Montag, 27. Juli 2020
Nicci (10)
Ich mache große Augen und antworte, als er geendet hat:
„Ich darf kein Wort mehr sagen?“
Er nickt mir freundlich lächelnd zu und streichelt über meine obenliegende Schulter.
„Eine Doggie spricht nicht. Sie winselt leise und zeigt eine beredte Mimik, sowie eine aussagekräftige Gestik!“ stellt er fest.
Ich drehe mich auf den Rücken und frage:
„Was ist mit bellen?“
Da schüttelt er den Kopf.
„Du bist ein human Doggie, um mal wieder eines dieser Anglismen zu verwenden. Du bist kein biologischer Hund. Du sollst also nicht bellen!“
Ich hebe nun spontan die Arme, nachdem mich die ganze Zeit neben Peter auf dem Teppich schon das Gefühl beschlichen hat, greife nach seinen Schultern und ziehe ihn zu mir herunter. Er gibt erstaunlich leicht nach, sonst hätte ich mich zu ihm hochgezogen. Dann gebe ich ihm einen Zungenkuss, den er erwidert. Er macht sich lang, auf dem Teppich neben mir und küsst und streichelt mich eine kleine Ewigkeit lang.
In einer Atempause stemmt er sich ein wenig hoch und sagt, mir zuzwinkernd:
„Doggie soll auf die erlernten Hundekommandos prompt reagieren. Trotzdem ist Doggie kein Roboter, sondern ein Lebewesen mit Gefühlen. Wenn Doggie also durch die Wohnung stromert, soll der Owner sie lassen, nur den Überblick behalten und erst eingreifen, wenn er Gefahren für Doggie oder irgendwelche Einrichtungsgegenstände voraussieht. Dazu reicht eine kurze Warnung.
Wird Doggie ‚vom Teufel geritten‘ und der Owner wird Ziel eines Spaßes, oder einer Aktion wie gerade, oder Doggie versteckt sich und lässt den Owner suchen – es gibt da eine Menge, was ihr einfallen könnte -, soll er ruhig mitmachen, bis es ihm vielleicht zu bunt wird. Dann sollte ein ‚Genug jetzt!‘ ausreichen.“
Danach beugt er sich wieder über mich und seine Hand fährt vorwitzig, jedoch sanft, unter mein bauchfreies Top. Er erfühlt meinen BH und flüstert mir ins Ohr:
„Beim nächsten Mal hast du keinen BH mehr an!“
Nun beginnt er an meinem Ohrläppchen zu knabbern. Sofort wird ein Kribbeln zwischen meinen Beinen stärker. Ich reibe meine Oberschenkel aneinander und beginne ihn wieder mit Küssen zu bedecken.

*

Wir haben eine gute Stunde auf dem Teppich verbracht. Dabei habe ich ganz vergessen, dass Peter ein gutes Stück älter ist als ich. Ich habe mich in seinen Armen sehr wohl gefühlt. Mir sind diese Gedanken durch den Kopf gegangen, in der Zeit in der ich überhaupt fähig gewesen bin, klar zu denken:
‚Dieser Mann beschützt mich vor der Umwelt, die mich nicht versteht! Peter versteht mich. Bei ihm fühle ich mich sicher, geliebt, gepflegt, beschützt. Ihm kann ich vollkommen vertrauen! Ich mag es, zu ihm zu gehören. Hoffentlich fühlt er genauso…‘
Peter erhebt sich vom Fußboden und schaut voll Zuneigung lächelnd zu mir herunter.
„Es ist Zeit für das Abendessen,“ sagt er.
Ich will mich erheben, um die Sachen aus dem Kühlschrank zu holen und auf dem Esstisch anzurichten. Aber er sagt, als er meine Bewegung sieht:
„Lass dich nicht aus dem Dogspace herausziehen! Du kannst gerne auf allen Vieren mit in die Küche kommen und mir mit Gesten zeigen, wo ich finde, was ich suche. Ich werde laut denken, so dass du immer weißt, was ich brauche. Dann legst du die Pfote darauf oder die Nase…“
Peter öffnet und schließt in schneller Folge die Türen und Schubladen in der Küchenfront. Dann öffnet er gezielt die Türen und Schubladen, die er braucht. Er stellt zwei flache Teller auf den Tisch und holt vier Scheiben Brot aus dem Schrank, die er auf die beiden Teller verteilt. Dann legt er gekochten Schinken darüber und schneidet Gewürzgurken in Scheiben, die er darüber verteilt. Bis jetzt weiß ich noch nicht, was er vorhat.
Ich schaue interessiert wie er eine Pfanne hervorholt, auf dem Ofen erhitzt und ein wenig Öl darüberstreicht. Dann schlägt er zweimal Eier in die Pfanne und lässt das Spiegelei auf den Teller rutschen.
‚Ah, er macht Strammer Max!‘ stelle ich in Gedanken fest.
Dann setzt er sich und schneidet das schnelle Gericht mit Hilfe von Messer und Gabel klein. Sein Gesicht hellt sich auf, als hätte er soeben einen Aha-Effekt erlebt. Er steht vom Stuhl auf und geht ins Wohnzimmer. Was macht er bloß jetzt? Ich schaue von der Küchentür und sehe, dass er eine Plastikflasche aus seiner Reisetasche nimmt und damit in die Küche zurückkommt. Jetzt nimmt er ein Glas aus dem Schrank und eine Flasche Limonade aus dem Kühlschrank. Dann füllt er das Glas voll und schüttet etwas in die Plastikflasche, die er dann wieder zuschraubt.
Nun setzt er sich wieder und stellt den Teller mit dem klein geschnittenen Strammen Max neben sich auf den Boden. Danach beginnt er zu essen. Ich schaue auf den Teller, dann auf ihn, danach wieder auf den Teller am Boden…
Peter bemerkt mein Zögern und lockt mich mit einem Stück Strammen Max auf seiner Gabel. Langsam nähere ich mich ihm und will die Gabel mit einer Hand greifen. Jetzt zieht er die Gabel weg und sagt:
„Denke daran, dass du in deiner Rolle keine Arme und Hände hast, nur vier Beine. Du musst schon mit dem Mund greifen! Deshalb habe ich dir deine Portion mundgerecht kleingeschnitten. Zum Trinken habe ich diese Flasche mit Mundstück, wie sie auch Radrennfahrer benutzen. Versuche es einfach mal! Machst du dir Kinn und Wangen schmutzig, kümmere dich nicht darum. Wir sind unter uns! Ich reinige dich danach schon.“
Ich hole tief Luft und beuge mich über meinen Teller. Peter hat es zu gut gemeint! Soviel esse ich gar nicht. Als ich satt bin, schaue ich auf. Sofort hält mir Peter die Flasche hin. Ich trinke etwas und mache dann einen Schritt rückwärts.
„Du magst nicht mehr?“ fragt er nun.
Ich schüttele den Kopf und Peter beugt sich herunter, nimmt den Teller hoch. Anscheinend isst er auch meine Portion auf. Weil ich interessiert zuschaue, meint er:
„Das Essen ist zu schade, um weggeworfen zu werden. Jetzt weiß ich, was du abends schaffst, und richte mich demnächst danach. Magst noch etwas trinken?“
Ich nicke und komme näher. Er lässt mich wieder aus der Flasche trinken. Dabei streicht er sanft durch mein Haar. Schließlich steht Peter auf und beginnt die beiden Teller von Hand zu spülen. Er muss aber gesehen haben, dass ich eine Spülmaschine besitze…
Als die Küche wieder aufgeräumt ist, geht er ins Wohnzimmer zurück. Ich folge ihm. Er setzt sich auf die Couch und nimmt die TV-Zeitung vom Couchtisch. Darin blätternd wählt er etwas aus und schaltet mein TV ein. Dann lehnt er sich zurück und schaut mich erwartungsvoll an.
Sein Gesichtsausdruck wandelt sich in ein gewinnendes Lächeln. Er beugt sich vor, legt seine flache Hand auf die Sitzfläche neben sich und sagt „HOPP“. Dann nickt er mir aufmunternd zu. Nach kurzem Zögern nähere ich mich langsam der Couch und schaue zu ihm auf. Als ich neben der Couch stehe, fordert er mich noch einmal mit „HOPP“ zum Hochklettern auf. Also erklettere ich die Couch. Peter drückt mich nun auf die Sitzfläche, so dass ich mich neben ihn lege. Während des TV-Schauens streicht er gedankenverloren über meinen Körper, soweit sein Arm reicht. Ich genieße das und gerate ins Träumen.

*

Am nächsten Morgen wache ich in Peters Armen auf. Er hat am Abend vorher die Rollläden nicht heruntergelassen, so dass die aufgehende Sonne wohl mein Wecker war. Ich stehe vorsichtig auf und gehe als Zweibeiner ins Bad. Als ich fertig bin und ins Wohnzimmer zurückkomme, schläft Peter noch, wenn auch etwas unruhig. Ob er spürt, dass ich mich davongestohlen habe?
Auf den Zehenspitzen husche ich in die Küche und mache das Frühstück. Damit will ich mich später bei Peter für den Abend und die Nacht bedanken. Er ist sehr zärtlich gewesen. Selbst Mike, mein Ex, hat mich nie derart mit Streicheln geil gemacht, wie Peter das konnte…
Dann decke ich den Tisch, stelle Frühstückseier und Croissants hinzu, eine Auswahl von Wurst, Käse und Marmelade, was mein Kühlschrank hergibt. Als alles fertig ist, wecke ich Peter mit einem Kuss. Er erwidert den Kuss, schlägt die Augen auf und schaut mich augenzwinkernd an.
„Kein Dogplay heute?...“ fragt er.
„Eine Pause!“ stelle ich selbstbewusst fest.
Er dreht sich und stellt die Füße neben die Schlafcouch. Dann fasst er meine Hand und zieht mich zu sich herunter.
„Danke dir, für den wunderbaren Abend!“ sagt er, und steht auf.
Er umrundet die Couch, greift in seine Reisetasche, holt seine Kulturtasche heraus und verschwindet damit im Bad. Bald höre ich seinen Rasierer und kurze Zeit später steht er wieder im Wohnzimmer.
„Kommst du…?“ frage ich vom Frühstückstisch her, wo ich mich inzwischen niedergelassen habe.
Er setzt sich zu mir und beginnt zu frühstücken. Nach seinen ersten Bissen fühle ich mich beobachtet. Ich schaue auf und sofort fragt er mich:
„Wie gefällt dir das Dogplay? – Ich weiß, du hast noch nicht viel mitbekommen. Wenn du magst, machen wir gleich noch kurz etwas, bevor ich heute am späten Vormittag fahren muss?“



