bei Dieter angekommen. Für Freitag hat Paul Urlaub bekommen. Wieder übernachten wir in Dieters Gästezimmer und haben wie immer ein fürstliches Frühstück am nächsten Morgen.
Während der Fahrt und bis nach dem Banktermin trete ich als die Partnerin Pauls zweibeinig auf, auch damit der Bankberater keinen falschen Eindruck bekommt. Paul hat seine Bankunterlagen von unserer Sparkasse dabei und Dieter die Bauunterlagen seines Hauses. Das Gespräch in der Bank verläuft in lockerer Atmosphäre. Freundlich werden wir verabschiedet, nachdem wir den Antrag beide unterzeichnet haben.
Danach fährt Dieter mit uns zum Haus zurück. Dort steht inzwischen ein zweites Fahrzeug. Wir steigen in unseren Wagen um und sehen, dass Paul die Schlüssel an das fremde Paar mit einem vielleicht achtjährigen Sohn übergibt. Dann steigt er in seinen Wagen und wir folgen ihm zu seiner Wohnung. Das Haus ist nun für die Dauer von zwei Wochen als Ferienhaus vermietet. Am frühen Nachmittag fahren wir zurück nachhause.



Donnerstag, 18. Juni 2020
Cherie - 32
„Nach dem Kommando FREI,“ erkläre ich ihr, „darfst du dich frei bewegen bis irgendein anderes Kommando kommt. Das Kommando NEIN stoppt jede Aktion. Du bleibst, wo du bist und tust nichts weiter. Insoweit hast du alles richtig gemacht, Liebes!“
Ich gebe ihr eine Belohnungs-Erdnuss und drücke ihr einen Kuss auf den Mund. Dann stehe ich auf und lege ich eine Handvoll Erdnüsse in ein flaches Schüsselchen. Sie hat mein Tun mit ihren Blicken verfolgt. Nun drehe ich mich zu ihr um und halte ihr das Schüsselchen hin in Höhe meiner Brust. Eine Nuss stecke ich mir selbst in den Mund.
Lena kommt heran und stößt mich an. Da ich nicht reagiere, sondern mir wieder selbst eine Nuss in den Mund stecke, reibt sie ihre Wange an meinem Oberschenkel. Ich lächele sie an, wehre sie mit der freien Hand ab und sage HOCH. Dabei mache ich mit der freien Hand Aufwärtsbewegungen. Schließlich will sie sich auf ihre Hinterbeine stellen. Nun sage ich SITZ. Sie beugt ihre Knie bis sie auf ihren Fersen sitzt und muss aus Gleichgewichtsgründen ihre Beine spreizen. Trotzdem kippt sie zur Seite.
„HOCH ist kurz gesagt das Gleiche wie MACH MÄNNCHEN,“ sage ich ihr. Du balancierst auf deinen Zehenballen, auf deinen Fersen sitzend, die Ellbogen angewinkelt und die Fäuste etwa in Schulterhöhe.“
Sie versucht es noch einmal konzentriert und es klappt. Nun füttere ich sie mit ein paar Erdnüssen und lobe:
„Gutes Mädchen, Cherie, gutes Mädchen!“
Ich drehe mich zum Couchtisch um und stelle das Schüsselchen dort ab. Lena ist inzwischen wieder auf allen Vieren und nähert sich nun dem Couchtisch. Dabei schielt sie in meine Richtung, als denke sie ‚Würde er es mir wohl erlauben…‘.
Als sie den Mund über das Schüsselchen stülpen will, sage ich laut NEIN. Sofort hält sie inne und weicht etwas zurück. Sie dreht ihren Kopf zu mir und schaut mich mit großen Augen an. Ich beuge mich zu ihr hinunter und gebe ihr einen Kuss.
„Das hast du richtig gemacht, Liebes! Es kann ja Situationen geben, wo ein NEIN angebracht ist. Jetzt aber sage ich OKAY. Nach diesem Kommando darfst du tun, was du im Begriff warst aus eigenem Antrieb zu tun.“
Sie reibt ihre Seite glücklich an mir und isst die Erdnüsse aus dem Schüsselchen.
