Montag, 8. Juni 2020
Cherie - 10
Wie ich an den Ansagen während der Fahrt höre, lässt sich Paul vom Navi leiten. Ich kann zwar durch die getönten Scheiben nach draußen schauen, aber nach wenigen Kilometern Autobahnfahrt hat die vorbeiflitzende Landschaft meine Augen so ermüdet, dass ich sie schließe und kurze Zeit später muss ich wohl eingeschlafen sein.
Durch das Öffnen der Heckklappe werde ich wach. Ich stemme mich hoch und schaue an Paul vorbei. Hinter ihm steht ein Haus, das aussieht, als hätte man ein Dach gleich auf den Erdboden gebaut. Neben ihm steht ein älterer, freundlich dreinblickender Mann.
Paul öffnet die Gittertür des Käfigs und hält mit eine Trinkflasche hin. Dankbar nehme ich einen Schluck. Während ich ins Freie klettere hat Taps mit einem Sprung den Wagen verlassen. Sie hat die Fahrt zusammengerollt an meiner Seite außerhalb des Käfigs verbracht.
Der Parkplatz ist geteert. Zum Haus führt ein Weg aus Gehweg-Platten. Paul legt mir schnell noch das Equipment an, dann gehe ich neben ihm her auf den Spezial-Ballerinas und Pfotenfäustlingen. Genau wie Taps bin ich dabei mit meinem Kopf auf Höhe seiner Beine. Er hat uns gelehrt, nicht voraus zu laufen, wenn es heißt „BEI FUSS“ zu gehen.
Dieter, wie der ältere Mann heißt, öffnet die Eingangstür in der dreieckigen Front und führt uns zuerst im Haus herum. Gleich hinter dem Eingang liegt der großzügige Empfangsbereich mit Garderobe und Toilette. Rechts daneben zeigt er uns eine zum Wohnbereich offene Küche. Die Bereiche Kochen, Essen und Wohnen gehen unmerklich ineinander über. Die verglaste Rückfront des Hauses öffnet sich zur großen überdachten Terrasse. Dahinter liegt eine Rasenfläche in deren Mitte ein Schwimmbecken in den Boden eingelassen ist. Rund um die Rasenfläche gruppieren sich dicht an dicht mannshohe Koniferen, so dass der Garten kaum einsehbar ist.
Zurück im Haus führt Dieter uns nun die Treppe hinauf. Durch doppelt tiefe Stufen wirkt die Treppe überhaupt nicht steil, was mir auf allen Vieren sehr entgegen kommt. Oben befinden sich zwei Schlafzimmer und direkt über der Küche zur Straßenseite hin eine geräumiges Bad.
„Na, wie gefällt euch das Haus?“ fragt Dieter.
Paul antwortet: „Das ist ein wunderschönes Haus. Hier könnte ich mir vorstellen zu leben!“
Dieter lächelt: „Dann bauen wir bald weitere Häuser, und du bekommst eins davon!“
„Aber, zuerst muss ich hier eine Arbeitsstelle finden, bevor ich an so etwas überhaupt denken kann,“ schränkt Paul ein.
„Darüber wollte ich noch mit dir reden,“ meint Dieter.
Paul schaut interessiert, doch Dieter wiegelt erst einmal ab: „Noch ist nichts spruchreif, aber hier entstehen Arbeitsplätze in der Holzwirtschaft. Ich habe ja darüber schon einmal gesprochen. Kommt erst einmal in die Küche. Ihr müsst doch hungrig sein.“
Ich reibe mich an Pauls Bein und schaue ihn mit verkniffenem Gesicht an, denn in meiner Rolle soll ich mich nur über Gestik und Mimik verständlich machen, ganz so wie Taps auch.
„Du musst mal?“ rät Paul.
Ich nicke kurz und senke den Kopf. Also lässt er mich von der Kette und öffnet mir die Badtür. Ich mache ein fragendes Gesicht und strecke ihm die Hand im Pfotenfäustling entgegen.
Paul lächelt und geht in die Hocke. Er zieht mir die Pfotenfäustlinge aus und sagt:
„Jetzt kannst du sicher alleine auf die Toilette.“
Ich nicke und er ruft:
„Taps!“
Unsere Mops-Hündin läuft auf Paul zu und springt an ihm hoch.
„Aus, Taps! Bei Fuss!“
Während ich mich auf die Toilette im Bad zurückziehe, gehen Dieter und Paul mit Taps die Treppe hinunter.