Nicci (9)
„Du besitzt weder ein verlängertes Rückgrat mit Muskulatur, noch per Muskulatur verstellbare Ohren. Aber es gibt Verhaltensweisen, die eindeutig sagen, was der Hund will. Auch hast du ein großes Repertoire von Gesichtsausdrücken, die deine Gefühle widerspiegeln. All das kannst du nutzen, Nicci. Du sollst einfach deine Gefühle in der Rolle ausleben dürfen – nicht zurückhalten müssen, weil es in Gesellschaft gerade nicht opportun erscheint Gefühle zu zeigen.“
Auf dem Weg zur Haustür lehne ich mich sanft an Peter und er nimmt mich wieder in den Arm. Ich genieße die Nähe. Im Treppenhaus lässt er mich vorgehen und bleibt dicht hinter mir, ganz anders als Mike, mein Ex. Auf einem Treppenabsatz schaue ich Peter in die Augen, nachdem ich eine Stufe des neuen Teilstücks der Treppe genommen habe.
„Läufst du nicht vor, so dass ich Probleme habe, dir hinterher zu kommen?“
Peter lächelt mich wieder so an, dass ich in den Knien schwach werden könnte.
„Nicci, erstens weiß ich nicht, welche der Türen zu deinem Appartement führt. Ich muss mich also deiner Führung anvertrauen. Zum Anderen gehört es sich, dass der Herr hinter der Frau bleibt, um sie vor etwaigem Stolpern zu schützen…“
„Oh,“ ist das Einzige, das ich spontan darauf zu antworten weiß.
Dann stehen wir auch schon vor meiner Wohnungstür und ich schließe auf. Wir treten ein und gehen durch die Garderobe ins Wohnschlafzimmer. Dort drehe ich mich zu Peter um.
„Was muss ich als Doggie anziehen?“ frage ich ihn. „Ein Kostüm habe ich ja nicht.“
„Das brauchst du auch nicht, Nicci. Für spätere Events, wo so etwas allgemein üblich ist, kaufst du dir irgendwann einen Einteiler aus Stoff. Knieschoner, Spezialschuhe und Pfotenhandschuhe vervollständigen dann dein Outfit. Für jetzt bleib einfach angezogen, wie du bist. Ich habe für den Anfang meine alten Knieschoner von einer früheren Arbeitsstelle mitgebracht.“
Er hebt die linke Hand und mir fällt erst jetzt die Tasche auf, die er aus dem Auto mitgenommen hat. Ich habe zum Treffen meine Jogginghose und ein gleichfarbiges bauchfreies Top angezogen. So stehe ich nun vor ihm. Er greift in die Tasche und übergibt mir die Knieschoner und ich drehe sie etwas unentschlossen in der Hand, schaue sie mir dabei genauer an.
„Magst du dich setzen?“ fragt Peter jetzt.
Ich nicke und setze mich auf meine Schlafcouch. Er kniet sich vor mich und fasst eine meiner Fersen. Dann hebt er das Bein sanft an und zieht mir den Knieschoner über. Am Knie zieht er den Klettverschluss fest, und macht gleiches mit dem zweiten Bein. Dann setzt er sich auf seine Fersen und fordert mich auf, die Knieschoner einmal auszuprobieren. Ich rutsche also von der Couch, gehe vor ihm auf die Knie und lasse mich auf alle Viere herunter.
„Sitzen sie gut?“ fragt er und macht einen besorgten Gesichtsausdruck.
Ich mache „Hm“, und bewege mich einen kleinen Schritt hin und her.
„Joah,“ meine ich nun lächelnd.
„Okay,“ meint Peter nun.
Er greift in die Tasche, aus der er die Knieschoner geholt hat und holt einen länglichen Kunststoffgegenstand heraus, der entfernt einem Rugby-Ball ähnelt.
„Will ein Hund spielen, senkt er seinen Oberkörper in Richtung Boden, so dass sein Hintern in die Luft zeigt. Diese sogenannte Spielverbeugung mit Fixieren des Spielzeugs bedeutet ‚Ich mag spielen, bin bereit‘. Die gleiche Spielverbeugung mit abgewandtem Blick bedeutet ‚Ich tu dir nichts! Ich will bloß spielen‘. Beim Spiel streckst du natürlich deine Arme, bzw. ‚Vorderbeine‘ wieder…“
„Ah, das ist so eine Geste aus der ‚nonverbalen Kommunikation‘ von der du gesprochen hast,“ kommentiere ich seinen kleinen Vortrag und probiere die Spielverbeugung aus.
Er gibt dem Ball einen Schubs. Als der Ball meine Hände erreicht, komme ich vorne wieder hoch und stoße ihn mehrmals hintereinander von der rechten zur linken Hand und wieder zurück. Peter sitzt immer noch etwa ein Meter von mir entfernt auf seinen Fersen und schaut mir zu, wie ich sehen kann, als ich kurz aufschaue. Ich werde unsicher, ob ich alles richtig mache. Deshalb stoße ich den Ball in seine Richtung. Er stoppt ihn und wirft ihn etwa zwei Meter neben mich.
Also muss ich mich drehen und laufe auf Händen und Knien zum Ball, um ihm wieder einen Stoß in Richtung Peter zu geben. Er muss sich jetzt recken, um den Ball zu erreichen.
„Wir dürfen beim Ballspielen hier drin nur wenig bis keine Kraft anwenden, damit nichts kaputt geht,“ meint er. „Bis du diese Geste automatisch machst, wird bestimmt noch einige Zeit vergehen. Eine andere Geste ist die ‚Ich muss mal‘-Geste. Dazu gehst du auf allen Vieren zur Toilettentür und hebst eine Vorderpfote, um sie an die Tür zu legen. Dabei schaust du dich nach mir um. Diese Geste kannst du bei vielen Gelegenheiten verwenden – immer wenn du durch eine geschlossene Tür willst, die ich dir öffnen soll.“
„Ah,“ mache ich und krabbele zur Badtür, wo ich meine rechte Faust an das Türblatt lege.
„Ja, genauso!“ meint Peter lächelnd. „Diese Geste entstammt dem Milchtritt der Welpen, womit sie den Milchfluss der mütterlichen Zitzen anregen. Gleiches kommt später noch einmal vor, wenn wir zum Kommandotraining übergehen. Da machst du die gleiche Bewegung beim Kommando ‚GIB PFÖTCHEN‘.“
Ich bin wieder nähergekommen, während er mir die Erklärung gibt und reibe nun meine Wange an seiner. Er nimmt meinen Kopf in seine Hände und drückt mir einen schnellen Kuss auf die Nasenspitze.
„Das Wange-Reiben ist eine spontane Geste der engen Vertrautheit und Zuneigung. Die kannst du gerne immer wieder einmal machen! Ich sagte ja, lass deinen Gefühlen freien Lauf in der Rolle. Du kannst deine komplette Gefühlspalette herauslassen, von Freude bis Trauer, sofort wenn du etwas in deinem Herzen fühlst!“
Ich lasse mich spontan neben Peter auf den Teppich sinken und reibe meinen Rücken leicht an seinem Oberschenkel.
„Einen großen Raum nehmen die sogenannten Beschwichtigungssignale ein,“ redet Peter weiter, während er mir zart über die obenliegende Seite streicht. „Ein Hund verwendet Beschwichtigungssignale, wenn er in einer Situation unsicher ist. Darunter fallen einmal Gähnen, obwohl der Hund nicht müde ist. Es soll Desinteresse ausdrücken.
Dann entweder nur den Blick abwenden, in der Steigerung den Kopf abwenden oder gar den ganzen Körper zur Seite drehen. Es soll das Gegenüber beschwichtigen. So kann es vorkommen, dass ein Hund sich einem anderen vorsichtig seitwärts gehend nähert. Dabei geht er sehr langsam vor, fast wie in Zeitlupe. Oder er erstarrt gar zur Statue für kurze Zeit.
Hebt ein Hund eine Vorderpfote für einen Sekundenbruchteil, bedeutet das ‚freundliches Interesse‘.“
„Das ist aber schon ein ziemlich umfangreiches Repertoire,“ flüstere ich und rekele mich dabei.
Peter lacht kurz auf.
„Das kommt dir jetzt beim Vortrag so vor. Schau mal: Die deutsche Sprache besteht aus einigen hunderttausend Wörtern. Du benutzt sie wie selbstverständlich. Da sagst du auch nicht: das ist aber ein großes Repertoire!
Die Gesten dürften dir bald ‚in Fleisch und Blut‘ übergegangen sein. Vor allem, wenn du gezwungen bist, dich nur über Gestik und Mimik zu verständigen. Nur wenn das nicht ausreicht und ich dir erlaube zu sprechen, sagst du mit Worten, was du mir mitteilen willst. Ich stelle schon fest, wann du mir etwas verbal sagen musst: Dann zeigst du eine drängende Mimik. Und ich wäre ein schlechter Herr, wenn ich dir dann den Mund verbieten würde!“