Nach einer Weile sage ich bedächtig:
„Weißt du, ich könnte eigentlich mal Dieter anrufen, ob er ein Wochenende Zeit hat, dass wir uns wieder einmal treffen…“
Lena ist inzwischen mit dem Schüsselchen fertig und kommt zu mir gelaufen. Sie springt an mir hoch und lächelt mich an. Dabei bleibt sie in Höhe der MACH MÄNNCHEN-Stellung.
„Das würde dir also auch gefallen,“ resümiere ich.

*

Dieter hat mich zum Zug gebracht und nun sitze ich hier und lasse mich nachhause fahren. Mit meinen Gedanken bin ich allerdings weit weg.
Ich sehe meinen Dom mit seinem Freund im grünen Arztkittel, grüner Haube und weißem Mundschutz. Man hat mich vorher auf die stabile Liege mit dem Lederbezug festgeschnallt, die Knöchel rechts und links in entsprechenden Halterungen fixiert. Dann entrollt der Freund meines Dom eine grüne Rolle mit vielen Innentaschen und einer Reihe silberfarbener Werkzeuge darin. Mich schüttelt es noch, wenn die Bilder vor meinen Augen wieder auftauchen.
Dieter behauptet, das sei nicht Inhalt des Petplay, wie er es versteht. Kann ich seinen Worten trauen?
Ich habe Dieter als Mann kennengelernt, für den Respekt vor mir als Person kein Fremdwort ist. So bin ich für ihn auch kein Gegenstand seiner Lusterfüllung. Stattdessen kümmert er sich echt um mein Befinden.
Ich bin hin und her gerissen. Darüber schlafen wird sicher das Beste sein.
Zwei Tage später hat mich der Alltag wieder voll im Griff. Abends vor dem Fernseher kann ich aber nicht so richtig abschalten. Meine Lieblingsserien fesseln mich nicht so wie sonst. Mich erfüllt eine unerklärliche Leere, eine Sehnsucht, die ich nicht greifen kann. Es muss irgendwie mit der Session in der Eifel bei Dieter zusammenhängen…
Tags darauf fasse ich den spontanen Entschluß und rufe Lena an:
„Fischer.“
„Hallo, Lena. Biggi hier. Sag mal, hast du schon einmal etwas über einen Heimtierausweis gehört?“ falle ich gleich mit der Tür ins Haus.
„Aber ja, Biggi. Taps hat einen für den Fall, dass wir ins Ausland fahren – aber auch, um irgendeinem Arzt oder Behörden zu bescheinigen, welche Impfungen sie hat.“
Ich höre Lena geradezu durch das Telefon lächeln.
„Das meine ich nicht,“ werde ich deutlicher. „Ich meine einen Heimtierausweis mit deinen Daten drin.“
„Ah,“ macht Lena. „Hast du davon gehört und bist nun unsicher, ob du so einen auch haben möchtest.“
„Ja,“ bestätige ich ausweichend.