*

Nachdem wir das Haus besichtigt haben, und Dieter mit uns in die Küche gehen will, um ein Mittagessen zu zaubern, muss Lena zur Toilette. Ich lasse sie sich oben im Bad erleichtern.
Auf der Treppe fragt mich Dieter:
„Du hättest mit deiner Cherie in den Garten gehen können oder sie oben auf die Hundetoilette lassen können. Feuchtes Toilettenpapier für ihre Pflege ist auch vorhanden…“
„Cherie ist erst kurz meine Doggie, und noch nicht 24/7. Ich möchte sie allmählich einfühlsam auf Doggie trainieren, wie du mir ans Herz gelegt hast. Das gemeinsame Gassigehen kommt sicher bald,“ erkläre ich ihm.
Er lächelt und nickt.
„Ich finde es gut, wie du das angehst!“
„Es ist wie eine langsame Metamorphose, allein auf mentaler Basis. Genau wie du mir es ans Herz gelegt hast, wenn ich eine Doggie aufnehme,“ antworte ich.
„Ja, die ‘positive Verstärkung‘ zusammen mit der schrittweisen Hinführung! Ich halte nichts von Zwang und Eile,“ bekräftigt Dieter.
Kurz darauf kommt Lena auf allen Vieren die Treppe hinunter. Sie schaut kurz zur Küchentür herein und ist dann wieder verschwunden. Ich runzele die Stirn, gehe zur Tür und schaue rechts und links. Keine Doggie zu sehen. Da sie nicht vor die Tür gegangen sein kann, gehe ich ins Wohnzimmer und muss grinsen. Sie liegt mit dem Rücken zum Kamin auf der Seite, die Essecke im Blick. Taps hat sich vor ihren Bauch gelegt und lässt sich kraulen.
Ich gehe, immer noch grinsend, in die Küche zurück, um Dieter weiter zu helfen. Er schaut auf und fragt:
„Was ist denn so lustig?“
„Cherie und Taps liegen dösend vor dem Kamin und warten anscheinend auf ihr Essen.“
„Ein Herr hat nun einmal so seine Pflichten. Eine davon ist die Verpflegung seiner Pets,“ gibt er mir zur Antwort, nun ebenfalls grinsend. Dabei kneift er kurz ein Auge zu.
Bald sind wir fertig. Dieter hat drei Lachsfilets im Ofen gebacken und immer wieder mit Olivenöl eingepinselt. Zum Schluss bekommen sie eine Petersilienkruste. Dazu gibt es Salzkartoffeln und Mischgemüse mit einer hellen Soße, für die er das Gemüsewasser weiterverwendet hat.