Sonntag, 26. Juli 2020
Nicci (8)
Wenige Minuten später parkt er im Parkhaus des Einkaufszentrums. Wir gehen in die überdachte Flaniermeile, an deren Rand sich ein Geschäft an das andere reiht. Bald haben wir die Schaufenster einer Tierzubehör- und Tiernahrungshandlung erreicht. Vorhin im Parkhaus hat er eine blaue Mappe hervorgeholt, in der sich gelbe Kreide, ein Maßband und verschiedene andere Dinge befinden. Das sei eine Unfallmappe, hat er mir erklärt. Mit dem Maßband hat er mir dann meinen Halsumfang locker gemessen, und mit diesem Maß im Kopf betreten wir nun das Geschäft.
Peter lässt mich aus dem Angebot ein ledernes Halsband in meiner Lieblingsfarbe auswählen. Er kauft dazu noch eine feingliedrige Kette mit Lederschlaufe an dem einen und Karabinerhaken an dem anderen Ende. Dann schauen wir uns noch verschiedene Transportkäfige an. Dabei bekomme ich große Augen und ein beklemmendes Gefühl in der Brust. Ich halte mich nicht lange in dieser Abteilung auf und Peter beeilt sich an meiner Seite zu bleiben. Kurz darauf sind wir wieder vor der Ladentür und wir gehen weiter an den Schaufenstern entlang.
Einige Minuten später wird der Weg schmaler, weil der Raum durch Caféhaustische belegt ist.
„Komm, wir setzen uns,“ fordert mich Peter auf.
Kurz darauf bestellen wir ein Stück Obstkuchen und einen Kaffee für jeden. Als man uns das Bestellte gebracht hat und wir wieder alleine sind, frage ich Peter:
„Der Transportkäfig… muss das wirklich sein?“
„Später, Nicci,“ antwortet er beruhigend. „Ich wollte mich nur über die hiesigen Preise erkundigen. Wenn ich dich gleich mit dem kompletten Accessoire konfrontiere, schrecke ich dich womöglich ab! Finde dich erst einmal richtig in die Rolle hinein. Das dauert individuell mal schneller, mal länger… Ohne großes Vertrauen zu mir, wirst du sicher nicht in einen Käfig steigen! Auch wenn das nur für die Dauer einer Autofahrt wäre…“
„Ich bin da etwas zurückhaltend…“ spreche ich meine Gefühle ‚durch die Blume‘ aus und schaue Peter zweifelnd an.
Er zieht seine Stirn in Falten und schaut mir in die Augen.
„Nicci, was du nicht magst, passiert auch nicht! Du musst mir einfach deine Gefühle offenbaren! Ich zwinge dich zu nichts.“
„Meine Gefühle hier, meine Gefühle da…“ flüstere ich und lege meine Hand auf seine.
„Ja,“ sagt er einfach. „Ich kann zum Einen keine Gedanken lesen. Zum Anderen ist Petplay im Allgemeinen und Dogplay im Besonderen immer noch ein weites Feld. Ich gebe dir Anstöße, sage dir, was alles möglich ist – und du sagst und/oder zeigst mir was du dir davon für dich nicht vorstellen kannst. Das verfolge ich dann auch erst einmal nicht weiter!“
„Erst einmal…“ wiederhole ich ihn.
„Ja, nimm zum Beispiel den Transportkäfig. Dazu ist hohes Verantwortungsbewusstsein meinerseits und großes Vertrauen deinerseits nötig! Sonst geht das nicht. Wenn es dir also jetzt unmöglich erscheint, kann sich das später anders darstellen.
Anderes, wie die auf Angst vor Strafen basierende Erziehung werde ich niemals anwenden! Schon allein, weil ich selbst kein Anhänger davon bin. Ich wende die Motivation mittels Lob und Belohnung im Training an, wie es heute auch die Hundeschulen bei echten Hunden anwenden.“
„Deswegen habe ich mich auch mit dir getroffen,“ bestätige ich ihm. „Ich mag auch keine Schläge, werde dabei nicht feucht, wie das einige im Internet berichten.“
„So fügt sich eins auf’s andere,“ antwortet er mir. „‘Gleiches gesellt sich zu Gleichem,‘ sagt man.“
„Was brauche ich denn sonst noch für Accessoires?“ setze ich gleich nach.
„Sollten auf einem Event nur Pets in Lack-, Leder-, Latexkostümen auftreten, oder in Kunstfell, dann wäre ein Overall gut – mit verstärkten Kniegelenken. Sagen wir aus Stoff mit Kunststoff-Knieschonern… Spezialschuhe und Pfotenhandschuhe vervollständigen dein Outfit. Auch gibt es metallene Halsreifen, die im Alltag wie Schmuck aussehen würden. Hundeschweife aus Roßhaar, nicht aus Latex, an deinem Outfit befestigt oder per Plug kämen hinzu, falls du das magst… Das wäre es im Grunde schon.“
„Und wenn ich mit dir alleine bin?“ frage ich ihn nun.
„Du musst dich nicht äußerlich in ein Doggie verwandeln, es sei denn, du brauchst das, um ins Dogspace zu rutschen. Unter vier Augen reicht eigentlich schon der Vierfüßler-Gang!“
„Was ist denn das Dogspace?“ will ich den neuen Begriff erklärt haben.
„Ich erkläre dir das einmal mit der Aussage, die ein anderer Doggie letztens getroffen hat,“ antwortet mir Peter bereitwillig. „Er sagte, sobald er auf allen Vieren ist, verändert sich seine Wahrnehmung. Gespräche unter den anwesenden Zweibeinern bekommt er zwar noch mit, aber den Inhalt nimmt er nicht mehr auf. Ihm wäre nur noch wichtig, dass seine Grundbedürfnisse befriedigt werden, dass er die Zuwendung erhält, die ein fühlendes Lebewesen nun einmal braucht.
In der Rolle nimmt er Räume anders wahr. Zweibeiner wirken auf ihn sehr groß. Möbel erschlagen ihn gefühlsmäßig. Andere Doggies sind für ihn Artgenossen mit denen er nonverbal kommuniziert. Hinter der Beschreibung fühlst du vielleicht ein großes Vertrauen zu seinem Herrn. Ins Dogspace kommst du also nicht allein, indem du einfach auf alle Viere gehst und die Welt aus der neuen Perspektive anschaust.
Du musst dich vertrauensvoll in der Rolle ‚fallenlassen‘ können. Je mehr Vertrauen du zu mir hast, desto eher klappt das. Vertrauen ist ein Gefühl, das Zeit braucht zum Wachsen. Du musst also offen sein und dir Zeit lassen. Dasselbe mache ich auch. Ich dränge dich nie! Das wäre kontraproduktiv! Du solltest einfach dein ‚inneres Tier‘ herauslassen, dir denken ‚der Hund in mir darf einfach sein‘! Du wirst sehen, wenn du eine gewisse zivilisatorische Scham überwunden hast, fühlt sich das gut an!“
„Hm,“ mache ich. „Und noch ein anderer Begriff: die ‚nonverbale Kommunikation‘, was ist das?“
„Die ‚nichtstimmliche Verständigung‘ auf Deutsch gesagt,“ erklärt mir Peter jetzt. „Da Hunde nicht reden können, verständigen sie sich über Gestik und Mimik. Die Mimik der Caniden – der Hundeartigen – kannst du kaum nachahmen: Du kannst weder deine Ohren verstellen, noch den Schwanz aufstellen oder zwischen die Beine klemmen. Aber die Gestik, keine Sorge, die bringe ich dir allmählich bei.“
Ich lehne mich spontan bei Peter an und umfasse seine Brust mit dem freien Arm. Das quittiert er, indem er mir den Arm um die Schultern legt und seine Wange kurz an meinen Kopf legt.
Bald sitzen wir vor leeren Tellern. Wir stehen also auf. Peter zahlt drinnen im Cafe, dann gehen wir zum Auto zurück und fahren zu mir nachhause. Unterwegs jagen sich die Gedanken in meinem Kopf. Keiner lässt sich wirklich fassen und ausformulieren. Erst als wir auf den Parkplatz hinter dem Wohnblock fahren, indem mein Appartement liegt, kann ich wieder etwas sagen.
„Ich fühle mich bei dir geborgen, Peter, und dein Faible, das Petplay, interessiert mich sehr. Vor allem, weil du es so einfühlsam und mit viel Geduld angehen willst… Wie stellst du dir aber die Gestik und Mimik von Hunden bei Doggies vor?“



Nicci (7)
Ich habe gedacht, Peter bringt die Sprache gleich auf das Petplay und teilt das Wochenende in verschiedene Trainingseinheiten auf. Wir haben uns schließlich auf eine Probesession geeinigt für dieses Wochenende.
„Und eine Tierhandlung, die nicht nur Futter, sondern auch Accessoires anbietet?“ setzt er nach.
„Da gibt es zwei in einem nahen Einkaufszentrum,“ erkläre ich ihm ernüchtert.
„Okay,“ antwortet er mir. „Hättest du Lust, mit mir in das Erlebnisbad zu gehen – nur eine Stunde oder so! Und nachher mit mir durch das Einkaufszentrum zu schlendern. Die Tierhandlungen zu besuchen und anschließend bei Kaffee und Kuchen in einem Cafe dort zu entspannen, bevor wir dann wieder zuhause sind?“
„Joah,“ dehne ich und schaue Peter prüfend an.
„Dann los!“ sagt er lächelnd. „Hol dir deine Badesachen.“
Wenig später sitzen wir nebeneinander in seinem Auto und ich zeige Peter den Weg zum Erlebnisbad. Er parkt auf dem weitläufigen Parkplatz daneben, dann gehen wir hinein. Bald darauf treffen wir uns an einem der Becken und gehen gemeinsam ins Wasser. Nach drei Stufen beginnt es knietief und erreicht zum gegenüberliegenden Beckenrand ein Meter sechzig Tiefe. Dort hängen durchsichtige Kunststoffbahnen von der Decke, durch die man in den Außenbereich kommt.
Als das Wasser meine Hüfte erreicht, stoße ich mich vom Boden ab und schwimme zum gegenüberliegenden Rand. Dort halte ich mich fest, drehe mich und suche auf dem Wasser nach Peter. Ich bemerke, dass er mir folgt, indem er durch das Wasser geht. Bald schauen nur noch sein Kopf und die Schultern über die Wasseroberfläche. Ich schwimme zu ihm zurück. Wo er steht, bekomme ich keinen Bodenkontakt mehr, als ich wassertretend auf der Stelle verharre.
„Komm,“ fordere ich ihn auf. „Magst du nicht schwimmen?“
Er schüttelt kurz den Kopf und antwortet mir lächelnd:
„Ich kann nicht schwimmen. Mein Schwimmlehrer damals in der Grundschule ist an mir verzweifelt und hat sich dann um meine Klassenkameraden gekümmert. Aber wie du siehst, habe ich keine Angst vor Wasser.“
„Aber wieso?“ frage ich schweratmend und wassertretend zurück.
„Ich weiß es auch nicht,“ antwortet er, verlegen lächelnd. „Liege ich auf diesem Schwimmbrett und bewege nur die Arme oder nur die Beine, wie der Schwimmlehrer es sagt, dann klappt es. Danach hat der Schwimmlehrer mir seine Hand unter den Bauch gehalten und mich aufgefordert, Arm- und Beinbewegungen gleichzeitig zu machen – und schon ging es abwärts, als der Schwimmlehrer die Hand wegzog. Wahrscheinlich hatte ich nicht den richtigen Rhythmus und während die Armbewegungen Vortrieb erzeugten, holte ich die Beine nach vorn und der Vortrieb war weg? Wie dem auch sei: So geht es auch.
Warum ich mit dir jetzt ins Schwimmbad gegangen bin, hat den Grund: Du sollst Spaß haben und dabei Vertrauen zu mir aufbauen. Ein echter Hund funktioniert auch nicht ‚auf Knopfdruck‘ wie ein Roboter. Er ist ein Lebewesen mit Gefühlen. Als solches wird ihm auch gelegentlich der Schalk im Nacken sitzen und sein Alphatier oder sein Herrchen necken. Es liegt am Herrchen, wie weit er solch ‚ungezogenes Verhalten‘ zulässt – und ich bin da sehr offen.“
„‘Sehr offen‘ heißt, du lässt es zu, wenn ich dich in der Rolle respektlos behandele?“ frage ich ungläubig zurück. Wieder ein Mosaiksteinchen, das ihn weniger dominant erscheinen lässt, als ich mir Dominanz vorstelle, nach dem was ich im Netz erlebe.
Er zwinkert und antwortet:
„Jedenfalls solange, bis ich dem Treiben durch ein Kommando ein Ende bereite!“
Ich schwimme nun in weiten Zügen in die runde Aussparung, in der Querdüsen einen Wirbel erzeugen und lasse mich ein paar Runden herumtragen. Hier ist das Wasser niedrig und eine gemauerte Sitzbank ermöglicht das ‚Karussellfahren‘ im Sitzen. Inzwischen hat Peter mich erreicht und lässt sich neben mir im Kreis herumwirbeln. Wir lächeln uns an und ich lehne mich an ihn. Er umfasst daraufhin meine Schultern.
Nach einigen Minuten steht er wieder auf und verlässt den Strudel.
„Hunde,“ sagt er, „bewegen sich nicht wie Frösche durch das Wasser. Sie haben einen anderen Schwimmstil. Sollten wir einmal zu einem Dogplay-Event fahren und dort ist ein Wasserbecken, dann solltest du deren Schwimmstil vorher geübt haben.“
„Wie meinst du das?“ frage ich zurück. Auch ich habe den Strudel verlassen und stehe nun neben ihm in für mich oberschenkeltiefem Wasser.
„Kannst du kraulen?“ fragt er zurück.
„Jaaa…“ dehne ich und schaue seitwärts zu ihm auf.
„Dann braucht es nicht mehr viel, um wie ein Hund schwimmen zu können! Mit Wassertreten bleibst du auf der Stelle über Wasser… Ich zeige dir bei Gelegenheit mal eine Sequenz auf DVD. – Komm, wir gehen mal in den Außenbereich!“
Peter bewegt sich nun durch das Wasser auf den Kunststoffmatten-Vorhang zu, der Außen- und Innenbereich trennt. Nach einigen Schritten stoße ich mich ab und werfe mich auf das Wasser. Ich kraule zum Vorhang und warte dort wassertretend auf Peter. Hier hat das Wasser wieder seine größte Tiefe von ein Meter sechzig und ist damit genauso tief wie ich groß bin. Als Peter mich erreicht, hole ich Luft und tauche unter dem Vorhang durch.
Drüben komme ich wieder hoch und schaue mich nach Peter um. Ich sehe, wie er eine der Kunststoffbahnen zur Seite drückt und nach draußen kommt. Sein Kopf ist bis zu den Schultern über Wasser. Blitzartig taucht der Gedanke in mir auf, ihn zu stoßen, damit er einmal das Gleichgewicht verliert. Aber dann verwerfe ich den Gedanken doch.
Wir haben noch eine Zeitlang Spaß im Becken, dann gehen wir unter die Duschen und in die Umkleide zurück. Unterwegs auf dem Parkplatz spreche ich ihn doch einmal darauf an:
„Was wäre, wenn mich eben ‚der Schalk im Nacken‘ – wie du es nennst – dazu animiert hätte, dich im Wasser umzuwerfen?“
Peter schaut mich lächelnd an.
„Das ist mir schon einmal passiert – ganz unabsichtlich in einem vollen Becken… Kein Problem! Wasser hat eine höhere Dichte als Luft. Ich gerate zwar unter Wasser, aber ich hatte mein Gleichgewicht schnell wieder und mich wieder aufgerichtet. Natürlich musste ich dann prusten und mir das Wasser aus den Augen reiben, aber das war es dann auch.
Man könnte vielleicht auch davon reden, dass ich dabei Glück hatte: Hätte ich den Bodenkontakt verloren, hätte es wohl etwas gedauert, mich wieder aufzurichten. Ob das dann ohne fremde Hilfe geglückt wäre? Ich weiß es nicht. Aber ich bin ja nicht allein! Ich kann doch sicher annehmen, dass du deinem Herrn hilfst in so einem Fall?“
Beim letzten Satz zwinkert er mir zu und ich fühle mich bemüßigt, meinen Arm um seine Brust zu legen. Peter legt nun auch seinen Arm kurz um meine Schultern, denn wir haben inzwischen sein Auto erreicht.