„Ich würde an deiner Stelle damit warten, bis du mit dem Mann zusammenziehst, den du dir als deinen Herrn ausgesucht hast,“ rät mir Lena. „Der Ausweis für Doggies ist dem Ausweis für Katzen und Hunde entlehnt. Auf der ersten Seite innen ist ein Bild von dir, dann folgen deine persönlichen Daten und dahinter eventuelle Impfungen. Es ist also ein erweiterter Impfausweis, der nur in der Szene gilt.“
„Und das braucht man in der Szene?“
„Nein, Biggi. Nur wenn du und dein Herr gemeinsam den Ausweis als sichtbares Zeichen eurer Herr-Doggie-Verbindung auswählt. Manche Herren mögen zusätzlich noch ein Tattoo, oder eine Ohrmarke oder einen Chip an ihrem Doggie. – Ich zum Beispiel habe als Tattoo eine Hundetatze an der linken Hinterbacke und eine kleine runde Scheibe als Ohrstecker mit der eingravierten Ausweisnummer.“
„Oh,“ mache ich. „Was ist das: ‚ein Chip‘?“
„Ein kleines Teil, das dir mit einer Spritze unter die Haut gebracht wird und das man mit einem Empfänger orten kann.“



Cherie - 31
„Gutes Mädchen, AIKA. Das hast du ganz gut gemacht! Eine Feinheit in der Ausführung wäre noch, dass du mit deinem Kopf auf Höhe meiner Beine bleibst. Also neben mir, nicht vor mir läufst. Dann brauchst du dich nicht nach mir umschauen und ich brauche dich nicht durch Zug an der Leine dirigieren. Das ist zum Beispiel dann gut, wenn wir anderen Petplayern begegnen. Dann reicht ein Handzeichen von mir, um dir zu sagen, dass du die Seite wechseln sollst.“
Er macht mit mir noch eine Runde. Dann bleibt er stehen. Ich schaue zu ihm auf und sehe ihn lächeln.
„Das jetzige Kommando kennst du bestimmt noch nicht. Zuerst einmal – PLATZ!“
Ich setze mich also auf meine Fersen und beuge die Ellbogen bis mein Rumpf fast den Boden berührt. Währenddessen hat Dieter ein weiteres Schokokrümel in die Hand genommen, zeigt es mir und führt es an meiner linken Seite vom Kopf langsam Richtung Po. Ich drehe mich nun auf die Seite, um daran zu kommen.
Jetzt sagt er "MÜDE" und gibt mir die Schoki in den Mund. Dabei lobt er mich und streicht mir zärtlich über Wange und Hals. Dann sagt er wieder PLATZ und ich drehe mich wieder auf Unterschenkel und Unterarme.
Nun sagt Dieter noch einmal MÜDE und hält dabei seinen Unterarm senkrecht. Danach lässt er ihn langsam zu Seite sinken. Ich drehe mich nun auch wieder auf die Seite. Er gibt mir noch eine Schoki und sagt dazu:
„Gutes Mädchen, AIKA. Die Armbewegung ist das sogenannte ‚Handzeichen‘, das nonverbale Kommando für MÜDE. Jetzt kommt eine Erweiterung dieses Kommandos. Ich weiß nicht, ob du das auch noch nicht kennst. Folge mir einfach und du wirst sehen…“
Ich nicke wieder und Dieter sagt nun wieder MÜDE. Also lege ich mich ein drittes Mal auf die Seite. Nun führt er ein Schoki zwischen meinen ‚Vorderpfoten‘ am Bauch entlang nach hinten. Seiner Bewegung mit dem Mund folgend, rolle ich mich auf den Rücken.
In der Bewegung sagt er "ROLL" und lässt mich die Schoki essen. Dann sagt ROLL und beschreibt dabei mit der Hand einen Kreis in der Luft, mal rechts herum, mal links herum und danach einen Vollkreis. Immer lobt er mich nach der Ausführung.
Dann bin ich wieder in der SITZ-Position und frage ihn, wann denn die Kommandos MÜDE und ROLL zur Anwendung kommen.
„MÜDE,“ antwortet er, „verwende ich, wenn du dich ablegen und relaxen sollst. ROLL kann man auf Events verwenden. Es hat immer einen gewissen Aha-Effekt. Aber besonders bei Arztbesuchen verwende ich es, wenn du dich auf der Untersuchungsliege drehen sollst.“
„Bei Arztbesuchen?!“
Ich bin vielleicht etwas lauter als üblich und schaue ihn entsetzt an.
„Nicht bei normalen Ärzten,“ beschwichtigt Dieter. „Aber es gibt da mindestens einen Arzt, der mit der Szene vertraut ist. Dort kann ich dir einen Heimtier-Ausweis ausstellen lassen.“
„Du befürwortest Doktorspiele?“
„Hast du schon einmal Doktorspiele mitmachen müssen?“
„Ja, meinem Dom gefiel es,“ sage ich leise.
