Geräusche der Nacht -55
Während des Geplänkels im Flur habe ich mein Zimmer erreicht und die Tür geöffnet. Mein Blick fällt als Erstes auf den Kuchen auf meinem Schreibtisch. Die Kerze ist inzwischen heruntergebrannt, aber das macht nichts! Ich wende mich zu Mama um und falle ihr dankbar um den Hals.

"Du solltest mehr an dich denken, Tessie," rät sie mir versöhnlich. "Das Tierheim ist nicht so wichtig!"

"Papa hat es gegründet!" antworte ich, und wische mir die Freudentränen von den Wangen. Jetzt bin ich es, die vorwurfsvoll klingt.

"Ja, ja, ich weiß!" entgegnet mir Mama. "Und dann muss uns der Scheißkerl verlassen!"

"Papa hatte einen Unfall!" berichtige ich ihre Vergangenheitsverdrehung. "Er ist mit dem Segelflugzeug abgestürzt!"

"Warum musste er auch dieses gefährliche Hobby haben?! Andere Väter gehen mit ihren Familien in Freizeitparks..."

In diesem Moment hupt ein Auto vor dem Haus. Mama wird hektisch.

"Ich muss mich beeilen! Frank wartet schon..."

Sie läuft in ihr Schlafzimmer und nimmt den gepackten Koffer von Papas Seite des großen Bettes.

"Du kommst auch wirklich klar ohne mich? Wir bleiben auch nur zwei Nächte in Hamburg! Dienstagmittag bin ich wieder zurück! Mach es gut, Liebes," sagt sie besorgt, während sie das schwere Ding zur Wohnungstür rollt.

"Natürlich komme ich klar!" versuche ich überzeugend zu klingen und sie zu beruhigen. "Genauso wie ich bei deinen Reisen mit Björn klargekommen bin. Oder bei Michael, oder Manfred, oder..."

"Der Letzte hieß Michael!"

Mama ist in der Tür stehen geblieben und legt die Stirn in Falten. Das Hupen wird drängender. Sie wendet sich mir noch einmal zu und nimmt mich kurz in den Arm.

"Mach es gut, meine Große!"

Ich lächele sie an.

"Bis Dienstag, Mama! Entspanne dich und habt schöne Tage in Hamburg!"

Wieder hupt es unten. Mama winkt mir lächelnd zu und öffnet die Wohnungstür. Ich schicke ihr eine Kusshand hinterher bevor die Tür zufällt. Seit Papa tot ist, hat Mama bestimmt ein Dutzend Liebhaber verschlissen. Anscheinend kommt keiner der Männer an Papa heran...

*

Nachdem Mama weggefahren ist, werfe ich mich auf mein Bett und nehme mein Lieblingsbuch zur Hand. Auf dem Bauch liegend, die Füße in die Luft gestreckt, lese ich die Abenteuer von Prinz Eisenherz.

Als sich mein Magen meldet, gehe ich in die Küche und schaue, was Mama vorbereitet hat. Dann entscheide ich mich aber für ein breites Stück von meinem Geburtstagskuchen und nehme einen Teller mit in mein Zimmer. Den Rest des Kuchens trage ich in die Küche zurück und stelle ihn in den Kühlschrank.

Danach schiebe ich meine Lieblings-CD in die Stereo-Anlage im Wohnzimmer und drehe die Musik auf. Ich hüpfe über Sessel und Couch, als wären es Trampolins, bis es an der Tür klingelt. Schnell drehe ich die Musik leiser und öffne die Wohnungstür. Draußen steht die alte Frau von nebenan.