Nicci (6)
„Bis nächstes Wochenende, mein Mädchen,“ antwortet er.
Dann dreht er sich in Richtung Parkhaus und winkt mir noch einmal kurz zu. Ich winke lächelnd zurück. Schließlich geht er zügig auf das Parkhaus zu und ist bald meinen Blicken entschwunden. Ich muss noch eine Viertelstunde auf meinen Bus warten. In meinem Kopf herrscht ein heilloses Durcheinander von Gedanken und Gefühlen.

*

Als ich vor ein paar Tagen auf dem Heimweg im Bus sitze, habe ich mich in eine Zukunft mit Peter geträumt. Was hat er mir auf der Terrasse des Bahnhofs-Cafés alles gesagt? Er würde mich niemals ‚links liegenlassen‘, sondern sich stets um mich kümmern. Er würde mir Alltagsgeschäfte, wie Amtsformulare und Verträge abnehmen, die ich ihm überlasse – nachdem er mit mir darüber geredet hat, was mein Ziel in diesen Angelegenheiten ist. Er würde für mich sorgen und mich pflegen, falls das einmal nötig werden sollte…
Das wäre himmlisch, wenn das einmal wahr werden würde! Bei ihm würde ich mich dann sicher fühlen können, würde ich mich geliebt, geschützt und gepflegt fühlen können. Dazu gehört allerdings grenzenloses Vertrauen. Ich mag ihn jetzt schon sehr, aber ob sich solch ein Vertrauen einstellt, das muss sich erst noch zeigen!
Gestern habe ich Peter während der Arbeit ein kleines Gedicht per SMS aufs Handy geschickt:
Mit Haut und Haaren bist Du Mein
Mit Herz und Seele obendrein
Mit Händen und Füßen umarm‘ ich Dich
Mit Augen und Lippen umgarn‘ ich Dich
Du bist mein schönstes Geschenk
Und nur der Himmel weiß,
Dass ich an Dich denk‘
Nachmittags ist dann seine Antwort auf gleichem Weg zurückgekommen.
Du – wo immer Du auch bist
Was immer Du auch fühlst…
Ich bin in Deiner Nähe und fühle mit Dir
Denn Du bist für immer ein Teil von Mir!
Nun aber mal ehrlich! Schreibt so der klassische dominante Mann? Ich habe bisher zwar noch keinen dominanten Mann Aug in Aug kennengelernt, nur getextet, aber die haben alle sehr direkt sexistisch getextet! Keiner hat so gefühlvoll reagiert wie Peter. Allerdings, ich erinnere mich: Er hat auch von mir verlangt, meine Gefühle nach außen zu tragen, sie nicht in meinem Herzen einzuschließen. Ob das seine Masche ist?
Ich habe ihm meine Adresse fürs Navi gegeben und ihn gefragt, was ich anziehen soll, wenn er kommt.
„Zieh an, was du magst!“ hat er darauf geantwortet. „Etwas bequemes, in dem du dich wohlfühlst!“
Ich soll ihn also weder nackt empfangen, noch in irgendwelchen frivolen Kleidungsstücken, die seine Lust auf mich steigern. Das finde ich bemerkenswert! Ich habe mich also für meine Jogginghose entschieden und ein bauchfreies Top. Darunter ein knappes Unterwäscheset in zartrosa.
Nun ist die Zeit da, an der er eintreffen will. Es ist seine erste Fahrt zu mir. Er kann also die Zeit noch nicht abschätzen, die er zu mir braucht. Ich sollte mich nicht verrückt machen! Eine Viertelstunde Verspätung ist durchaus möglich, selbst wenn man sich von einem Navi leiten lässt. Mein Herz schlägt bis zum Hals!
Ich habe romantische Musik aufgelegt und mich auf mein Sofa gesetzt, die Beine angezogen und in die Sitzkissen gedrückt. Nach einer Weile beuge ich mich vor, umfasse meine Fußgelenke und stütze mein Kinn auf dem rechten Knie. Plötzlich klingelt es…
Ich springe auf und muss meinen Stand erst einmal stabilisieren. Dann laufe ich die paar Schritte zur Wohnungstür, um die Haustür aufzudrücken. Das Summen der Anlage holt mich aus meinen Träumen und wenig später steht Peter vor mir. Er drückt mir lächelnd eine Tüte Gummibärchen in die Hand, um mir dann in die Augen zu schauen.
„Hey, Nicci, wie geht es dir?“ fragt er.
„Hm, im Moment etwas verpeilt,“ antworte ich ehrlich und ergänze lächelnd. „Ich freue mich, dich zu sehen!“
Er ist inzwischen hereingekommen und ich habe die Wohnungstür wieder geschlossen.
„Wie war deine Fahrt?“ frage ich, während wir ins Wohn-Schlafzimmer gehen.
„Hm,“ meint er. „Es gab ein paar Probleme auf der Autobahn, aber sonst ging es ganz gut.“
Wir setzen uns nebeneinander auf mein Sofa gesetzt mit einem Abstand von einem halben Meter etwa. Sofort stehe ich wieder auf.
„Sorry, was magst du trinken?“ frage ich.
„Hast du ein Erfrischungsgetränk?“ fragt Peter lächelnd zurück.
„Cola?“
„Gern.“
Also gehe ich kurz in die Küche, fülle zwei Gläser mit Cola und ein Schälchen mit einer Party-Nussmischung. Damit auf einem kleinen Tablett komme ich zum Couchtisch zurück, setze mich wieder auf meinen Platz und stelle sein Glas vor ihn hin.
„Du siehst wunderbar aus!“ gibt er mir ein Kompliment.
„Danke,“ sage ich und fühle mich gerade etwas unsicher in meiner Haut.
In die entstehende Pause sagt Peter lächelnd: „Prost!“ und hebt sein Glas in meine Richtung.
Automatisch nehme ich mein Glas, hebe es kurz an, erwidere sein Zuprosten und trinke einen Schluck, während meine Augen an ihm hängen. Was wird er als nächstes machen?
„Gibt es etwas, das in eurer Stadt gerade angeboten wird?“ fragt er nun. „Kirmes vielleicht… Oder magst du durch einen Zoo oder Park spazieren? Liegt ein Freizeitpark oder ein Erlebnisbad in der Nähe?“
Ich bin erstaunt. Was bezweckt er damit?
„Eine Kirmes hatten wir vor einigen Wochen. Im Herbst ist noch einmal eine Chance für einen Kirmesbesuch! Ein Freizeitpark gibt es in etwa 60km Entfernung. Zoo und Park in 20km Entfernung in der Nähe des Bahnhofs in der Innenstadt – oder den, den wir draußen vor der Tür haben. Hier jogge ich gerne nach der Arbeit. Eine Viertelstunde mit dem Bus entfernt gibt es auch ein Erlebnisbad. Von daher sind wir hier voll ausgestattet.“