Cherie - 09
Ich bin erstaunt. Das Wort ‚Session‘ habe ich noch nicht gehört. Also treffen sich die Leute, um ihrer Neigung nachzugehen, auf Zeit, für Stunden oder Tage, und gehen dann wieder auseinander…
„Noch nicht einmal in derselben Stadt,“ bestätigt Biggi. „Peter ist ein wunderbarer Herr. Er trainiert mich auf Hund. Aber mit ihm vierundzwanzig zu sieben zusammenleben könnte ich mir nicht vorstellen. Der berühmte Funke will einfach nicht überspringen, verstehst du…“
Sie lächelt mich an.
„Vierundzwanzig zu sieben…“ wiederhole ich den Begriff, den sie benutzt hat, mit verständnisloser Miene.
„Ja, vierundzwanzig Stunden pro Tag an sieben Tagen die Woche – und 365 Tage im Jahr…“
„Ah, also für immer zusammen sein mit ihm kannst du dir nicht vorstellen.“
„Du bist aber mit deinem Kerl zusammen,“ platzt es aus ihr heraus.
Bei dem Wort ‚Kerl‘ schrecke ich etwas zurück, obwohl ich die Männer früher selbst so betitelt habe. Ein warmes Gefühl durchströmt mich, als ich nun Paul vor meinem inneren Auge sehe. Ich schaue mich nach ihm um. Er beteiligt sich gerade beim Umbau des Parcours.
„Ja, ich bin mit Paul zusammen,“ bestätige ich.
„Du Glückliche,“ bemerkt sie. „Ich konnte sehen, wie vertraut ihr miteinander seid.“
„Er sagte mir mal, dass es neben der körperlichen Liebe noch die seelische gibt. Beide gemeinsam ergeben erst ein rundes Bild. Er hat mir versprochen, sich stets um mich zu kümmern, auf mich zu achten, für mich zu sorgen.“
„Aber damit gibst du etwas wichtiges auf, Lena. Deine Selbstverantwortung! Was ist, wenn ihr einmal auseinander geht? Dann kommst du im Alltag nicht mehr klar!“
„Wir werden niemals auseinander gehen!“ behaupte ich im Brustton der Überzeugung.
„Dass du dich da nicht mal täuschst, Kleine…“ meint Biggi und schlägt einen sanften Ton an.
„Die Liebe endet nie, wenn beide stets daran arbeiten, dass sie nicht einschläft!“
„Das sagt sich so leicht – ist aber so schwer durch zu halten!“
„Ich weiß, ich habe ja auch eine gewisse Vergangenheit. Aber mit Paul habe ich meinen Traumprinzen gefunden… Denke ich!“
„Na, dann wünsche ich euch beiden viel Glück für eure Zukunft!“
„Überlege mal: wenn du dich verliebt hast, dann möchtest du dich doch bestimmt auch ‘fallenlassen‘ können, loslassen können, deinem ‘Traumprinzen‘ die verantwortliche Führung vertrauensvoll überlassen?“
„‘Wenn man sich verliebt hat‘, Lena, das ist richtig! Als ich so jung war wie du, dachte ich genauso. Aber heute mit Ende Dreißig…“
„Verlieben kann man sich in jedem Alter, Biggi!“
„Das stimmt. Aber die Phase des Verliebtseins, des Schwebens auf Wolke Sieben, wird mit den Jahren immer kürzer. Sehr schnell holt Einen der Alltag wieder ein.“
„Sag mal, hast du Whats app? Magst du über Whats app mit mir in Kontakt bleiben?“
„Gern,“ lächelt sie mich an.
Ich gebe ihr meine Nummer und wir gleichen unsere Handys aufeinander ab. Dann schauen wir noch dem folgenden Spiel zu. Anschließend sagt Paul zu mir:
„Komm, lass uns gehen. Taps wartet sicher sehnsüchtig. Wir gehen draußen mit ihr Gassi und danach fahren wir nachhause.“
Ich verabschiede mich von Biggi und lehne mich im Weggehen eng an Paul. Als er nun seinen Arm um meine Schultern legt, schaue ich ihm verliebt in die Augen.
Wir gehen zum Auto und lassen Tapsy raus, die um uns herum läuft und freudig bellend immer wieder hochspringt. Wir waren wohl zu lange fort. Paul schafft es endlich, ihr die Leine anzulegen. Dann machen wir einen Spaziergang über die Felder.
Während des Spaziergangs bin ich so sehr mit meinen Gedanken beschäftigt, dass ich gar nicht merke wie still ich geworden bin und wie einsilbig ich Paul auf entsprechende Fragen antworte. Er sagt es mir während der Heimfahrt, und dass er mich in Ruhe meine Eindrücke verarbeiten gelassen hat. Dafür bin ich ihm dankbar und hauche ihm einen Kuss auf die Wange.