„Und du magst es nicht, wie ich an deiner Reaktion erkenne. Keine Angst! Ich bin dabei und stoppe den Arzt, bevor er dich derart benutzt. Zum Erlangen eines Heimtierausweises ist es nicht nötig, mit all diesen Instrumenten an dir herum zu spielen! Auch mache ich das nicht ohne dein Einverständnis. Es wird also in den nächsten Monaten, vielleicht Jahren, nicht geschehen!“
Ich atme tief ein.
„Dein Wort in Gottes Ohr…“
„Du kannst mir vertrauen,“ meint er, doch mein Engagement in der Sache ist merklich abgekühlt.
Er muss mein Zurückweichen wohl spüren, denn er sagt nach einer Weile:
„Langsam ist es Abend und damit Zeit zum Abendessen. Dazu kannst du mir wieder als Zweibeiner in der Küche helfen, wenn du magst. Danach schauen wir ein oder zwei DVDs, die du dir aus meiner Sammlung aussuchen darfst. Dann dürfte auch schon Schlafenszeit sein.“

*

Lena hat mich nach dem Kommandotraining gefragt. Dazu brauche ich Lock- und Belohnungsmittel. Ich weiß, dass sie Erdnüsse sehr mag, also gehe ich in die Küche und bringe sie ins Wohnzimmer.
„Einige der Kommandos nutzen dafür die Gestik der Hunde. Zum Beispiel die Spielverbeugung, die du heute kennengelernt hast. Will man nun an einem Dog-Agility-Event teilnehmen und mit seinem Doggie etwas vorführen, dann steht meist eine Verbeugung am Ende des ‚Spiels‘, nicht an dessen Beginn,“ erkläre ich ihr.
Lena schaut mich aufmerksam an. Ich nehme eine Erdnuss zwischen die Finger und zeige sie ihr. Dann führe ich sie langsam nach unten und hinten, also in Richtung ihrer Brust. Lena folgt dem Leckerli mit den Augen, dreht den Kopf und geht dafür automatisch in die Verbeugungsstellung. Nun bekommt sie ihr Leckerli und ich sage „CHERIE“. Dabei verbeuge ich mich ebenfalls und mache eine ausladende Handbewegung. Dies wiederhole ich ein paar Mal, bis Lena ihren Namen und meine Geste zusammen als Kommando zum Verbeugen begreift. Jetzt lobe ich sie freudig und streichele sie zart.
„Genauso der nonverbalen Kommunikation entnommen ist das Kommando GIB PFÖTCHEN,“ erkläre ich ihr dann. „Es entstammt dem Milchtritt des Welpen. Damit wird beim Muttertier der Milchfluss angeregt. Als Kommando gebraucht, soll eine wohlwollende Stimmung zwischen Hund und Mensch, die sich noch nicht kennen, erzeugt werden. Bei sich fremden Doggie und Mensch gilt das Gleiche.“
Ich zeige ihr schrittweise, wie ich mir die korrekte Ausführung des Kommandos vorstelle und freue mich über die Wißbegierigkeit meiner Doggie Cherie.
„Nun komme ich zu einigen speziellen Kommandos,“ sage ich dann.
Ich kommandiere SITZ und befestige eine lange Laufleine an ihrem Halsband. Als das erledigt ist, sage ich FREI.
Lena schaut mich kurz an und ich nicke ihr aufmunternd zu. Sie beginnt sich im Wohnzimmer zu bewegen, wie es ihr spontan in den Sinn kommt. Ich lasse sie gewähren. Als sie sich Tapsy zu nähern beginnt, sage ich in bestimmten Tonfall NEIN und ziehe kurz an der Leine. Lena stoppt ihre Aktion und schaut ängstlich verwundert zu mir auf. Ich gehe zu ihr hin, setze mich neben sie auf den Boden und nehme sie in den Arm.