Samstag, 25. Juli 2020
Nicci (5)
„Das ist vollkommen in Ordnung,“ beruhigt Peter mich. „Hast du vielleicht zufällig einen Hund, oder bist du bei deinen Eltern früher mit einem Hund aufgewachsen?“
Ich ziehe die Stirn kraus.
„Ist das von Bedeutung?“ frage ich ihn.
„Nicht direkt,“ sagt er, und schüttelt leicht den Kopf. „Aber dann könntest du dich möglicherweise intuitiv in einen Hund hineinfühlen, wüsstest, was deren Gestik und Mimik bedeutet, und würdest sie mir gegenüber anwenden. Dann wüsste ich ohne viel Raten, dass du im sogenannten ‚Dogspace‘ bist.“
„Hm, den Begriff habe ich schon einmal gehört. Kannst du ihn mir einmal richtig erklären?“
„Dazu ist viel Vertrauen zum ‚Owner‘ nötig. Der Alltagsstress tritt in den Hintergrund. Deine Wahrnehmung verändert sich. Sind mehrere Leute im Raum, die miteinander reden, bekommst du das zwar mit – den Inhalt der Gespräche nimmst du aber nicht mehr wahr, ist unwichtig geworden. Du weißt, dass der ‚Owner‘ sich um dein Wohl kümmert, dass deine Grundbedürfnisse befriedigt werden, dass du die Zuwendung erhältst, die ein fühlendes Wesen nun mal braucht.
Du wirst die Räume anders wahrnehmen, als bisher. Menschen wirken aus deiner Perspektive sehr groß. Möbel erscheinen dir riesig. Sind andere Doggies dabei, assoziierst du damit ‚Artgenossen‘, ‚Spielkameraden‘. Doggies Blick gilt hauptsächlich Herrchens Hand mit dem Leckerlie, ansonsten ist Doggie neugierig, will alles untersuchen. Fremden – Menschen oder Doggies – begegnet Doggie sehr zurückhaltend. Sie sucht ständig Herrchens Nähe. Ihm vertraut sie, bei ihm fühlt sie sich geborgen.“
Ich höre Peter aufmerksam zu, während er spricht.
„Du legst großes Gewicht auf das Emotionale…“ gebe ich danach mein Kommentar ab.
„Man sagt, Tiere sind Gefühlsmenschen,“ kontert er lächelnd. „Tiere reagieren in allen Situationen nicht rational sondern emotional. Nicht wie wir Menschen, die wir unsere Emotionen vor der Umwelt verstecken, um nicht als Waschlappen zu gelten – und sie dann im stillen Kämmerlein herauslassen… Tiere sind daher oft viel ausgeglichener. Das wirst du feststellen! Ich mag es, wenn du die ganze Gefühlspalette in deiner Rolle zeitnah herauslässt, sei es nun Freude oder Trauer oder alle Abstufungen dazwischen!“
„Damit werde ich mich bestimmt schwer tun,“ meine ich, etwas distanziert.
„Aber, das ist doch völlig normal!“ bricht es aus ihm heraus. Leiser fügt er hinzu: „Ich habe Geduld! Geduld ist das wichtigste Attribut eines Herrn. Ich weiß, dass nichts von Anfang an vorhanden ist, von Anfang an klappt!“
Ich neige den Kopf und sage:
„Ich weiß schon, warum ich mich mit dir getroffen habe, Peter. Trotzdem wird es wohl eine ganze Zeit dauern bis ich ein vollkommen emotionales Lebewesen bin. Im Alltag war bisher anderes gefordert…“
„Die Zeit hast du!“ antwortet Peter in überzeugendem Ton. „Wir beginnen ganz langsam. Zuerst kommen die Nonverbale Kommunikation und die Beschwichtigungssignale.“
„Die ‚sprachlose Verständigung‘ und was für Signale? Warum muss ich dich beschwichtigen? Wirst du schnell sauer?“ frage ich verunsichert.
Peter lacht kurz auf, dann greift er nach meiner Hand und legt seine sanft darüber.
„Echte Hunde können nicht sprechen,“ erklärt er. „Sie kommunizieren trotzdem untereinander und mit uns Menschen. Personen, die jahrelang mit Hunden zusammengelebt haben, können deren Gestik und Mimik im Zusammenhang mit der jeweils aktuellen Situation verstehen. Das nennt man ‚nonverbale Kommunikation‘. Du hast weder einen Schweif, noch bewegliche Ohren. Also ist DEINE nonverbale Kommunikation eingeschränkt. Die Gestik kannst du jedoch erlernen. Dabei sind die Beschwichtigungssignale die wichtigsten: Hunde wollen keinen Streit, also signalisieren sie ‚Ich bin harmlos‘. Außerdem kannst du eine ausgeprägte Mimik zeigen, also zum Beispiel verständnislos gucken, ein freudiges oder trauriges Gesicht machen…“
„Ah,“ mache ich. „Und das bringst du mir alles bei?“
„Ich gebe dir Zeit, dich emotional zu äußern. Und nachher jeweils kommt immer ein wenig positive Manöverkritik, ja,“ bestätigt er lächelnd. „Ich gehe nicht schulmeisterlich vor. Ich sage nur, wo du etwas verbessern könntest.“
„Soll ich dir mal was sagen?“ beichte ich ihm nun. „Ich bin schon ganz kribbelig, wenn ich mich in meiner Phantasie das machen sehe, was du da alles beschrieben hast.“
Peter zuckt lächelnd die Schultern.
„Du hast dir ausdrücklich dieses Treffen nur zum Reden gewünscht. Zum Schauen, ob Sympathie überspringt, wenn wir uns Aug in Aug gegenüber sitzen. Dann wolltest du ein neues Treffen vereinbaren, um das Besprochene einmal auszuprobieren – falls ich dir auch real sympathisch bin!“
„Ja, ich weiß,“ gebe ich zurück, und frage spontan: „Wie findest du mich denn? Könntest du dir mich als deine Doggie vorstellen?“
Peter nickt ernst. Dann lächelt er mir zu.
„Das kann ich! Ich finde dich sehr sympathisch!“
„Mir geht es mit dir genauso,“ gebe ich zu. „Dennoch will ich das Erlebte erst einmal verarbeiten. Du bist mir nicht böse, wenn ich mich verabschiede? Nächstes Wochenende lade ich dich dann zu mir nach Hause ein!“
„Ich habe dir ja vorhin gesagt, dass ich dir jede Zeit der Welt gebe! Ich bestimme den ‚Lehrplan‘ und du die Zeit, die du brauchst! Wer sonst könnte abschätzen, wieviel Zeit du benötigst. - Bist du mit dem Zug hier?“
Ich schüttele aufatmend den Kopf.
„Nein, mit dem Bus.“
Er steht auf und geht an den Tresen im Bahnhofscafe. Ich folge ihm. Als er zahlen will, lege ich drei Euro hinzu. Peter nimmt sie lächelnd. Dann gehen wir aus dem Cafe in Richtung der Bussteige.
„Als Herr bezahle ich aber später unsere gemeinsamen Ausgaben,“ meint er unterwegs.
„Später – ja,“ sage ich und gehe auf die Zehenspitzen.
Ich drücke ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange und sage augenzwinkernd:
„Bis nächste Woche, mein Herr.“
Er zwinkert zurück, legt seinen Arm um meine Schultern und drückt mich kurz an sich.



Nicci (4)
Als ich die lange Nachricht in Hangouts gelesen habe, bin ich baff… Ich muss sie nochmal lesen und nochmal.
Bist du noch da? lese ich nun.
Ja, klar. Ich musste die Nachricht mehrfach lesen, um sie zu glauben. Sie ist so revolutionär..
Es ist schon wieder spät, Nicci. Schlaf dann gut und denk drüber nach. Ich freue mich auf unser Gespräch morgen.
Gern, Peter. Schlaf du auch gut!
Ich schalte das Handy auf Standby und sitze noch ein paar Minuten auf der Couch. Dieser Mann ist es! Da bin ich mir sicher. Mit Peter werde ich mich in der nächsten Zeit treffen und Aug in Aug über unser Thema reden.
Dann mache ich, was Peter sagt. Es ist vernünftig jetzt ins Bett zu gehen, um morgen Früh ausgeschlafen zu sein. Im Bett kann ich eine Zeitlang noch nicht schlafen. Was spreche ich morgen an, um seine Meinung dazu zu erfahren? Schließlich bin ich doch eingeschlafen.
Am Nachmittag des nächsten Tages fällt mir beim Joggen etwas ein. Nach dem Essen um 18 Uhr melde ich mich bei ihm über Hangouts:
Hallo Peter. Sag mal: Wie nah an der Wirklichkeit einer Hundehalter-Hund-Beziehung möchtest du das Dogplay in den Sessions durchführen?
So nah wie möglich. Schau mal, der Hund ist für viele Halter ein Familienmitglied. Er hat viele Freiheiten, bekommt nur dann ein Kommando zu hören, um ihn vor einer Gefahr zu bewahren. Der Hund wird geknuddelt. Es ist nicht schlimm, wenn er einen Spaß mit dem Halter treibt. Der Hund wird kaum bestraft – wenn, dann durch kurzzeitiges Ignorieren. Genauso oder ähnlich stelle ich mir Dogplay-Sessions vor! Der Halter muss sich in seiner freien Zeit immer mit dem Hund beschäftigen. Dazu nutzt er das Kommandotraining, lockert es auf mit Spielen und ein wenig Sport. Doggies kann man noch mit der ‚nonverbalen Kommunikation‘ der Hunde beschäftigen. Du siehst, dass jeder sich nur mit sich selbst beschäftigt, wird nie vorkommen!
Wir texten noch über einiges anderes, bis es wieder Zeit ist schlafen zu gehen. Zum Abschluss frage ich ihn, ob er sich vorstellen kann, sich bald mit mir zu treffen – nur zum Kennenlernen und Reden miteinander, versteht sich – und wann er Zeit dafür hätte. Er meint, das nächste Wochenende böte sich an. Also vereinbaren wir ein Gespräch in einem Cafe in Bahnhofsnähe. Ich schlage vor, dass wir uns am Taxistand auf dem Bahnhofsvorplatz treffen. In der Zwischenzeit hat jeder vom Anderen schon ein Portrait-Foto. Also werden wir nicht aneinander vorbeilaufen.

*

Am Sonntag setze ich mich also am frühen Nachmittag in den Bus zum Bahnhof. Eine halbe Stunde später steige ich dort aus und gehe erst einmal in den Bahnhof. Beim Spazieren an den Schaufenstern der kleinen Läden dort entlang, entspanne ich ein wenig. Dann sehe ich auf der Bahnhofsuhr an der Stirnwand der Halle, dass ich nur noch fünf Minuten Zeit habe. Also gehe ich auf den Vorplatz zum Taxistand.
Fast habe ich die wartenden Taxis erreicht, als hinter mir eine Stimme sagt:
„Nicci?“
Ich drehe mich um und erkenne Peter, der auf mich zu kommt.
„Hallo, Peter,“ begrüße ich ihn erfreut.
Artig gibt er mir die Hand zur Begrüßung und fragt dann:
„Magst du dich dort drüben hinsetzen?“
Er zeigt auf den Außenbereich des Bahnhofscafes.
„Gern,“ antworte ich und nähere mich an Peters Seite einem der freien Bistrotische. Kaum sitzen wir, ist auch schon ein Mitarbeiter zur Stelle und fragt, was wir möchten. Peter nickt mir zu, also bestelle ich mir einen Cappuccino.
„Bringen Sie mir bitte auch einen!“ setzt Peter nach.
Der Kellner nickt und fragt zurück: „Zwei Cappuccino zusammen?“
Peter nickt bestätigend und der Kellner verschwindet in der Tür des Cafes, um wenig später mit der Bestellung am Tisch zurück zu sein.
„Wie war deine Fahrt?“ frage ich in der Zwischenzeit.
„Alles in Ordnung,“ meint Peter. „Keine besonderen Vorkommnisse. Meinen Wagen habe ich hinten im Parkhaus untergestellt.“
Nachdem uns der Kellner wieder allein gelassen hat, lenkt Peter das Gespräch auf unser Thema:
„Du möchtest einmal mit mir eine Petplay-Session machen, meine Doggie spielen? Hast du das schon einmal probiert, also Erfahrung?“
Ich schüttele den Kopf.
„Real noch nicht. Deshalb sollte der Herr, der mir das Petplay näherbringt nicht so ein Kerl sein, dessen Gehirn anscheinend in die Hose gerutscht ist. Mir steht der Sinn nicht nach einem One-Night-Stand, sondern ich möchte das Verhältnis Herr-Hund hautnah erfahren – wie Herr und Hund miteinander umgehen.“
„Dann hast du sicher auch noch kein Equipment…“
„Kein – was?“ frage ich zurück und mache ein verständnisloses Gesicht.
„Zubehör,“ erklärt Peter. „Also ein eigenes Halsband und was es da sonst noch so gibt.“
„Nein,“ ich schüttele meinen Kopf. „Daran habe ich bisher noch nicht gedacht.“
„Es freut mich, dass du mich als deinen ersten ‚Owner‘ erwählt hast – wie das im fachchinesisch heißt,“ sagt Peter und lächelt mich an. „Ich bin ebenfalls nicht an Sex, sondern am Spiel miteinander interessiert. Ich würde mich freuen, wenn ich dir das Petplay nahebringen kann und dabei eine Freundschaft entsteht!“
„Darüber würde ich mich ebenso freuen,“ bestätige ich ihm lächelnd.
„Wo möchtest du die Sessions stattfinden lassen?“ fragt Peter nun.
„Erst einmal bei mir in der Wohnung!“ bestimme ich.
In bekannter Umgebung fühle ich mich sicherer, auch wenn mein Appartement nicht sehr viel Platz bietet.