*

Das Telefon an meinem Arbeitsplatz klingelt.
„Tiefenbach.“
„Hallo Paul. Dieter hier. Ich wollte dir nur sagen, dass unser Projekt in der Eifel angelaufen ist. Ich hatte in den vergangenen Wochen sogar schon einige Feriengäste.“
„Oh, das freut mich für dich!“ gebe ich aufrichtig zurück.
„Auch für dich, Paul, auch für dich! Denn was nützt mir das Ganze, wenn ich es allein schultern muss. Wir hatten doch darüber gesprochen, dass du ebenfalls davon profitieren kannst! Oder hast du dich inzwischen anders entschieden?“
„Nein, ist schon okay, Dieter.“
„Das kommt jetzt gerade nicht begeistert. Weißt du was? Komm doch mit Lena am nächsten Wochenende hierher und schau dir alles an, probier‘ es aus!“
„Nächstes Wochenende? Das klappt!“
Ich bin neugierig geworden.
„Weißt du, ich hatte gerade ziemlich was um die Ohren, aber das klappt am Wochenende!“ bekräftige ich noch einmal.
„Also bis dann.“
„Ja, bis dann. Ich freue mich!“ sage ich und verabschiede mich von Dieter.
Er hat es also geschafft, ein Petplayer-Refugium zu schaffen! Auch wenn es noch in den Kinderschuhen steckt. Das muss ich mir ansehen!
Ich erzähle Lena am Abend beim Fernsehen davon. Während ich auf der Couch sitze hat sie es sich zu meinen Füßen bequem gemacht. Ein Elektro-Kamin spendet wohlige Wärme.
„Wie geht es denn da zu? Wie muss ich mich verhalten? Was ziehe ich an?“
Sie hat den Kopf gehoben und schaut mich zweifelnd an.
„Es wird dort genauso zugehen, wie auch hier, Cherie,“ antworte ich ihr. „Dieter ist mein Mentor. Vieles von meinen Ansichten über die D/s-Beziehung habe ich von ihm. Du verhältst dich nicht anders als bei mir, wenn du in deiner Rolle bist. Was sollst du anziehen? Vier Möglichkeiten hast du: Nackt, wie wenn wir beide unter vier Augen sind. In einem Outfit aus Lack, Leder oder Latex – oder in Kunstfell. Wir werden dafür in den nächsten Tagen schon etwas finden. Oder du schminkst deinen Körper von oben bis unten und gibst ihm das Aussehen einer Hündin. Ob nun Golden Retriever, Dalmatiner – oder eine große Ausgabe von Tapsy…“
„Hm, Lack-, Leder-, Latex- und Furry-Outfits habe ich ja letztens auf dem Event kennengelernt. Am natürlichsten empfinde ich es nackt. Wenn ich mir aber vorstelle, dass wir zu einem mir noch fremden Mann fahren – auch wenn er dir charakterlich gleicht und mich nicht als Freiwild betrachtet -, würde ich gerne ein Body oder zumindest Slip und BH tragen, wenn ich das darf…“
„Okay, Liebling,“ sage ich, beuge mich zu ihr hinunter und streichele zärtlich ihre Flanke.
Taps kommt hinzu und beginnt meine Hand zu lecken.

*

Wenige Tage später, am Samstagvormittag, darf ich Slip und BH anziehen und ein Body mit Druckknöpfen im Schritt darüber. Paul nimmt noch gestrickte Stulpen für die Unterarme in der Farbe des Bodys mit, sowie Pfotenfäustlinge aus Leder, Ballerinas mit Ledersohle unter den Zehen und Knieschoner mit.
Auf meinen fragenden Blick sagt er:
„Ich weiß ja noch nicht, was uns erwartet.“
Am Auto krabbele ich wieder in meinen Spezial-Transportkäfig. Nicht erwähnen muss ich sicherlich, dass ich einen Halsreif aus poliertem Edelstahl trage, den Paul im Internet gekauft hat. Eine zierliche Kette mit Lederschlaufe steckt er sich selbst in die Tasche. So fahren wir los.