Freitag, 24. Juli 2020
Nicci (3)
Leider ist er zurzeit nicht online, also schicke ich ihm eine Nachricht auf sein Postfach:
Hallo Petowner,
gerne unterhalte ich mich unverbindlich mit dir, wenn wir mal gleichzeitig online sind. Ich habe noch viele Fragen zum Petplay!
Liebe Grüße zurück,
Beauty
Ich lese noch ein wenig in der Community, dann schalte ich ab, denn dieser PETOWNER ist in der Zeit nicht on gekommen. Ob wir uns jemals auf der Seite treffen?
Am nächsten Tag bekomme ich eine Email auf mein Handy. Ich schaue nach und sehe, dass sie vom ‚Administrator‘ der Community kommt. Es ist eine kurze Benachrichtigung, dass sich eine Mail dort in meinem Postfach befindet.
Ich mache erst noch meine übliche Joggingrunde, dann setze ich mich an meinen Laptop und logge mich in die Community ein. In meinem Postfach bleibt, nachdem ich die Spammails gelöscht habe, eine liegen:
Hallo Beauty,
*lächel* du kannst mich gerne löchern. Ich bin offen für alle Fragen deinerseits und beantworte sie nach bestem Wissen und ehrlich! Das Wichtigste ist jedoch - finde ich -, dass wir uns irgendwie treffen, damit wir uns unterhalten können. Nicht real! Dafür ist es noch zu früh! Aber wenn wir uns hier so oft verpassen, wäre ein Messenger überlegenswert. Damit du mir deine Handynummer nicht nennen musst, versuche mich doch über meine Email-Adresse auf Hangouts zu erreichen.
Liebe Grüße
Petowner
‚Hm, Hangouts?‘ geht mir durch den Kopf.
Whats app habe ich auf meinem Handy. Dafür müssen wir tatsächlich unsere Handynummern austauschen. Da hat er recht! Das ist mir auch noch zu früh. Ich gehe auf sein Profil und schreibe mir seine Email-Adresse ab.
Nachdem ich den Laptop auf die Seite gelegt habe, rufe ich Google auf meinem Handy auf und suche nach ‚Hangouts‘. Kurz darauf kann ich mir den Messenger auf mein Handy laden. Und eine Viertelstunde später sende ich in Hangouts ein „Hallo, Beauty hier“ an seine Email-Adresse.
Es dauert einige Stunden, ich will gerade ins Bett gehen, als mein Handy piept. Ich öffne Hangouts und kann lesen:
Hallo Beauty, entschuldige, dass es so spät geworden ist heute. Magst du mir sagen, wann du morgen Zeit zum Chatten hast?
Ich antworte ihm:
Von 18 bis 21 Uhr bin ich eigentlich täglich erreichbar
Kurz darauf lese ich:
Okay, dann schreib ich dich morgen um 18 Uhr an, wenn ich darf? Hab eine entspannende Nachtruhe und schöne Träume
Ich lächele und schreibe zurück:
Schlaf du auch gut! Bis morgen
Am nächsten Tag kann ich mich im Büro kaum konzentrieren. Der Tag zieht sich wie Kaugummi in die Länge. Endlich ist es 16Uhr und ich kann nach Hause fahren. Beim Joggen kann ich mich auch nicht recht konzentrieren und breche meine Runde vorzeitig ab. In der restlichen Dreiviertelstunde beschäftige ich mich mit Belanglosem. Endlich piept mein Handy.
Hallo Beauty, alles okay bei dir?
Ich lächele. Mir ist, als fällt ein Gewicht von mir ab.
Aber klar. Und bei dir?
;) Bei mir auch! Welche Fragen brennen dir denn auf der Seele?
Oh, da gibt es einige. Du musst wissen, dass ich neu in dem Metier bin. Zuerst muss ich dich loben: Du kehrst mir gegenüber nicht den DOM heraus, wie das so viele Kerle in ihren Mails in der Community tun.
Hm, die brauchen das anscheinend… Ich bin der Meinung, ein Herr muss erstens dominant sein und nicht dominant tun. Also er kann SEINER Sub sagen, was sie tun soll, so sie das mag – aber nicht einer noch Unbekannten gegenüber, die man erst kennenlernen will! Zweitens bedeutet in meinen Augen Dominanz nicht ‚herumkommandieren‘, sondern sich um das Wohl der Sub kümmern, sich um sie sorgen, sie führen…
Führen? Was verstehst du darunter?
Nun, sicher nicht das, was die Anderen darunter verstehen, die dich gleich ‚herumkommandieren‘! Ich will die Sub erst einmal kennenlernen. Ich will wissen, wobei sie sich wohlfühlt. Ich bin neugierig auf ihre Ansichten – und dann führe ich sie mittels Vorschlägen genau dahin. Ich bestimme wohl den Weg…
Siehst du, da unterscheidest du dich von vielen Anderen. Und über deine Art und Weise Dominanz auszuüben, möchte ich gern mehr erfahren
Als wir uns an diesem Abend verabschieden und ich auf die Uhr schaue, bin ich erstaunt, dass wir schon 22 Uhr durch haben. Jetzt muss ich aber machen, dass ich ins Bett komme, um morgen früh pünktlich den Bus zur Arbeit zu erreichen.
An den nächsten Abenden erfahre ich, dass ihm das Dogplay am meisten liegt und dass er geschieden und solo ist – die ideale Jagdbeute für mich! Aber ich muss noch mehr wissen, bevor ich mich mit ihm vielleicht in Bahnhofsnähe in ein Cafe setze und sehe, ob Sympathie überspringt.
In der Community setze ich meine Meinung unter jeden seiner Beiträge, nachdem ich sie mir aufmerksam durchgelesen habe. Stolpere ich über eine Passage, frage ich speziell danach und fordere ihn auf, sie mir zu erklären. Ich stelle fest, dass er sich darüber freut, dass überhaupt jemand die Kommentarfunktion benutzt. Es entwickelt sich hier und da eine kleine Diskussion.
Später frage ich ihn auf Hangout:
Hi Petowner, grüß dich. Ich hoffe, du bist nicht sauer über meine Aktivitäten in der Community?
Er antwortet mir:
Ach was, Beauty. Ich freue mich, dass es zur Beschäftigung mit den von mir angesprochenen Themen kommt! Ich diskutiere gern mit den Leuten. Schafft man es dabei, mich von anderen Werten zu überzeugen, nehme ich auch gerne Abstand von meiner Meinung.
Nein, nein. Ich finde, dass du die richtigen Werte vertrittst! Da ich aber noch neu auf dem Gebiet bin, brauche ich schon hier und da eine vertiefende Erklärung. Ich freue mich, dass du sie mir mit unendlicher Geduld und einfachen Worten lieferst. Das halte ich nicht für selbstverständlich!
Du, ich halte mich nicht für das Maß aller Dinge! Ich muss meine Leser immer da abholen, wo sie stehen.
Weißt du, Petowner… Ach was, ich bin die Nicci
*Lächel* Ich heiße übrigens Peter
Wie wirst du eigentlich von deinen Doggies genannt, Herrchen… Herr?
*lach* Wenn die Doggie den Titel braucht, soll sie mich so nennen. Früher hatten die Männer in den Familien noch das Sagen. Das war selbstverständlich. Da rüttelte früher noch niemand dran. Trotzdem hat die Frau ihren Mann nicht Herr genannt – und trotzdem hat sie sich seinem Urteil gebeugt. Heute – wenn dir mein Urteil im Alltag wichtig ist, wenn du meine Sub wärst, dann tust du was ich sage – ohne mich Herr zu nennen. Wenn du meine Entscheidung für falsch hältst, musst du nicht blind folgen, sondern sagst mir deine Meinung. Schließlich wird sich ein Kompromiss finden! Ich breche mir keinen Zacken aus der Krone, wenn ich schließlich sage: Wir machen das so und so – und was wir machen ist weitgehend „auf deinen Mist gewachsen“!!



Nicci (2)
„Das wird ja nicht ewig andauern!“ sage ich und knuffe ihn in die Seite. „Im Moment fühle ich mich ganz gut so.“
„Wenn du in ein paar Wochen Abstand gewonnen hast und dich wieder nach Männern umschaust, wie sollte der denn beschaffen sein?“ fragt er weiter.
„Hm, so einen Waschlappen wie Mike muss es nicht wieder sein!“
„Er war ja mal ein Anderer! Solange er erfolgreich war, war er das Gegenteil von dem, wie er sich jetzt darstellt…“
„Richtig, seine Selbstverliebtheit fand ich anfangs amüsant. Aber dann begann er immer mehr, sein eigenes Ding durchzuziehen. Ich war nur gut für die Hausarbeit und fürs Bett. Ich habe aber auch noch meine Arbeit!“
„Ein Weichei, das dir im Haushalt hilft, wäre also jetzt dein Favorit?“
Ich bin Alex dankbar, dass er mich jetzt unter dem Eindruck der vergangenen Erlebnisse zum Grübeln bringt; dass ich mich über meine Zielperson in einer zukünftigen Suche langsam klar werde.
„Ein neuer Kontakt braucht erst einmal viel Geduld. Ein großes Maß an Empathie und Einfühlungsvermögen sollte ihn auszeichnen. Ich suche erst einmal einen Freund bei dem man sich anlehnen kann und keine Bettgeschichten!“
„Das ist deiner schlechten Erfahrung jetzt geschuldet. Das verstehe ich,“ meint Alex und legt seine Hand kurz auf meine. „Während du mit ihm befreundet bist und ihr einiges gemeinsam unternehmt, lernst du den Neuen näher kennen. Auf was achtest du dabei?“
„Auf keinen Fall wieder so ein Schönling!“ bricht es aus mir heraus. „Ein durchschnittlicher Mann mit Macken, der Intelligenz, Macht und Körperkraft beweist, gepaart mit Geduld und Empathie.“
„Hm.“ Alex schaut zweifelnd. „Du suchst einen Boxer? Oder den Anführer einer Gang?“
„Nein!“ Ich schaue ihn mit großen Augen an. „Ich will nicht eine von mehreren Stuten sein, die er am laufen hat! Ich will die einzige Frau sein, nach der er sich sehnt. Ich möchte weiche Knie bekommen in seiner Nähe. Er soll mir seine ganze Aufmerksamkeit schenken, mich beschützen, mir Geborgenheit vermitteln. Er soll mich glauben lassen, es sei das Wichtigste auf der Welt, ihm zu gefallen. Ich will ihm etwas bedeuten, nicht ignoriert oder vernachlässigt werden!“
Ich mache einen tiefen Atemzug und schaue Alex an, der ungläubig lächelt. Nach einer Weile rede ich weiter:
„Der richtige Mann schenkt mir eine Menge Aufmerksamkeit, vielleicht sogar mehr als mir manchmal lieb ist. Er ist neugierig auf meine Gedankengänge, er begehrt mich und zeigt, dass ich sein bin, indem er stets nach meinem Wohl trachtet.“
„Hm,“ macht Alex noch einmal. „Meinst du, so einen Mann lässt sich finden? Jedenfalls nicht in unserer Altersklasse! Vielleicht ein Gentleman alter Schule, der so etwas Patriarchalisches an sich hat, ohne gleich sooo alt zu sein!“
Er grinst bei seinen letzten Worten.
Ich zucke mit den Schultern und zwinkere ihm zu.
„Er muss ja nicht hundertpro in das Schema passen! ‚Ein durchschnittlicher Mann mit Macken,‘ sagte ich ja zu Beginn. Das andere sind Träumereien. Wenn der Mann davon das eine oder andere hat, fände ich das wunderbar…“
„Na, wir werden sehen,“ antwortet Alex.
Er bleibt noch eine Weile, dann verabschiedet er sich.

*

In den folgenden Wochen bleibe ich meinem Hobby ‚Joggen‘ treu, aber ich durchforste auch das Internet nach Seiten, auf denen ich meinem Traummann begegnen könnte. Über die Suchmaske, die ich bei der Einweihungsparty mit meinem Bruder Alex entworfen habe, komme ich schließlich an BDSM-Communities. Erschreckt lasse ich ein paar Tage die Finger davon. Dann überwiegt meine Neugier und ich beginne mich zu informieren.
Nach mehreren Wochen Recherche und dem Verfolgen von entsprechenden Chats imponieren mir die Aussagen einiger Leute aus dem Petplay-Bereich. Die Vorstellung, jemandes Pet zu sein, lässt mich ständig feucht werden, wenn sie vor meinem inneren Auge materialisiert. Besonders geil machen mich dabei die Aussagen, dass es zwei Arten von Zuneigung gibt, die sich gleichen, wie ein Zwilling dem Anderen: Die Zuneigung zwischen Eltern und Kind einerseits und die Zuneigung zwischen Mensch und Haustier andererseits. Diese Aussage auf das Petplay übertragen, macht mich richtig heiß.
‚Was für ein interessantes Konzept,‘ denke ich mir, und nehme mir vor, mehr darüber in Erfahrung zu bringen.
Dennoch, viele der Leute dort lehnen ihr Petplay an SM-Praktiken an. Das stößt mich ab! Ich will als Pet nicht aus Angst vor schmerzenden Strafen, den Kommando gehorchen, ich will keinen Zwang spüren, sondern ich möchte aus Vertrauen, dass der Herr auf mein Wohl achtet, auf seine Kommandos hören. Trotz allem muss ich also auch hier die Spreu vom Weizen trennen.
Schließlich melde ich mich in einer Community an. In mein Profil schreibe ich, dass ich erst einmal keinen Kontakt wünsche, sondern mich in Ruhe umzuschauen gedenke. Trotzdem bekomme ich infolge öfter eindeutig zweideutige Nachrichten in meinem Postfach. Manche sind auch so dreist, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und sofort ihr Anliegen anzusprechen. Ich muss das wohl hinnehmen. Schließlich gibt es den Löschknopf!
Langsam lese ich mich durch die spärlichen Beiträge im Forum. Ich bemerke, dass Petplay nicht gleich Petplay ist. Die meisten Community-Mitglieder sind Ponyplayer. Dann folgen die Cat- oder Kittyplayer. Danach folgen die Dogplayer, Cowplayer, Pigplayer – in dieser Reihenfolge - und schließlich noch einige Exoten. Die Beiträge im Forumsbereich für Dogplayer interessieren mich besonders. Besonders diejenigen eines bestimmten Mitgliedes. Ich schaue mir sein Profil an und bin gleich positiv berührt.
Nur ein Problem sehe ich: Der Mann ist siebzehn Jahre älter als ich. Mir fällt Alex‘ Bemerkung dazu bei der kleinen Einweihungsparty ein. Ich zucke mit den Schultern und drücke auf den Kontaktknopf. Das System sendet dem Mann nun eine Freundschaftsanfrage. Dann schalte ich meinen Laptop aus und atme tief durch. Eine Freundschaftsanfrage ist erst einmal unverbindlich. Mal schauen, ob er hält, was sein Profil verspricht!
Ein paar Tage später logge ich mich wieder in die Community ein. Wie üblich muss ich erst wieder einige Spam-Mails in meinem Postfach löschen. Ich habe mir angewöhnt, immer als erstes den ‚großen Besen‘ auszufahren, bevor ich mich weiter durch die Beiträge der Nutzer lese.
Plötzlich stutze ich. Eine der Mails, die seit meinem letzten Besuch in der Community aufgelaufen sind, trägt als Absender den Mann, dem ich die Freundschaftsanfrage geschickt habe. Mein Finger zittert leicht, als ich den Cursor über den ‚Öffnen‘-Button bewege. Ich lese:
Hallo Beauty,
gern habe ich deiner Freundschaftsanfrage entsprochen. Ich muss gestehen, dass ich mir dein Profil neugierig durchgelesen habe. Gerne können wir uns über unser beider Ansichten über Petplay unterhalten! Natürlich nur, wenn du an einem unverbindlichen Chat interessiert bist…
Liebe Grüße
Petowner
‚Bei einem unverbindlichen Chat in der Community vergebe ich mir nichts. Ich kann jederzeit abschalten, wenn es mir zu dumm wird,‘ denke ich und schaue, ob der sogenannte PETOWNER gerade online ist.



Nicci (1)
Mein Freund geht mir im Moment gewaltig auf die Nerven. Gut, dass ich nach der Arbeit mit Joggen etwas abschalten kann. Vor zwei Jahren sind wir zusammengezogen. Was bin ich damals verliebt gewesen! Ich habe mir eine rosarote Zukunft an seiner Seite ausgemalt. Schon bald darauf sind die Seifenblasen geplatzt.
Er hat sich als Egozentriker herausgestellt. Zuerst habe ich noch darüber gelächelt, dass er fürs Styling morgens im Bad beinahe länger gebraucht hat als ich. Ich habe es durch die rosarote Brille betrachtet und bin so stolz auf ihn gewesen. Dass er im gemeinsamen Haushalt keinen Finger krumm gemacht hat, habe ich ihm nicht übelgenommen. Mein Vater ist genauso gewesen. Das muss daran liegen, dass es halt Männer sind, habe ich mir gedacht.
Dann liest man auf einmal in allen Zeitungen – und es kommt auf allen Programmen -, dass es bei Silvesterfeiern in einer westdeutschen Stadt zu Übergriffen auf Frauen gekommen ist. Ihn schien das nicht sonderlich zu berühren. Tage später komme ich von einer Feier bei meinem Bruder nach Hause – es ist schon dunkel -, als mir auf dem Weg zum Hauseingang des Wohnblocks, in dem wir wohnen, eine dunkle Gestalt begegnet. Mein Herz rutscht in die Hose. Ich beeile mich zum Eingang zu kommen und drücke den Sprechknopf unserer Wohnung.
„Ja?“ antwortet mein Freund.
Er ist nicht mit auf die Feier gekommen, weil ihm angeblich nicht gut gewesen ist. Stattdessen legt er sich etwas hin, hat er beim Abschied gesagt.
„Mike, kommst du bitte mal runter!“ rufe ich aufgeregt ins Mikrofon.
„Was ist denn?“ fragt er unwirsch zurück.
„Komm einfach mal runter!“ fordere ich ihn mit zitternder Stimme auf.
Es klackt und kurz darauf geht das Licht im Treppenhaus an. Das beruhigt mich etwas.
Weiter hinten beginnen die Lämpchen des Aufzugs zu wandern und kurz darauf öffnet er die Haustür.
„Was ist los?“ fragt er.
Als er mich anspricht, weht mir eine Alkoholfahne entgegen.
Ich schlüpfe durch den Türspalt nach drinnen und sage: „Draußen bin ich einer unheimlichen Person begegnet… Du hast getrunken?“
Das ist völlig unüblich! Er hat sich noch nie betrunken bisher. Das passt einfach nicht zu seiner Selbstverliebtheit.
„Ich habe Sport geschaut,“ meint er nur.
Wir fahren gemeinsam hoch in die Wohnung. Auf unserer Couch liegen einige Kissen so, dass er bequem auf der Seite liegen kann. Vor der Couch stehen ein paar Flaschen verschiedener alkoholischer Getränke. Wir haben ja nicht viel im Haus, aber verschiedene Sorten für verschiedene Gelegenheiten. Auf dem Boden liegen außerdem einige Papiere. Ich sammele sie auf. Es interessiert mich doch, um was es sich handelt. Darunter finde ich seine Kündigung. Als ich ihn darauf anspreche, dreht er sich auf der Couch um und spielt die Mimose. Plötzlich ist er nicht mehr der Mann, den ich vor fast fünf Jahren kennengelernt habe, so selbstsicher und souverän. Jetzt ist er nur noch ein Häufchen Elend.
Ich räume die Papiere erst einmal in eine Schublade und bringe die leeren Flaschen in die Küche. Dann setze ich mich auf eine Ecke der Couch und versuche, ihn mit Streicheln zu beruhigen. Er schüttelt aber meine Hand ab und ruft etwas heftig aus:
„Lass mich in Ruhe!“
Also ziehe ich die Hand zurück und gehe ins Schlafzimmer, da ich ja auch schon ziemlich müde bin. Am Morgen des nächsten Tages, einem Sonntag, wache ich auf und finde mich einsam in meinem Bett liegend. Ich stehe auf und schaue als erstes ins Wohnzimmer. Er liegt auf der Couch und schnarcht.
Das beruhigt mich soweit, dass ich mich im Bad für den Tag vorbereite und dann in der Küche das Frühstück zubereite. Dann gehe ich zu Mike und rüttele ihn an der Schulter.
„Guten Morgen, Schatz! Die Sonne scheint; das Frühstück ist fertig!“
Er lässt nur ein Brummen von sich hören, also frühstücke ich nun ohne ihn. Danach gehe ich nach draußen joggen. Eine halbe Stunde später bin ich wieder zurück und finde ihn auf der Couch sitzend, den Kopf in die Hände gestützt. Auch jetzt schickt er mich wieder fort, als ich mich ihm tröstend nähern will. Die Küche sieht ziemlich unordentlich aus. So habe ich sie vorhin nicht verlassen. Hat er vielleicht weiteren Alkohol gesucht?
„Hör mal,“ sage ich zu ihm, nachdem ich mich vor ihm aufgebaut habe. „Eine Kündigung ist kein Weltuntergang! Wir durchforsten jetzt gemeinsam das Internet nach Anzeigen, die zu dir passen!“
Er zuckt nur mit den Schultern. Sein Elan ist wie weggeblasen. Also nehme ich mir unseren Laptop und gehe damit zum Esstisch, da Mike die Couch belegt. Bald habe ich ein halbes Dutzend Anzeigen zusammen und schicke sie zum Drucker. Mit den Blättern gehe ich zum Couchtisch und lege sie ihm vor.
„Hier!“ spreche ich ihn an. „Schau, was ich für dich gefunden habe!“
Er wischt die Blätter mit einer unwirschen Handbewegung vom Tisch herunter.
„Hör mal!“ meine ich empört dazu. „Schau sie dir wenigstens an! Und morgen schreibst du deine erste Bewerbung!“
Wieder ist ein Brummen seine einzige Antwort. Ich beginne nun mit der Hausarbeit und dem Mittagessen. Er kommt diesmal tatsächlich an den Esstisch, stochert aber nur im Essen herum. Später verlässt er die Wohnung mit der Bemerkung, dass er zu einem Kumpel geht.
‚Nun gut,‘ denke ich. ‚Vielleicht schafft der ihn aufs Gleis zurück zu bringen.‘
Nach der Hausarbeit setze ich mich mit einem Orangensaft vor den Fernseher. Als ich schließlich ins Bett gehen will, wird es laut an der Wohnungstür. Ich öffne und finde drei Mann im Eingang stehend. Mike ist von zwei Kumpels nach Hause gebracht worden! Er hängt in den Armen der beiden Anderen, die auch getrunken haben müssen…
Ich dirigiere die Gruppe zur Couch und bedanke mich bei den Kumpels. Dann komplimentiere ich sie hinaus. Zurück im Wohnzimmer tönt mir schon regelmäßiges Schnarchen entgegen. Die Stirn besorgt in Falten gelegt, aber doch für den Moment resigniert, gehe ich nun ebenfalls schlafen. Am nächsten Tag muss ich schließlich früh zur Arbeit.

*

So geht das jetzt schon drei Wochen. Mein Freund ist kaum ansprechbar. Er liegt mir quasi nur noch auf der Tasche. Aber wir sind doch mal so glücklich gewesen. Ich liebe ihn noch. Um den Kopf frei zu bekommen, jogge ich nun täglich bis zu einer Stunde. Aber irgendwann muss ich ja nach Hause. Jemand muss sich schließlich um die Hausarbeit kümmern.
Ich frage Alex, meinen Bruder, was ich tun kann. Zunächst zeigt sich eine Zornesfalte auf seiner Stirn und er poltert los, dass ich erschreckt zurückweiche. Dann wird er ruhig, macht einen Schritt auf mich zu und nimmt mich in den Arm.
„Schmeiß den Kerl raus!“ sagt er. „Du hast es nicht nötig einen Schmarotzer mit durchzufüttern. Wenn er mit der Situation nicht klar kommt, muss er noch einiges lernen fürs Leben!“
„Wie soll ich das machen?“ frage ich leise. „Die Einrichtung haben wir gemeinsam gekauft. Das Meiste hat er bezahlt. Ich habe ihn ja inzwischen dazu gebracht, dass er zum Arbeitsamt gegangen ist, denn ohne sein Geld könnten wir die Wohnung nicht halten!“
„Dann mache es so: Suche dir eine kleine Appartementwohnung und richte sie dir heimelig ein. Dann nimm alles aus eurer Wohnung, was du brauchst und schreibe dem Vermieter eine Änderungskündigung. Darin bezeichnest du Mike als alleinigen Mieter ab dem nächsten Ersten und gibst sein Girokonto an. Bei der Bank kündigst du deinen Dauerauftrag ‚Miete‘, und dann wird alles gut! Um Möbel aus der Wohnung in dein neues Appartement zu bringen, komme ich mit ein paar Kumpels vorbei.“
Ich drücke ihn und bedanke mich mit einem Kuss auf die Wange. Mit neuem Lebensmut nehme ich all das in Angriff, was Alex vorgeschlagen hat. Wochen später mache ich eine kleine private Einweihungsfeier, bei der Alex zwischen zwei Bissen von der selbstgemachten Pizza fragt:
„Wie fühlst du dich jetzt?“
„Viel besser! Danke dir, Alex. Und sag auch deinen Kumpels meinen Dank!“
„Werd‘ ich gerne machen,“ antwortet er lächelnd. „Und wie ist das Single-Dasein?“



Mittwoch, 22. Juli 2020
Napfkompatibles Essen für die Pets
Unter diesem Titel gab es einen rege besuchten Beitrag auf einer Petplayer-Seite im Netz. Wieder habe ich die Kommentare der User anonymisiert, um sie euch nicht vorzuenthalten:

- Mir würde spontan Rührei einfallen. Dieses lässt sich um beliebig viele Zutaten wie Gemüse, Käse, Speckwürfel erweitern und mittels Öle oder anderer Zutaten und Gewürze geschmacklich sehr variieren.

- Reis war schwierig, weil man all die kleinen Reiskörner hatte und das war anstrengend zu essen. Ich hatte nämlich vorher auch gedacht, das müsste gut funktionieren. Nein.
Was ganz gut ging, waren Gnocchi Und kurze Nudeln mit Tomatensoße oder so.
Brot wurde in kleine Würfel geschnitten, das geht auch. Und mit Marmelade bestrichen, weil Marmelade toll ist.

- Hähnchenbrust, Ratatouille und dazu Kartoffel ist ganz gut zu essen. Nudelaufläufe könnte ich mir auch gut vorstellen...

- Nuggets ( Gemüse oder Fleisch), Rosenkohl, Kartoffelspalten, Maultaschen, Tortellini.....
Das kann alles in mundgerechte Stücke geschnitten werden.

- Alles, was von einigermaßen fester Konsistenz ist...und was man in mundgerechte Stücke schneiden kann. (Fleisch, sämtliches Gemüse, Kartoffeln, Brot, Käse usw.)
Also nix, was breiig oder matschig ist oder auseinanderfällt.

- Ich muss hier auch die Fraktion vertreten, die eher für feste, mundgerechte Stücke ist.
Breiartiges und flüssiges ist wirklich sehr anstrengend.
Tortellini fand ich gut und Pizza in Stückchen geschnitten. Oder vielleicht Sushi? Pommes? Kroketten?

- Schnitzel (kleingeschnitten) in allen Variationen und Pommes.

- Also ich könnte mir alles vorstellen, das relativ trocken ist und klein.
zB:
Minifrühlingsrollen, kleingeschnittenes Fleisch, Mini-Gugelhupf, Pralinen, Eiskugel (kann man lecken). Fleischklößchen, Sushi, Cocktailtomaten, Kartoffeln, grüne Bohnen (oder dicke Bohnen), gekochte Eier (da kann man auch abbeißen), Schokoladestückchen, Chicken Nuggets... Vieles sollte einfach nur kleingeschnitten gehen, wie zB Pizza

- Gurke und Tomate in Mundgerechte Stücke und dazu gebratene Hähnchenbrust in Würfel oder Schafskäse und Brotcroutons.

- Was sich wirklich sehr gut eignet sind kleine gefüllte Teigtaschen.
Es gibt praktisch fast unendliche Variationen diese zu füllen, je nach eigener Vorliebe bzw. die des Herrn. Und man kann darin auch ansonsten eher schwer aus dem Napf zu essende Lebensmittel verpacken, so z.B. den von dir angesprochenen Reis. Mit etwas Kreativität und Übung kann man eine vollständige und ausgeglichene Mahlzeit in den Teig packen. Abhängig von der Konsistenz des Inhalts, kann man normal große Teigtaschen zubereiten und diese später in mundgerechte Stücke zerschneiden oder für die Sub zusätzlich extra kleine Taschen backen (lassen) ...

- Mir würden noch alle Formen von Aufläufen einfallen. Nudelauflauf, Kartoffelauflauf, Brokkoli... usw.

- Spirelli gehen super, besonders lecker mit Schinkenwürfel und Ei in der Pfanne gebraten.
Ansonsten wie du schon sagtest Schnittchen.

- Ich habe bisher alles mögliche daraus gegessen, gemein waren Spaghetti, gut gingen Gemüsepfannen, teilweise mit kleinen Fleischstreifen, kleingeschnittene Crêpes mit allen möglichen Füllungen, Ratatouille, Thai-Curry mit wenig Soße und Klebreis ... fest kochende Kartoffeln mit irgendetwas geht auch ganz gut. Das Problem bei meinen Essensempfehlungen ist, dass es mir recht egal ist, wie einfach sie zu essen sind. Zum Frühstück habe ich häufiger mal Müsli bekommen, das war mittel bis schwieriger, bis die Idee aufkam, keine Flüssigkeit dafür zu nehmen, sondern den Hafer mit etwas Honig zusammenzukleben. Dazu Nüsse und Rosinen fand ich sehr lecker und es ging schnell.

- Wir sind Fans der klassischen Köstlichkeiten aus der französischen Küche, so z.B. ein Boeuf Bourguignon. Es ist gut vorzubereiten, das Fleisch kannst Du mundgerecht schneiden, die Kartoffeln ja auch und es muss im Napf ja nicht mit der Rotweinsauce schwimmen, aber stell Dir nur vor, wie nah Du dann mit der Nase an dem Aroma des Rotweins, der Kräuter, etc. bist. Das müsste ja eine regelrechte Offenbarung sein.

- Jetzt kann ich auch erste Erfahrungen beisteuern:
Mein Sub hat nun zum ersten Mal aus einem Napf gegessen und getrunken. Ob er das mit dem Essen ausprobieren möchte, habe ich ihm freigestellt, aber da er selbst neugierig war, hat er zugesagt und es gab es ein Nudelgericht mit Gemüse. Es gab ein wenig Geschmiere, da müssen wir noch etwas optimieren bzw. er üben.
Die Näpfe haben 700 ml Fassungsvermögen, was sie auch mind. haben sollten, sonst wären sie zu klein.
Trinken (nur Wasser) klappt einwandfrei und ist eigentlich sehr praktisch, da man dazu die Hände nicht frei haben muss.
Es hat uns beiden viel Spaß gemacht.